papiere in zügen

2

delta : 0.08 — Ich erin­nerte mich an einen Mann, dem ich vor zwei Jahren in einem New York­er U-Bahnzug begeg­net war. Der Mann saß gle­ich vis-à-vis, sein Rück­en lehnte an der Wand des Wag­ons, er hat­te die Beine übere­inan­der geschla­gen, trug ram­ponierte, blaue Turn­schuhe, und einen hell­grauen Anzug, ein weißes Hemd zudem, sowie eine grell­bunte Krawat­te, deren Knoten lock­er vor einem lan­gen, schmalen Hals schaukelte. Ich hat­te damals den Ein­druck, dass der Mann sich freute, weil ich ihn beobachtete, indem er Zeitun­gen durch­suchte, die sich auf dem Sitz­platz neben ihm türmten, und zwar in ein­er sehr sorgfälti­gen Art und Weise durch­suchte, jede der Zeitun­gen Seite für Seite. Er schien Übung zu haben in dieser Arbeit, seine Augen bewegten sich schnell und ruckar­tig, wie die Augen eines Habichts, hin und her. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, sein Kopf neigte sich dann leicht nach vorne, um mit ein­er Schere einen Artikel oder eine Fotografie aus der Zeitung zu schnei­den. Das Rascheln des Papiers. Und das helle, ziehende Geräusch der Schere, wie es die Seit­en zerteilte. Ich notierte in mein Notizbuch: Ein ver­rück­ter Mann, ich werde ihm nie wieder begeg­nen. Diese Notiz habe ich heute bemerkt unter weit­eren Noti­zen, die sich mit dem geduldigen Schlafen in U-Bahnzü­gen beschäfti­gen. Ich frage mich nun, wie ich darauf gekom­men sein kön­nte, den beobachteten Mann als ver­rückt zu beze­ich­nen. Vielle­icht deshalb, weil ich mir vorgestellt hat­te, wie der Mann leben kön­nte. Ich glaube, ich stellte mir das Leben eines Ver­rück­ten vor. In sein­er Woh­nung türmten sich Zeitun­gen, Tis­che, Stüh­le, Schränke existierten nicht, aber ein Bett, das von Papieren bedeckt war. Auch in der Woh­nung, oder ger­ade eben dort, wur­den Zeitun­gen durch­sucht, neuere oder ältere Zeitun­gen, die der Mann während sein­er täglichen Spazier­fahrten durch die Stadt mit sich nahm. Eigentlich las der Mann die Zeitun­gen nicht wirk­lich, son­dern nur Über­schriften. Sobald er eine bemerkenswerte Über­schrift ent­deck­te, wurde der dazuge­hörende Artikel gesichert, Artikel, die sich beispiel­sweise mit Blu­men, Afri­ka, Ozeanogra­phie, Geheim­di­en­sten, Waf­fen­sys­te­men, Hunger­snöten oder erzäh­len­der Lit­er­atur beschäftigten. Hun­dert­tausende Schrift­stücke waren so über viele Jahre gesam­melt wor­den, eine faszinierende Tätigkeit, eine Arbeit, die den Mann glück­lich gemacht haben kön­nte, ich ver­mute, weil er vor sich selb­st ver­heim­lichte, dass er seine gesam­melten Doku­mente niemals lesen wird, weil seine Leben­szeit nicht aus­re­ichte, selb­st dann nicht, wenn er das Sam­meln ein­stellen und mit der Lek­türe sein­er Beweis­stücke ohne Verzug begin­nen würde. — stop

ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top