geraldine : ein wunder geschieht

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nordpol

~ : geral­dine
to : louis
subject : EIN WUNDER GESCHIEHT

Als es noch dunkel war, bin ich wach geworden, weil das Schiff unter mir schlin­gerte. Wasser schlug gegen das Bull­auge über meinem Bett. Ich setzte mich auf und spürte, dass ich an diesem Tag Kraft haben würde. Ich hatte soviel Kraft, dass ich mühelos meinen Bade­mantel und meine Jacke anziehen konnte. Nur als ich mir die Schuhe binden wollte, wurde mir schwin­delig und ich wäre um ein Haar umge­fallen. Wissen Sie, Mr. Louis, dass ich plante, ganz allein für mich das Haupt­deck zu erklimmen. Verrückt, finden Sie nicht auch? Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, weil der Seegang mich schau­kelte, aber ich schaffte eine Treppe und noch eine zweite, dann ging ich in die Knie. Ein älterer Herr weckte mich, seine Haut war schwarz und sein Haar schloh­weiß. Er half mir aufzu­stehen, und ich sagte ihm, dass ich das Haupt­deck errei­chen wollte, aber anstatt mich vor das Meer zu setzen, setzte er mich in ein Cafe und hörte mir zu und wunderte sich, dass ich so blass war. Ich habe ihm nichts von meinen schweren Gedanken erzählt, aber davon, dass ich Seepost­briefe an meine Schwester Yanuk schreibe, die ich sehr liebe, meine Zwil­lings­schwester, die ein Kind erwartet, ein Kind, das viel­leicht einmal wie seine Mutter Yanuk heißen wird. Ich glaube, er freute sich, und dann erzählte er eine feine Geschichte. Er sagte, dass er vor vielen Jahren sehr verliebt gewesen sei. Die Frau, die er liebte, war eine weiße Frau gewesen, die in einer der besseren Gegenden der Stadt wohnte, während er selbst in einem ärmli­chen Viertel in einem Back­stein­haus lebte. Anfangs schrieb sie ihm Briefe, sagte der Mann, aber er hatte diese Briefe zunächst nicht erhalten, weil der Brief­kasten seines Hauses verschwunden war. Sie besuchte ihn und fragte, warum er ihr nicht antworten würde, und er erzählte, dass nicht nur der Brief­kasten verloren gegangen sei, sondern das ganze Haus sich in Auflö­sung befinden würde. Dann geschah ein Wunder. Am über­nächsten Tag kam ein Post­auto mit einem Post­mann, der einen feuer­roten Brief­kasten an das Haus schraubte, während der alte Mann, der damals noch jung gewesen war, zuge­sehen hatte. Auf den Brief­kasten war die Adresse seines Hauses und sein Name geschrieben und er war mit einem Dutzend groß­ar­tiger Brief­marken beklebt. Natür­lich hatte sich der alte Mann sehr gefreut. Und als er am nächsten Tag wieder zum Brief­kasten ging, lag ein Brief für ihn darin. Ich musste weinen, Mr. Louis, als ich diese Geschichte hörte. Dann trug mich der alte Mann mit einem Steward in meine Kajüte, und da sitze ich nun auf meinem Bett und schreibe an Sie, während die Gischt über meinem Bett mit meinem Bull­au­gen­fenster spricht. – Ihre Geral­dine auf hoher See.

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fangen am 03.12.2008
22.08 MEZ

geral­dine to louis »

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