PRÄPARIERSAAL – ich sage immer: es geht mir gut.

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ginkgo : 3.05 – Ich erin­nere mich an Olga, die sich kaum bewegte, während sie von ihren Eindrü­cken des Präpa­rier­saales berich­tete. Die junge Frau schien während unseres Gesprä­ches jeder­zeit auf ihren Körper zu achten, eine Tänzerin, die in einer vorge­nom­menen Posi­tion geduldig und diszi­pli­niert eine Stunde lang zur Übung verharrt, nur ihre Hände bewegten sich unent­wegt wie kleine Vögel über den Tisch, weil sie ihre Gedanken mit Zeich­nungen auf Servi­etten unter­stütze. Ihre warme, weiche Stimme, die in dieser Nacht­mi­nute vom Tonband­gerät aus mit leichtem Akzent zu mir spricht: > Ich mache das so. Ich stelle mir Bezugs­punkte vor. Wo also beginnt eine Struktur und wo endet sie, ein Muskel zum Beispiel. Und dann denke ich mir einen Nerv und frage, wo setzt dieser Nerv eigent­lich an? / Als ich am ersten Tag in die Anatomie kam, habe ich mich zunächst gewun­dert, weil ich ein modernes Gebäude erwartet hatte, einen Raum, der kalt ist. Außerdem war ich über­rascht, eine so genaue Präpa­rier­an­lei­tung zu bekommen. Nach zwei oder drei Wochen habe ich am Fuß präpa­riert. Plötz­lich der Gedanke, dass diese Füße einen Menschen ein Leben lang getragen haben. Da musste ich weinen. Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, sehe ich meine Mutter, die in der Küche steht. Sie fragt, wie es mir geht. Ich sage immer: Es geht mir gut. Wenn ich mit Freunden spreche, mache ich oft einmal einen Spaß. Ich erzähle nicht alles, weil ich doch Respekt habe vor den Toten dort. Alles zu erzählen, wäre fast zu intim. Wenn meine Freunde bemerken, dass das dort eigent­lich eher ein wissen­schaft­li­cher Raum ist, verlieren sie sofort ihr Inter­esse. / Da war also eine Hand. Diese Hand war am Gelenk abknickt, sie wurde nur noch von etwas Haut und Sehnen und Gefäßen am Körper gehalten, weil ein Knochen entfernt worden war. Dieser Anblick, ein Bild der Verhee­rung, hat mir schmerz­lich zuge­setzt. – stop
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