PRÄPARIERSAAL : ein arm

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ginkgo : 0.18 – Pia erzählt : > Manchmal, wenn ich abends nach dem Präpa­rier­kurs nach Hause gehe, bemerke ich, dass ich die Eindrücke, die ich im Präpa­rier­saal gewonnen habe, nicht mit der Straße, über die ich spaziere oder mit den Gesprä­chen der Menschen, die ich in der U-Bahn höre, in eine Verbin­dung bringen kann. Ich habe das Gefühl, dass der Saal irgendwie frei schwebt, also ganz für sich ist, isoliert. Ich reise zwischen zwei Welten, von da nach dort und wieder zurück, und das geht gut so hin und her. Ich wundere mich, dass ich bisher noch nie vom Präpa­rier­saal geträumt habe, ich kann mich jeden­falls nicht daran erin­nern, geträumt zu haben. Ich glaube, ich bin in irgend­einer Weise geschützt. Ich kann nicht genau sagen, was mich schützt, viel­leicht ist es die Freude an der Arbeit, die Dichte der Aufgaben, die mir gestellt sind. Ja, es ist viel zu tun. Leider kann ich nicht wirk­lich erzählen, was ich erlebe, ich meine zu Hause meinen Eltern oder meinen Freunden. Diese eine Geschichte zum Beispiel, wie ich an einem Donnerstag in den Präpa­rier­saal trete und sehe, dass etwas grund­sätz­lich anders geworden ist. Ich war natür­lich nicht unvor­be­reitet gewesen, denn in der Präpa­rier­an­lei­tung wurde verzeichnet, dass die Leichen auf dem Tisch von den Präpa­ra­toren an einem Mitt­woch­nach­mittag zerlegt werden. Und so war es gekommen. Auf den Tischen lagen nur noch Arme und Beine und die Hälften je eines Kopfes. Seltsam, sage ich Ihnen, sehr seltsam! Aber natür­lich sinn­voll. Von diesem Moment an ist es möglich, einen Arm in die Hand zu nehmen und von allen Seiten her zu betrachten, oder ein Bein. Ich musste mich etwas über­winden, das natür­lich, aber dann habe ich einen der beiden Arme auf dem Tisch ange­hoben, bin mit ihm durch den Saal gelaufen und habe ihn unter flie­ßendem Wasser gewa­schen. Als ich auf dem Weg zurück an den Tisch war, kam mir eine Kommi­li­tonin entgegen, auch sie trug einen Arm vor sich her. Der Arm war sehr groß, richtig schwer, eine kleine Frau und ein großer Männerarm. Wir lächelten uns an, ich glaube, weil wir beide in unseren Augen seltsam ausge­sehen haben könnten. Zurück an den Tisch gekommen, habe ich das Armprä­parat unter­sucht, Muskeln, wo sie ansetzen, und Sehnen. Ich erin­nere mich, ich habe etwas unter­nommen, das ich nur deshalb tun konnte, weil der Arm der Körper­spen­derin ganz für sich gewesen war. Ich habe nämlich an einer Sehne des Unter­armes gezupft und beob­achtet, wie sich an der Hand in nächster Nähe ein Finger bewegte. Einmal, viel­leicht zwei oder drei Tage später, beob­ach­tete ich, wie Kommi­li­tonen an ihren Tischen, bevor sie ihr Präparat mit Tüchern bedeckten, Arme und Beine und die Hälften der Gesichter, so auf den Tisch anord­neten, dass sie wieder an einen voll­stän­digen Körper erin­nerten. Das hat mich beru­higt. - stop

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