PRÄPARIERSAAL : feuerherz

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nordpol : 7.07 – In der vergan­genen Nacht habe ich in meinen Verzeich­nissen nach einem E-Mail­brief gesucht, den mir eine junge Frau, Lidwien, vor einigen Jahren notiert hatte. Ich konnte den Brief nicht finden, keine meiner Such­ma­schinen, weil ich den Brief verse­hent­lich ohne Namen abge­legt hatte. Ich erin­nere mich noch gut an Lidwien. Sie war eine zier­liche, freund­liche und ziel­be­wusste Person, die mit einem leicht fran­zö­si­schen Akzent formu­lierte. Ich hatte sie einmal beob­achtet wie sie im Präpa­rier­saal mit ihren Händen in einem Säck­chen wühlte, um kurz darauf inne­zu­halten und die Augen zu schließen. In dem Säck­chen, das von schwarzem, licht­un­durch­läs­sigem Stoff gewesen war, befanden sich Knochen einer Hand. Es war die Aufgabe Lidwiens gewesen, unter den Knochen einen bestimmten Knochen zu finden und durch reines Tasten eindeutig zu iden­ti­fi­zieren. Ich beob­ach­tete die junge Frau, wie sie während ihrer Suche in dem strah­lend hellen Licht des Saales stehend die Augen schloss, als ob sie in dieser Weise mit ihren Finger­spitzen in der Dunkel­heit des Säck­chens besser sehen könnte. Ein Gespräch folgte über Bilder, die der Saal in Lidwiens Geist erzeugte. Kurz darauf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedanken präzi­sierte. Genau diesen Brief suchte ich vergeb­lich, dann erin­nerte ich mich an den Titel eines Films, von dem die junge Frau berich­tete hatte, und schon war der Brief in meinen Archiven aufzu­spüren gewesen. Lidwien notierte unter anderem folgendes: Wissen Sie, auf die Frage, ob die Bilder aus dem Saal in meinen Alltag hinüber gleiten, kann ich mit einem total aufrich­tigen NEIN antworten. Ich habe über­legt, wie das über­haupt sein kann, da muss ein Filter sein und ich finde diesen Filter in meinem Gehirn wirk­lich faszi­nie­rend. Neulich habe ich ein Inter­view mit einer ehema­ligen Kinder­sol­datin aus dem Sudan gesehen, die eine Biogra­phie mit dem Titel FEUERHERZ geschrieben hatte. Drama­ti­sche Dinge muss sie erlebt und für uns nahezu unvor­stell­bare Bilder gesehen haben. Auf die Frage, wie sie mit diesen grau­samen Bildern umging, antwor­tete sie: Ich habe diese Bilder nicht beson­ders verar­beitet, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe diese Aussage mit meinen Erfah­rungen in Bezie­hung gesetzt. Von dem Moment an, da ich die Präpa­rier­hallen regel­mäßig betrete und viele Stunden des Tages darin verbringe, werden all die toten Körper, all die Präpa­rate, die man auf unge­wohnte und selt­same Weise mit den eigenen Händen bewirkt, ja gerade zu erschafft, und der beißende Geruch des Forma­lins, zu meinem Alltag. In diesem Alltäg­li­chen, in der Routine, verlieren mensch­liche Emotionen und die dazu­ge­hö­rigen Bilder an Gewicht und Pola­rität : Aus leiden­schaft­li­cher Liebe wird Freund­schaft und Zusam­men­halt, und aus Angst und Furcht wird Fata­lismus und Gelas­sen­heit. – Und deshalb bleiben meine Bilder im Saal und ich lasse sie dort, wenn ich nach Hause zu meiner Familie gehe. – stop

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