PRÄPARIERSAAL : skalpell

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romeo : 3.05 – Ich habe das Fauchen eines Schwans gehört. Zunächst war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich mich nicht viel­leicht geirrt haben könnte, ein Nach­ge­räusch, dachte ich, ein Schatten in den Ohren, wie in den Augen Nach­bilder entstehen, weil ich am Abend wirk­li­chen, fauchenden Schwänen im Palmen­garten begegnet war. Also spulte ich das Band zurück und hörte noch einmal genauer hin, und da war das luftige Geräusch tatsäch­lich wieder zu hören gewesen in einer Atem­pause Emilys, deren Stimme ich im Nymphen­burger Schloss­park aufge­zeichnet hatte. Sie wollte Spazie­ren­gehen. Sie hatte gesagt, sie könne sich besser konzen­trieren in Bewe­gung, vor allem besser schweigen, nach­denken im Gehen. Winter­zeit, Schnee lag hoch bis zu den Knien und die Schwäne fauchten hungrig. Emily nun, so wie sie gespro­chen hatte, ohne Pausen an dieser Stelle, weil ich ihr Schweigen in den Zeichen entfernte: > Bevor ich erzähle, wie ich die Öffnung des Körpers erlebt habe, möchte ich erwähnen, dass dieser erste Tag und auch der zweite Tag für mich nur schwer zu ertragen gewesen sind. Ich war beein­druckt von der großen Zahl der Tische, die in den Apsiden standen. Ganz ehrlich, ich war einge­schüch­tert. Ich fühlte mich unsi­cher und unbe­deu­tend und ich glaube, viele andere haben sich selbst auch so wahr­ge­nommen. Man will das natür­lich nicht zeigen. Man wünscht sich, souverän zu sein. Aber ich musste mich über­winden, den Körper über­haupt nur zu berühren. Da war ein Wider­stand in mir, dem ich bis heute noch nach­spüren kann Ich habe mehrere Versuche unter­nommen und hatte plötz­lich große Angst, dass ich das über­haupt niemals könnte. Aber meine Freunde am Tisch waren sehr verständ­nis­voll. Sie haben mich nicht gedrängt und auch unser Tischas­sis­tent nicht. Er sagte, dass das ganz normal sei und dass ich mich beru­higen solle und ganz ruhig atmen. Ich hatte eine irgendwie verzerrte Wahr­neh­mung, alles war so laut um mich herum und ich bekam schlecht Luft. Ich bin dann erst einmal aus dem Saal geflüchtet. Eine Freundin hat mich begleitet und wir sind auf dem Flur hin- und herge­laufen. Und dann wollte sie zurück und ich folgte. Ich erin­nere mich an den grünen Kittel unseres Assis­tenten. Er beugte sich gerade über den Körper des Toten und zog das Skal­pell vom Kinn in Rich­tung des Nabels. Ich wunderte mich, dass man gar nichts hören konnte. Verstehen Sie, ich kann mir heute noch nicht erklären, warum ich ein Geräusch erwartet habe. Man konnte auch keine Spuren eines Schnittes erkennen. Dann ist etwas Merk­wür­diges mit mir geschehen. Ich habe meine Posi­tion am Tisch wieder einge­nommen, das heißt, ich habe mich wieder zu meiner Gruppe gestellt. Ich habe meine Hand­schuhe ange­zogen, mein Skal­pell ausge­packt und meine Pinzette und dann habe ich ange­fangen zu arbeiten. Ich will das so sagen, ich habe den Körper auf dem Tisch zunächst mit dem Skal­pell berührt und dann mit meinen Händen. Ich war sehr glück­lich gewesen, dass ich mich über­winden konnte. Immer wieder ist aber das Gefühl einer gewissen Unwirk­lich­keit zurück­ge­kehrt, der Eindruck an diesem Ort depla­ziert zu sein, fremd oder so etwas. Sobald ich dann etwas getan habe, wenn ich gear­beitet habe, wenn ich also präpa­riert habe, ging das gut mit mir. Ich glaube, ich war eine von jenen, die stets tief über das Präparat gebeugt waren, ich bin sehr schnell in den Saal zum Tisch gelaufen, und wenn ich fertig war, habe ich den Saal so rasch wie möglich wieder verlassen.

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