von schuhen

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charlie : 3.25 – Bahn­steig 23, Central­bahnhof, Dienstag, 28 Minuten nach 10 Uhr abends. Auf einer Bank sitzt eine Frau in dunklem Gewand, über ihrem Kopf ein Tuch von ebenso schwarzer oder dunkel­grauer Farbe, das ihr Haar lose bedeckt. Die Frau scheint von hohem Alter zu sein und müde und scheu, noch nicht einmal drei Stunden ist es her, dass sie an diesem Ort einge­troffen ist. Ich höre, der junge Mann, der an ihrer rechten Seite sitzt, sei ihr Enkel, er war es gewesen, der die alte Frau aus dem Zug getragen hatte, weil sie nicht mehr laufen konnte, so erschöpft waren ihre Füße vom wochen­langen Wandern durch halb Europa, außerdem waren zuletzt Schuhe kaum noch vorhanden. Ein Mädchen hat ihren Kopf im Schoß der Urgroß­mutter geborgen und schläft. Eigent­lich müssten da noch zwei Jungs sein, der ältere Bruder des kleinen Mädchens, aber der ist tot, und auch ihr jüngerer Bruder ist nicht da, weil er tot ist, und auch ihre Mutter nicht, da ihre Wohnung von einer Granate getroffen worden war, als das kleine Mädchen auf die Straße rannte ganz allein, was eigent­lich verboten war im November des vergan­genen Jahres in einem Dorf 16 Kilo­meter weit entfernt von der Stadt Homs. Auch der Urgroß­vater des über­le­benden Mädchens ist nicht da, weil er tot ist. Aller­dings ist der Urgroß­vater zur übli­chen Zeit eines natür­li­chen Todes gestorben und in Form einer Foto­grafie nach Europa mitge­kommen, die die alte Frau in diesem Moment in ihrer Hand hält und betrachtet. Ihr Sohn, der Vater des jungen Mannes, der seine Groß­mutter aus dem Zug getragen hatte, spricht gerade mit einer fröh­li­chen Person, die eine Weste trägt, welche leuchtet, dass es in den Augen nur so schmerzt. Er versucht der jungen deut­schen Frau zu erklären, dass er vor Stunden seine Ehefrau aus den Augen verloren habe, er sagt immer wieder ihre Namen auf, damit man unver­züg­lich nach ihr suchen könne. Sein Sohn, der junge Mann, der neben seiner Groß­mutter sitzt, erzählt indessen in engli­scher Sprache, seine Groß­mutter habe das Dorf, aus dem die Familie vor Monaten geflüchtet war, in ihrem ganz Leben nicht ein einziges Mal verlassen, und jetzt sitzt sie also hier auf einer Bank in diesem Nord­land, Bahn­steig 23, Central­bahnhof, versteht kein Wort, von dem was da so überall um sie herum gespro­chen wird, und streicht mit ihren Händen behutsam über das Haar des schla­fenden Kindes. Immer wieder schaut sie zu ihren Füßen hin, als wäre sie nicht sicher, dass diese Füße ihre eigenen Füße sind. Vorsichtig bewegt sie sie hin und her, noch keine Vier­tel­stunde ist vergangen, da hatte sich ihr Enkel vor ihr nieder­ge­kniet, um ihr nagel­neue feuer­rote Turn­schuhe anzu­ziehen von Puma. – stop

drohne18

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