malta : fallschirmregen

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nord­pol : 16.22 – Aus heit­erem Him­mel set­zt sich vor der Nation­al­bib­lio­thek eine uralte britis­che Lady zu mir in den Schat­ten. Helle, faltige Haut, die sich mit dem Seewind über ihren dür­ren Kör­p­er hin zu bewe­gen scheint. Sie trägt einen grü­nen Son­nen­hut, gelbe Led­er­san­dalen und einen lan­gen beigen Rock; hell­blaue Augen, Steck­nadelpupillen, die mich fix­ieren, kein Lid­schlag. Wo ich herkomme, will sie wis­sen, was ich da notiere, ob ich mit dem Inter­net ver­bun­den sei. In dem sie mir zuhört, lehnt sie sich in ihren Stuhl zurück, um sich sofort wieder zu näh­ern, wenn sie selb­st zu sprechen begin­nt. Dass es ein Wun­der sei, wie schnell die Deutschen nach dem Krieg wieder wohlhabend gewor­den sind. Ja, die Deutschen, sagt sie mit ihrer hellen Stimme, alles was die Deutschen tun, machen sie gründlich. Ein­mal, als sie noch ein kleines Mäd­chen gewe­sen war, reg­neten eines frühen Mor­gens Fallschirme auf die Ebe­nen Mal­tas herab. Sie hat­ten es nicht leicht mit der Lan­dung, da waren über­all stein­erne Wälle zum Schutz vor dem Wind. Kurz darauf fie­len Bomben auf den kleinen Ort Mos­ta. Wenn Sie Zeit haben, besuchen Sie Mos­ta, das müssen Sie unbe­d­ingt tun! Eine Bombe traf die Kirche, dor­thin hat­ten sich hun­derte Men­schen geflüchtet, aber die Wände, das Gewölbe waren unbe­sieg­bar gewe­sen. Eine weit­ere Bombe traf den Mark­t­platz und tötete ein Dutzend Hüh­n­er. Die alte Frau spricht jet­zt langsam und präzise, als erwartete sie, dass ich ihre Erzäh­lung Wort für Wort im Kopf mitschreiben würde. Eine ihrer Schwest­ern sei ver­wun­det wor­den, ein Split­ter habe den Onkel, der sich auf sie gewor­fen habe, glatt durch­schla­gen. Ihr Vater habe dann ein Zelt im Haus für die Fam­i­lie errichtet, weil das Haus sein Dach ver­loren hat­te durch den Luft­druck, als ein benach­bartes Grund­stück einen Voll­tr­e­f­fer erhielt. Es ist schon ein Wun­der, sagt sie und lächelt, es ist schon ein Wun­der.
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