valletta : west street

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nordpol : 2.54 – Gestern Abend erreichte mich eine E-Mail von Georges. Er schreibt: Mein lieber Louis, wie ich durch die Stadt Valletta schlen­derte, bemerkte ich in der West Street nahe St. Lucia eine kleine Werk­statt. Sie war düster, aber gerade noch hell genug, dass ich ein Mädchen erkennen konnte, das an einem Tisch saß, sie schien Haus­auf­gaben zu machen. Ich rich­tete meine Kamera auf das Mädchen, um es zu foto­gra­fieren, da hob sie den Kopf und sah mich an mit einem freund­li­chen Blick. Ich fragte, ob ich eintrete dürfe. Es war ein wirk­lich düsterer Ort, das Licht der Straße erreichte gerade noch den Tisch, auf dem das Schul­heft des Mädchens lag, und es war kühl, und es ging ein leichter Wind. In der Tiefe des Raumes erkannte ich einen weiteren Tisch, der von einer Glüh­birne beleuchtet wurde, die ohne Schirm von der Decke baumelte. Hinter dem Tisch hockte ein dunkel­häu­tiger, alter Mann mit weißem Haar. Ich grüsste auch in seine Rich­tung. Als ich mich gerade herum­drehen wollte, um auf die Straße zurück­zu­kehren, schal­tete der Mann einen gläsernen Leucht­globus an. Ein schönes blaues und gelbes Licht von Meeren und Wüsten strahlte in den Raum, vor dessen Wänden Regale bis zur Decke ragten. Dort warteten weitere Erdku­geln, es waren einige Hundert bestimmt. Ich bemerkte, dass der Mann auf dem Tisch Gläs­chen mit Farbe zu einer Reihe abge­stellt hatte, er selbst hielt einen feinen Pinsel und ein Messer mit einer winzigen Klinge in der Hand. Außerdem ruhte der Globus vor dem Mann auf dem Kopf, viel­leicht deshalb, weil er einmal aus seiner Fassung genommen und augen­schein­lich herum­ge­dreht worden war, der Südpol befand sich im Norden, der Nordpol im Süden der leuch­tenden Kugel, an welcher der Mann mit seinen Werk­zeugen arbei­tete. Es war eine Arbeit für ruhige Hände. In dem Moment als ich näher gekommen war, nahmen sie gerade die Entfer­nung des Schrift­zuges Cape Town vor, der selbst auf dem Kopf stehend in das Blau des Meeres jenseits des afri­ka­ni­schen Konti­nentes reichte. Aus nächster Nähe nun beob­ach­tete ich, wie der alte Mann die Spuren, die die Radie­rung des Schrift­zuges erzeugt hatte, mit blauer Farbe füllte. Immer wieder prüfte er indessen den Ton der Pigmente, in dem er eine Lupe in sein linkes Auge klemmte. Er schien weit­ge­hende Erfah­rung in dieser Arbeit gesam­melt zu haben, seine Hände bewegten sich schnell, es roch nach Terpentin, und der Mann hauchte gegen das Meer, wohl um seine Trock­nung zu beschleu­nigen. Dann begann er zu schreiben, er schrieb Cape Town, er schrieb die Wörter so, dass sie nun richtig herum vor unseren Augen erschienen. Ich erin­nere mich an ein Motorrad, das auf der Straße vorbei knat­terte. Das Mädchen hatte seine Schul­hefte geschlossen und war ins Licht der Sonne getreten. Plötz­lich war es verwunden. – stop
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