unterm maulbeerbaum

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delta : 18.12 — Hele­na erzählt, sie habe einen Text notiert, 258 Seit­en, in dem von einem jun­gen Mann die Rede sein soll, der sich unter einen Maulbeer­baum set­zte, um seinen Pulss­chlag zu zählen. Wie er nun gegen seine Müdigkeit kämpft, gegen das aufreizende Gefühl der Ameisen­beine, welche unter seinen Hosen­beinen spazieren, auch gegen Durst- und Hungerge­füh­le, wie lange Zeit kann man so sitzen und zählen, nicht lange. Es war noch nicht ein­mal dunkel gewor­den, als der junge Mann auf­s­tand und ver­schwand. Da war nun also ein Maulbeer­baum gewe­sen irgend­wo im Süden, ein paar Vögel außer­dem, Hasen, Füchse, Eidech­sen, Spin­nen, Käfer und eine Erzäh­lerin, die darauf wartete, dass der junge Mann wieder kom­men und seine Pulse weit­erzählen würde. Wie sie in ihrem Kopf Stun­den, Tage, Wochen lang den Baum beobachtete, wie sie sich indessen ein­mal erin­nerte an einen Fre­und, der ver­rückt gewor­den sein soll, weil er nicht damit aufhören kon­nte, Zeitungspa­piere mit­tels Scheren zu zer­legen. Er sam­melte Beweise für dies und das! Berge von Zeitun­gen soll er in sein­er Lei­den­schaft für Beweis­sicherung zer­legt haben, auch unter­wegs kon­nte er nicht damit aufhören, ein Selt­samer, der nur deshalb in Zugabteilen sicht­bar wurde, weil die Papiere, die Zeitun­gen selb­st damals, als er lebte, noch sicht­bar gewe­sen waren. Heutzu­tage darf man, sagt Hele­na, in unsicht­bar­er Weise ver­rückt wer­den, fast alle sind wir schon längst ver­rückt, haben auf Com­put­ern Texte gesam­melt, die wir niemals lesen wer­den, weil das Leben nicht reicht, auch nicht für Beweise. In ihrer Geschichte im Übri­gen will sie eine weit­ere Erzäh­lung ver­steckt haben, jedes einzelne Wort der Geschichte, auch ganze Sätze. Um welche Erzäh­lung es sich präzise han­delt, möchte sie nicht ver­rat­en. Die Erzäh­lung soll von ein­er berühmten Schrift­stel­lerin erfun­den wor­den sein, eine wun­der­bare Miniatur. Sie wartet noch immer. — stop

polaroidbondid

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