j.d.salinger : 160 west 71st street

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tango : 2.15 – Kurz nach Mitter­nacht beginnt es zu schneien. Sitze mit Schreib­ma­schine vor dem Fenster und übe das Fangen einzelner Flocken mit den Augen. Ich mache das genau so, wie ichs als Kind schon machte, aber die Licht­pelze dieser Stunden fallen aus der Dunkel­heit, während sie sich damals aus hellen Wolken­räumen lösten, deren Tiefe nie zu ermessen gewesen war. – Eine selt­same Nacht ist das heute. Ich habe eigent­lich viel zu tun, und doch sitze ich hier am Fenster und schaue himmel­wärts und denke an Salinger, an den großen geheim­nis­vollen Schrift­steller, der gestern gestorben sein soll. Ich hatte vor wenigen Wochen noch einen Ballon in meine Spazier­karte der Stadt New York einge­tragen, um ein Gebäude in der 71. Straße West zu markieren, das Hotel Alamac genauer, Hand­lungsort der Geschichten um Franny und Zooey. Ich dachte mir, hier wirst Du einmal in den kommenden Jahren für Tage lungern und notieren und warten, auf J.D. Salinger warten, darauf warten, dass Dir der alte Mann erscheinen möge. Und so wird das nun also anders werden. Aber wirk­lich merk­würdig ist folgende Einsicht, die ich gewonnen habe in den vergan­genen Stunden. Menschen, die so bescheiden lebten, dass man sie für nicht wirk­liche Wesen ansehen konnte, werden wahr­haftig, werden lebendig, sobald man ihr Lebens­ende meldet. – Und nun wieder der Himmel und sein Licht. Zwanzig Uhr zwölf  in Port-au-Prince, Haiti. – stop
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