tucholsky : dos passos

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echo : 5.32 – Um kurz nach vier Uhr entdecke ich das Patent eines Büro­stuhls, der sich mit Strom versorgen lässt, um Schla­fende durch leichte oder mittel­schwere elek­tri­sche Schläge zu wecken. Kurz darauf, schon hell, ein Text Kurt Tuchol­skys aus dem Jahr 1928. Ich zitiere: John Dos Passos, ›Manhattan Transfer‹ Da ist ›Manhattan Transfer‹ von John Dos Passos (bei S. Fischer in Berlin). Dieser halbe Ameri­kaner, dessen ›Drei Soldaten‹ (im Malik-Verlag) gar nicht genug zu empfehlen sind, hat da etwas Gutes gemacht. Ich denke, dass die Mode der ameri­ka­ni­schen Romane, die uns die Verleger und die Snobs durch Übermaß sacht zu verekeln beginnen, nach­ge­lassen hat – und das ist auch gut so. Nicht etwa, weil nervöse und wenig erfolg­reiche Reak­tio­näre der Lite­ratur, zum Beispiel in den ›Münchner Neuesten Nach­richten‹, gegen die Über­set­zungen aus dem Fremd­län­di­schen poltern –, sondern weil es zwischen der Hysterie der Anbe­tung und der Neur­asthenie der Verdam­mung ein vernünf­tiges Mittelmaß gibt. Man soll fremde Länder kennen lernen – man soll sie nicht sofort segnen und nicht gleich verflu­chen. ›Manhattan Transfer‹ ist ein gutes Buch – die Ameri­kaner haben sich da einen neuen Natu­ra­lismus zurecht­ge­macht, der zu jung ist, um an den alten fran­zö­si­schen heran­zu­rei­chen, aber doch fesselnd genug. Es sind Foto­gra­fien, nein, eigent­lich gute kleine Radie­rungen, die uns da gezeigt werden; ob sie echt sind, kann ich nicht beur­teilen, die Leute, die lange genug drüben gelebt haben, sagen Ja. Es ist die Lyrik der Groß­stadt darin, eine durchaus männ­liche Lyrik. Der Einsame auf der Bank: »Fein hast du dein Leben versaut, Josef Harley. Fünf­und­vierzig und keine Freude und keinen Cent, um dir gütlich zu tun.« Das hat einmal so gehießen: »Qu’as tu fait de ta jeunesse?«, und das ist von Verlaine und ist schon lange her, aber doch neu wie am ersten Tag. Das Mädchen da liegt auf ihrem Zimmer in der großen Stadt, schwimmt in der Zeit und ist so allein. Sehr schön, wie ein Mann auf der Bett­kante sitzt, und da ist eine Frau, seine Frau, und ein Kind, sein Kind – und plötz­lich sieht er, dass er »hagere rötliche Füße hat, von Treppen und Trot­toirs verkrümmt. Auf beiden kleinen Zehen saß ein Hühner­auge.« Und da hat er Mitleid mit sich und weint. Das Buch ist auch formal gut – Dos Passos ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein begabter Schrift­steller. Sehr hübsch ist diese Denk­figur, der man öfter bei ihm begegnet: »Auf dem Trep­pen­ab­satz befand sich ein Spiegel. Kapitän James Meri­vale blieb stehen, um Kapitän James Meri­vale zu betrachten.« Und diese, die gradezu program­ma­tisch ist und viel tiefer als sie, leicht­ge­fügt, wie sie ist, zu sein scheint: »Nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg.« Eine ähnliche Drehtür des Stils steht bei Sinc­lair Lewis, im ›Elmer Gantry‹, einem Buch von dem hier noch ausführ­lich die Rede sein soll … Ein einziger Klub, heißt es da, wird Herrn Gantry, den Prediger, viel­leicht aufnehmen. »Des Anse­hens wegen. Um zu beweisen, dass sie unmög­lich den Gin in ihren Schränken haben können, den sie in ihren Schränken haben.« Die Über­set­zung von ›Manhattan Transfer‹ durch Paul Baudisch ist sauber und anständig. Kleine Anmer­kung: Man sagt im Deut­schen kaum: »Das macht mich zipflig« –, sondern wohl immer: »Das macht mich kribblig«. Und was ist dies hier? »Dü Maure­tania läuft öben eun; vürund­zwanzig Stunden Verspö­tung« – Spricht eine alte gezierte Dame so? ein Ober­hof­pre­diger? Nein, das ist die Über­set­zung irgend­eines ›slang‹, und die Männer, die sich mit Über­tra­gungen aus dem Engli­schen befassen, sollten sich das abma­chen. – Der Morgen kommt. Tauben sitzen auf dem Fens­ter­brett. Sie haben gut geschlafen. – stop
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