seelenkästchen

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zoulou : 0.02 – Ich balan­ciere das Kreuz, das aus Eisen gedreht wurde, im Zug zwischen den Händen. Sehr schöne weiße Berge am Hori­zont, entlang der Strecke blühen Apfel­bäume. Der Mann, der sich das Kreuz ansehen will, ist Künstler. Er arbeitet ausschließ­lich an Kreuzen. Das Kreuz meines Vaters soll kostbar, soll über 200 Jahre alt sein, wird er bald erzählen, wir haben es in Südtirol auf einem Schutt­berg gefunden. In der Halle flackern offene Feuer. Es ist still. Ein paar Fliegen sind im warmen Licht in der Luft zu erkennen und die Hand des Schmiedes, klein und weich. Sie fährt die feinen Schmuck­li­nien des Kreuzes entlang, da und dort fehlen Spitzen. Jede der fehlenden Spitzen wird geschätzt, wie sie wohl ausge­sehen haben mag und was sie viel­leicht kosten wird. Es ist nicht das Mate­rial, sagt der Mann, es ist heut­zu­tage die Zeit, verstehen Sie, die Arbeits­zeit. Er öffnet behutsam die Tür eines Gehäuses, das sich im Zentrum des Kreuzes befindet. Jetzt schließt er es wieder, tritt einen Schritt zur Seite und erkun­digt sich, ob ich den wisse, dass dieses Gehäuse, ein soge­nanntes Seelen­käst­chen sei, ein Ort, an dem sich die Seele eines verstor­benen Menschen ausruhen könne, bis sie weiter himmel­wärts aufsteigen würde. Eine wunder­volle Erfin­dung. Es ist für mich die erste Begeg­nung mit einer Form, die eine konkrete Vorstel­lung der Größe einer Menschen­seele sofort entstehen lässt. Ich sage zu dem Mann, der dicht neben mir steht, dass sie doch kleine Wesen sind, die Seelen der Menschen. Und dann geh ich wieder. Es ist schon halber Nach­mittag. – stop

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