hispaniola

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sier­ra : 22.02 — Män­ner, die mit bloßen Hän­den Trüm­mer­berge durch­suchen. Der Fuß eines Kindes, staubig, das unter ein­er Beton­decke gefan­gen liegt. Erdi­ge Straßen, gesäumt von ver­we­senden Kör­pern. Eine tote Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Ein Mäd­chen, wie im Traum, nicht ansprech­bar, ihr Blick in die Ferne gerichtet, wie sie durch eine Menge stam­mel­nder Men­schen schre­it­et. Weinende Stim­men. Ver­störte Kinder­gesichter. Rufen. Durst. Verzwei­flung. Infer­no. Flim­mer­bilder. — Im Zug nach Süden erzählt eine Frau, die in Haiti geboren wurde und viele Jahre dort lebte, von dem Land, von dem Volk, das sie liebt, und alle Reisenden, die in ihrer Nähe sitzen, hören ihr zu, geban­nt, mit­füh­lend, fra­gend. Ein­mal sagt sie, dass die Bewohn­er der Stadt Port-au-Prince, die ihr Leben unter Kor­rup­tion in größter Armut auf ein­er heißen Erd­man­telfalte zeit­i­gen, nie an die Gefahr gedacht haben wür­den, in der sie sich in jed­er Minute ihrer Exis­tenz befan­den. Nie­mand habe mit einem Erd­beben dieser Stärke gerech­net, obwohl ein Erd­beben genau dieser Inten­sität lange vorherge­sagt wor­den sei. Eine Frage der Zeit, alles eine Frage der Zeit, sagt die Frau, und sieht aus dem Fen­ster des Zuges, auf Schnee, der in der Däm­merung bläulich schim­mert. Man denkt, ver­ste­hen Sie, man denkt nicht an Erd­beben, an eine Gefahr, die nicht sicht­bar ist, wenn man in Ster­ben­sar­mut lebt. Man denkt an sauberes Wass­er. Man denkt an Brot. Man denkt an das Über­leben der Kinder von Abend zu Abend.

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