stonington island

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whiskey : 2.32 — Das Labor der Eis­büch­er, mit dem ich vor weni­gen Minuten tele­fonierte, befind­et sich seit zwölf Wochen auf Ston­ing­ton Island, ein­er fel­si­gen Gegend am nördlichen Rand des antark­tis­chen Kon­ti­nents. Ich habe einen Text trans­feriert, der in diesen Minuten möglicher­weise von fein­sten Fräsen in Eis­blät­ter einge­tra­gen wird. Ich stelle mir vor, ein helles Geräusch ist zu vernehmen, in dem ein Robot­er äußerst behut­sam zu schreiben begin­nt. Es geht darum, das Eis­blatt nicht zu zer­brechen, das so dünn ist, dass man mit ein­er Taschen­lampe hin­ter die Zeichen meines Textes leucht­en kön­nte. Es ist kalt, der Wind pfeift um hölz­erne Barack­en, in welchen hun­derte Schreib­maschi­nen bewe­gungs­los warten, bis man sie anruft. Fol­gende Geschichte habe ich ins Tele­fon gesprochen: Draußen, vor weni­gen Stun­den noch, rauschte Wass­er vom Him­mel. Aber jet­zt ist es still. Es ist eine tat­säch­lich nahezu geräuschlose Nacht. Die let­zte Straßen­bahn ist längst abge­fahren, kein Wind, deshalb auch die Bäume still und die Vögel, alle Men­schen im Haus unter mir scheinen zu schlafen. Für einen Moment dachte ich, dass ich vielle­icht wieder ein­mal mein Gehör ver­loren haben kön­nte, ich sagte zur Sicher­heit ein Wort, das ich gestern ent­deck­te: Kaprun­biber. Das Wort war gut zu hören gewe­sen, meine Stimme klang wie immer. Aber auf dem Fen­ster­brett hockt jet­zt ein Marienkäfer, ein­er mit gelbem Panz­er, sieben Punk­te, ich habe nicht bemerkt, wie er ins Zim­mer geflo­gen war. Es ist nicht der erste Käfer dieses Jahres, aber ein­er, den ich mit ganz anderen Augen betra­chte. Ich hat­te für eine Sekunde die Idee, dieser Käfer kön­nte vielle­icht ein kün­stlich­er Käfer sein, ein­er, der mich mit dem Vor­satz besuchte, Fotografien mein­er Woh­nung aufzunehmen, oder Gespräche, die ich mit mir selb­st führe, während ich arbeite. Warum nicht auch ich, dachte ich, ein Ziel. Ich nahm den Käfer, der seine Gehw­erkzeuge unverzüglich eng an seinen Kör­p­er legte, in meine Hände und trans­portierte ihn in die Küche, wo ich ihn in das grelle Licht ein­er Tis­chlampe legte. Wie ich ihn betra­chtete, bemerk­te ich zunächst, dass ich nicht erken­nen kon­nte, ob der Käfer in der kün­stlichen Hel­ligkeit seine Augen geschlossen hat­te. Wed­er Herz­schlag noch Atmung war zu erken­nen, auch nicht unter ein­er Lupe, nicht die ger­ing­ste Bewe­gung, aber ich fühlte mich von dem Käfer selb­st beobachtet. Also drehte ich den Käfer auf den Rück­en und suchte nach einem Zugang, nach einem Schräubchen da oder dort, ein­er Kerbe, in welche ich ein Messer­w­erkzeug ein­führen kön­nte, um den Panz­er vom Käfer zu heben. Man stelle sich ein­mal vor, ein sehr klein­er Motor wäre dort zu find­en, Mikro­phone, Sender, Lin­sen, es wäre eine unge­heure Ent­deck­ung. Im Moment zögere ich noch, den ersten Schnitt zu set­zten, es reg­net wieder, jawohl, ich werde am Besten zunächst noch ein wenig den Regen beobacht­en, es ist kurz nach drei. – stop

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