georges perec

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tan­go : 22.01 — Fol­gen­des. Immer gegen 8 Uhr in der Früh brechen wir auf, Georges und ich. Wir gehn ein paar Schritte über die Rue de Jav­el, nehmen die 6er Metro durch den Süden, steigen dann um in Rich­tung Porte Dauphin, fahren mal unter, mal über der Erde im Kreis herum, bis es Abend oder noch später gewor­den ist. So kann man gut sitzen, zufrieden, durchgeschüt­telt, Seite an Seite für viele Stun­den, und Men­schen betra­cht­en, wie sie hereinkom­men, Fahrgäste, wie sie im Wag­gon Platz nehmen, wie sie beschaf­fen sind, davon leg­en wir Verze­ich­nisse an, Georges ein Verze­ich­nis, und ich ein Verze­ich­nis. Weil es aber sehr schw­er ist, ein Verze­ich­nis aller Erschei­n­un­gen eines Raumes anzule­gen, der nicht ger­ade erfun­den wird, eines Raumes, der sich fort­be­wegt, der betreten und ver­lassen wird von Men­schen im Minu­ten­takt, das Verze­ich­nis eines Raumes, dessen Fen­ster sich von Sekunde zu Sekunde neu bespie­len, weil es also unmöglich ist, das Verze­ich­nis eines wirk­lichen Raumes anzule­gen, machen wir das so : in der ersten Stunde des Reise­tages notieren wir ein Verze­ich­nis der zugestiege­nen Krawat­ten, in der zweit­en ein Verze­ich­nis der Schuhe und der Strümpfe, ein Verze­ich­nis, sagen wir, der Gehw­erkzeuge und ihrer Bek­lei­dung, dann ein Verze­ich­nis der Haar­tra­cht­en, der Taschen, der Meth­o­d­en sich im fahren­den Zug einen sicheren Stand zu ver­schaf­fen, der Gesprächs­ge­gen­stände, der Art und Weise sich zu küssen, zu stre­it­en, oder aber ein Verze­ich­nis abseit­iger Gestal­ten, ein Verze­ich­nis der Diebe, der Bet­tler, der Posaunis­ten, der Ver­wirrten ohne Ziel, je ein Verze­ich­nis der Sprachen und klein­er Geschicht­en, die wir aus der all­ge­meinen Bewe­gung zu isolieren ver­mö­gen. Von Zeit zu Zeit, während wir so fahren und notieren, höre ich neben mir ein Lachen. Wenn Georges lacht, hört sich das an, als habe er einen Vogel ver­schluckt, als lache er nur deshalb, weil er Made­moi­selle More­au wieder freilassen wolle. Dann weiß ich, Georges hat etwas gefun­den, das er mir abends in irgen­deinem Cafe, wenn wir fer­tig, wenn Papi­er und Strom zu Ende sind und unser bei­der Köpfe so voll, dass sich nichts mehr in ihnen auf­be­wahren lässt, vor­tra­gen wird, — „Auf Krawat­te gelb, zehnzwei, lebende Ameise, argen­tisch, kreuz und quer. Der Code­name Ser­vals war Lou­viers“, sagt Georges und hebt sein Glas. Fünf Gläs­er Pastis, fünf Gläs­er Wass­er, — dann sind wir wieder leicht gewor­den, und weil die Luft warm ist, weil Mai ist, nehmen wir den let­zen Über­landzug nach Nor­den oder den 11er nach Süden, dor­thin, wo die Feuer­nelken blühn, und wenn es endlich Mor­gen gewor­den ist, steigen wir um, öff­nen die Fen­ster und fahren nach West­en in unser­er Wind­mas­chine spazieren. Der Regen schlägt uns ins Gesicht und wir sehen Gewit­ter auf­steigen und Schwe­fel vom Him­mel kom­men und weißes Licht, das die Land­schaft entzün­det. So haben wir schon sehr schöne Gedanken über das Feuer gefan­gen und über das Schlagzeug in diesem gewalti­gen Raum, der über uns hängt, einem Raum, dessen zen­trales Verze­ich­nis von nicht men­schlichen Maßen ist, so dass wir bald nur schweigen und auf ent­fer­nte Men­schen schauen, auf Szenen im rasenden Vorüberkom­men, auf Filme, die in unseren hin und her has­ten­den Augen der­art kurze Filme sind, dass sie ein­er Fotografie sehr nahe kom­men, nicht mehr Film sind und noch nicht ganz unbe­wegt. Es ist ganz so, als wür­den wir an ein­er gewalti­gen Auf­nahme der Zeit vorüberkom­men, an ein­er Fotografie, deren Gegen­wart wir nicht berühren, weil wir nicht aussteigen kön­nen, ohne das Leben zu ver­lieren, weil wir zu schnell, weil wir in ein­er anderen Zeit sind. — stop / kof­fer­text

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