PRÄPARIERSAAL — so haben wir angefangen

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delta : 22.20 — Sobald ich mein Ton­bandgerät betra­chte, wenn ich beobachte, wie sich zier­liche Räd­chen hin­ter ein­er Scheibe bewe­gen, Lust, die kleine Mas­chine auseinan­derzunehmen, alles zu betra­cht­en und dann wieder zusam­men­zuset­zen, auch wenn vielle­icht Jahre verge­hen, bis die Zusam­men­hänge der Mas­chine wieder fehler­los hergestellt sein wer­den. An diesem Abend, da im Hin­ter­grund eine weit­ere, eine dig­i­tale Ton­band­mas­chine Joshua Red­man wieder­holt, ist alles noch in Ord­nung, unberührt, sagen wir. Tom erzählt: > Man geht also vor­sichtig los, man kommt durch eine Klapp­tür in den Saal und sieht sofort, dass da sehr viele Men­schen sind. Ich hat­te zunächst ein paar Prob­leme damit, die Knöpfe meines Kit­tels in die Fin­ger zu bekom­men, weil ich einen Atlas unter den Arm gek­lemmt hat­te und ein Paar Latex­hand­schuhe in der einen Hand und in der anderen meinen Werkzeugkas­ten, eine hölz­erne Schachtel mit Pinzetten und Skalpellen. Ich habe mir gedacht, du musst jet­zt nicht beson­ders sou­verän sein, mein Junge, son­dern zunächst ein­mal deinen Tisch find­en und deine Leute und dann wirst Du ganz ein­fach anfan­gen. Also bin ich gle­ich nach links gelaufen, weil ich wusste, dass ich in ein­er Abteilung arbeit­en werde, die links liegt, wenn man das von der Tür aus betra­chtet. Aber dann hat­ten wir natür­lich keine Ahnung, wie wir anfan­gen soll­ten. Wir standen um einen Tisch herum und haben zunächst ein­mal abge­wartet. Wir waren acht Leute. Weil wir uns noch nicht alle kan­nten, haben wir uns erst ein­mal vorgestellt. Vielle­icht bekomm ich sie grad schnell zusam­men. Da war, zum Beispiel, Mika, eine Nor­wegerin, und Michael, der mir am Tisch gle­ich gegenüber arbeit­ete, und Susan, die sich ein Tuch um ihren Kopf gebun­den hat­te, damit das Haar ihr nicht ins Gesicht fall­en kon­nte. Und da waren Zue natür­lich, eine Afrikaner­in von der Elfen­beinküste, die uns nicht immer ver­ste­hen kon­nte, weil sie die englis­che und franzö­sis­che Sprache bess­er sprechen kon­nte als die deutsche Sprache, und Ismene, eine Griechin, die uns sofort erzählt hat­te, dass sie Chirur­gin wer­den wolle. Ich erin­nere mich, Ihre Augen waren stark gerötet, vielle­icht weil ein schar­fer Geruch in der Luft hing, irgen­det­was, das die Augen reizte. Ich kon­nte diesen Geruch bere­its auf der Strasse wahrnehmen, und später, am Abend, zu Hause, hat­te ich ihn an den Hän­den. Kurzum, wir haben dann also gewartet. Ich kann nicht genau sagen, wie lange wir so gewartet haben. Das war eine selt­same Sit­u­a­tion. Wir haben uns immer wieder angelächelt. Ich glaube, wir waren alle sehr ver­legen und standen zu diesem Zeit­punkt unter ein­er großen Span­nung. Der Tisch hat­te die Num­mer 4/12. Eine rote Plane war über diesen Tisch aus­ge­bre­it­et und wir kon­nten eine Kon­tur erken­nen, eine Erhe­bung. Wir wussten, dass da ein Kör­p­er lag und dass dieser Kör­p­er eher klein sein musste, zier­lich, sagen wir. Ich hat­te die Vorstel­lung, dass dort unter der Decke eine Frau liegen kön­nte. Und ich erin­nere mich, dass ich in diesem Moment über­legte, ob das Geschlecht des Kör­pers, den ich in den kom­menden Wochen auseinan­der nehmen würde, eine Bedeu­tung für mich haben würde oder nicht. Und dann ging alles sehr schnell. Unser Coas­sis­tent kam zu uns an den Tisch und erkundigte sich, ob alles ok sei. Er hat­te die Arme vor der Brust ver­schränkt und schaute jeden einzel­nen von uns an und lachte sehr fre­undlich. Wir haben dann damit begonnen, das rote Tuch vom Tisch zu nehmen. So haben wir ange­fan­gen.
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