tarasa shevchenko boulevard

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alpha : 3.12 – Auf Nacht­bänken schlafen Menschen, ärmlich geklei­dete Personen. Sie liegen mit ihrem Kopf auf Taschen, in welchen sich Ausweise und Geld befinden. Sobald Menschen schlafen erscheinen sie in meinen Augen wie Kinder, sie wirken zerbrech­lich, auch wenn sie bären­starke Männer sind, die vor Wochen noch in Rumä­nien oder Bulga­rien lebten. Staubig sind sie geworden, ein strenger Geruch geht von ihren Körpern aus. Wenn sie wach werden am Morgen, wenn sie im goldenen Licht der Flug­ha­fen­trans­fer­räume sitzen, die Luft duftet nach frischem Gebäck und Kaffee, schauen sie mit todmüden, gerö­teten Augen in den Strom der Passa­giere, feine, edle Gestalten dort, viele scheinen fröh­lich zu sein, sie führen flache Computer mit sich und Bord­zei­tungen, sind in graue oder blaue Anzüge gehüllt, in Beglei­tung schwe­bender oder rollender Koffer. Es ist kurz nach sechs Uhr. Lang­stre­cken­flug­zeuge sind gelandet, New York, Los Angeles, Peking, Mumbai, Buenos Aires, Ottawa. Vor einer Roll­treppe warten zwei Frauen. Die eine der Frauen erzählt eine Geschichte in deut­scher Sprache mit russi­schem Akzent. Ich bleibe stehen, ich höre zu. Es ist eine Geschichte, die von der Stadt Kiew handelt. Sie sei, sagt die Frau, im Juli des Jahres 1986 nach Kiew gekommen, um dort zu singen, das heißt, ein Konzert zu geben. Sie erin­nere sich an blei­graue Rohre, die aller­orten entlang der Häuser­wände in den Straßen verlegt worden seien. Wasser strömte aus diesen Rohren über Gehsteige, es war darum so gewesen, um radio­ak­tiven Staub, der von der Luft heran­ge­tragen wurde, fort zu waschen. Für einen Moment der Eindruck, die Frau habe bemerkt, dass ich ihrer Geschichte folge und dass sie nichts dagegen einzu­wenden hat. Sie entnimmt ihrer Hand­ta­sche sieben Ausweise in wein­roter Farbe, Reise­pässe, ungültig gewor­dene Doku­mente, in einem dieser Ausweise befindet sich ein Stempel, jener Stempel, der die Reise nach Kiew doku­men­tiert. Es ist eine Frage von Sekunden, bis die Frau mit ihrem rechten Zeige­finger das Papier, auf dem der Stempel seit Jahren fest­ge­halten ist, berühren wird. – stop

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