PRÄPARIERSAAL : namen

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marim­ba : 22.51 — Feuchte Fliegen lungern am Abend auf dem Boden herum. Das san­fte, ein­schläfer­nde Geräusch des Wassers, Dunkel­heit kommt bald aus den Wolken gefall­en. Unterm Schirm dort weit­er anatomis­che Ton­bän­der verze­ich­net. Veroni­ka* erzählt eine feine Geschichte, die ich beina­he genau so wiedergebe, wie ich sie vor weni­gen Minuten hörte: > Ich ste­he vor einem Tisch und betra­chte einen Kör­p­er. Das ist ein Bild, das ich nicht erfun­den habe, ein Bild, das jet­zt zu meinem Leben gehört. Eine Frau, die in einem weißen Kit­tel vor einem Tisch ste­ht, auf dem ein Men­sch liegt, der tot ist. Ich habe mit den Ursachen dieses Todes nichts zu tun, ich empfinde keine Trauer, aber Respekt. In den ersten Minuten im Saal am Tisch habe ich nicht sehr geord­net, nicht sys­tem­a­tisch jeden­falls nachgedacht. Ich glaube, ich habe zunächst ver­sucht, ein Gefühl, ein geeignetes Gefühl für diese Sit­u­a­tion zu find­en, eine Posi­tion, meine Posi­tion. Kurz zuvor waren wir noch im Hör­saal gewe­sen. Unser Pro­fes­sor hat­te ein Prä­parat mit­ge­bracht. Dieser helle Kör­p­er, der weit ent­fer­nt in einem Oval unter den hoch aufra­gen­den Sitzrei­hen auf ein­er Bahre lag, hat­te etwas Ein­sames an sich. Als ich mich dann an meinem Tisch ste­hend über den Kör­p­er eines Mannes beugte, den ich in den fol­gen­den Wochen zer­legen würde, suchte ich unwillkür­lich nach Spuren, die zu ein­er Vorstel­lung davon führen kön­nten, wie er ein­mal lebte. Aber da war nichts, was mich mit sein­er Zeit noch verbinden kon­nte, kein Name. Das Haar des Mannes war ent­fer­nt, an seinen Ohren waren hölz­erne Schilder ange­bracht, auch an seinen Handge­lenken und an seinen Füßen, sein Gesicht war ohne jeden Aus­druck. Ich erin­nere mich, der Mann wirk­te wed­er friedlich noch so, als würde er nur schlafen, da waren wed­er Zeichen ein­er lan­gen Lei­den­szeit noch Spuren eines Kampfes. Das Gesicht war leb­los, ein Gesicht ohne Ausstrahlung, ohne Elek­triz­ität. Der Kör­p­er erin­nerte mich an eine große Puppe, er hat­te etwas Schema­tis­ches, aber vielle­icht war das bere­its mein Blick, meine Per­spek­tive gewe­sen, die diesen Ein­druck erzeugte? Ein Bein und noch ein Bein. Ein Arm und noch ein Arm, und ein Kopf. Ich kon­nte das bald gut, diesen Mann, diesen Kör­p­er betra­cht­en. Ich war ganz entspan­nt dabei. Ich wusste auch, dass sich dieser Kör­p­er sehr rasch verän­dern würde in der Folge mein­er Arbeit. Ich war der fes­ten Überzeu­gung, dass wir dem Toten keinen Namen geben soll­ten. Ich war sehr froh, dass ich nicht wusste wie sein Name lautete, als er noch lebte. Ich habe, kurzum, ver­sucht, diesen Kör­p­er auf dem Tisch als ein Prä­parat zu betra­cht­en, als eine für uns kost­bare Hülle, als ein Ver­mächt­nis. Meine Kom­mili­to­nen haben ihm einen Namen gegeben, aber wir haben uns deshalb nicht gezankt. Ich habe mich an der Suche nach einem Namen ganz ein­fach nicht beteiligt. - stop

* Name geän­dert
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