PRÄPARIERSAAL : periskop

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echo : 8.15 – Zur Winter­zeit mit einer jungen Frau, einer Malerin, in einem bota­ni­schen Garten spaziert. Sie erzählte von ersten Beob­ach­tungen im Präpa­rier­saal. Ihre leise Stimme, tief, die helle Wölk­chen in der eiskalten Luft erzeugte. Und ein Blick, wenn sie mich ansah, der wie durch ein Sehrohr zu kommen schien. Auf dem Dach eines Glas­schau­hauses balan­cierte ein Mann mit einer Schaufel. Schwäne klap­perten Schnäbel durch knie­hohen Schnee. Entdeckte eine Notiz, die sie mir wenige Wochen später über­mit­telt hatte, weil ihr Kopf nach unserem Spazier­gang weiterhin anato­mi­sche Sätze erzeugte. Ein Ausschnitt. Sophie schreibt: > Was ich sah, war Chaos. Merk­wür­digste, fremd­ar­tige Formen auf Tischen, die von Studie­renden bewegt wurden. Es war absto­ßend und ängs­ti­gend. Ich dachte daran, dass dies einmal Menschen gewesen waren. Dann aber wurden in meinen Gedanken aus jenen gewe­senen Menschen Körper, und es wurde möglich, das, was ich sah, mit Begriffen zu versehen. Ganz mecha­nisch sagte ich Bezeich­nungen für Körper­teile, die ich iden­ti­fi­zieren konnte, vor mich hin. Ich glaube, dass sich in diesem Moment meine Emotio­na­lität von meinem Intel­lekt trennte und sich irgendwo – sicher vor weiteren Eindrü­cken – versteckte. Und ich war erleich­tert, zu sehen, dass das Geheimnis des Todes ein Geheimnis geblieben war. Ich beob­ach­tete mit Verstand. Trotzdem sah ich tief aus mir selbst heraus. Ich wanderte zwischen Leichen umher, die von weißen Kitteln umringt waren, wie in einer Blase, die mich schützte, und doch war ich sehr zerbrech­lich. In der Mitte der Körper, dort wo norma­ler­weise der Bauch ist, war jeweils ein Loch zu sehen. Neugierig geworden, musste ich näher an die toten Körper heran­treten. Ich sah das viele Fleisch, gelbe fettige Farbe unter farb­loser Haut. Ich war über­haupt über­rascht von der Farb­lo­sig­keit der Körper und stellte fest, wie wenig Mensch­li­ches, wie wenig Persön­li­ches noch an ihnen zu erkennen gewesen war. Obwohl ich diesen Ort besuchte, um zu zeichnen, hatte ich bei meinen ersten Besu­chen weder Papier noch Blei­stift dabei. Ich wollte zunächst nur sehen. – stop

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