an martha

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tan­go : 12.15 — Im Gespräch mit ein­er alten Dame über das Vergessen. Sie sagte, dass man, wenn man wirk­lich vergesslich wird, diese Vergesslichkeit nur dann bemerkt, wenn man darauf aufmerk­sam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Woh­nung aufhalte, könne sie vergessen, soviel sie wolle, es würde ihr selb­st nicht und nie­mand anderem auf­fall­en, dass sie eigentlich einen Film betra­cht­en wollte, aber auf dem Weg zum Fernse­hgerät plöt­zlich ein Buch auf dem Tisch ent­deck­te, weshalb ihr Filmwun­sch ver­loren ging. — Liebe Martha, Du hast ver­säumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzählte. Ich sende diesen Text noch ein­mal und rufe Dich gle­ich an, damit Du ihn für mich vor­lesen wirst. Hier ist er: Eines der let­zten bewegten Bilder, die ich von meinem Vater in Erin­nerung habe, zeigt ihn, wie er in seinem Arbeit­sz­im­mer am Com­put­er arbeit­et. Auf dem Bild­schirm sind dutzende Pro­gramm­fen­ster geöffnet. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in seinem Ses­sel. Manch­mal tastet eine Hand durch die Luft, greift unsich­er nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wieder auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zeiger über den Bild­schirm fahren. Ein weit­eres Pro­gramm­fen­ster öffnet sich. Ein kleines Mäd­chen fährt in diesem Fen­ster auf einem Fahrrad über einen sandi­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlangen­lin­ien dahin, lacht hoch zur Kam­era, die rück­wärts durch die Luft zu fliegen scheint. Es ist ein heit­er­er Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorne ab. Aber dann öffnet sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fen­ster, das den heit­eren Film verdeckt. Eine Fotografie, Mut­ter nahe Liss­abon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­put­er sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schuhe. Auch meine Mut­ter trägt Turn­schuhe. Ich fragte mich, wer diese Auf­nahme machte, und komme nicht darauf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Fotografen vielle­icht. In diesem Moment ruft die Frau, die auf der Fotografie zu sehen ist, von unten, vom Wohnz­im­mer her, dass das Mit­tagessen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fen­ster, die er im Laufe des Vor­mit­tages geöffnet hat­te, wieder zu schließen. Nein, alles muss aufgeräumt wer­den. Mein Vater ste­ht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsicheren Schrittes auf die Treppe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zeiger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fen­ster nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schließen der Fen­ster zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­deck­en, nicht zu erken­nen. Der Zeiger irrt auf dem Bild­schirm herum, Fen­ster drän­gen sich in den Vorder­grund und ver­schwinden wieder. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärtlich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schritte auf der Treppe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwitsch­ern der Vögel vom Garten her. Im Zim­mer auf dem Schreibtisch ist der Com­put­er längst eingeschlafen. — stop

polaroidkolibris

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