josephine auf der si mary murray

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tan­go : 6.34 — Ist das nicht eine wun­der­bare Vorstel­lung, wie sich Josephine an einem war­men Sam­stagvor­mit­tag auf den Weg macht nach New Jer­sey, um das Wrack der MS Mary Mur­ray zu besichti­gen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fahrer erzählt, dass er noch nie eine so weite Fahrt unter­nom­men habe im Auf­trag. Eigentlich dürfe er mit seinem Wagen die Stadt nicht ver­lassen. Also steigen sie in Josephines Auto um, einen ural­ten Buick, der seit über einem Jahrzehnt nicht aus der Garage bewegt wor­den war. Sie nehmen die Ver­razano-Nar­rows Bridge süd­wärts. Josephine raucht schon lange nicht mehr, aber heute macht sie eine Aus­nahme, eine. Ihr dünnes weißes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wendi­gen Fin­gern wieder ein. Sie trägt Turn­schuhe und ein orange­far­benes som­mer­lich­es Kleid. Die Haut ihrer Beine, Arme, Schul­tern ist hell wie ihr Haar. Eine Stunde rauschen sie wort­los auf dem New Jer­sey Turn­pike dahin. Nahe Free­holf hal­ten sie an. Gle­ich neben dem High­way bewegt sich ein Fluss, dun­kles, müdes Wass­er, langsam. Am Ufer wartet ein junger, bär­tiger Mann in einem Pad­del­boot von leuch­t­end rot­er Farbe. Wie Josephine sich in diesem Augen­blick wün­scht, fotografiert zu wer­den, wie sie sich in das Boot set­zt, wie sie ihren Stro­hhut mit bei­den Hän­den zurechtrückt, dann fahren sie los unter mächti­gen Brück­en hin­durch in Rich­tung des Rar­i­tan­flusses. Möwen ste­hen im brack­i­gen Wass­er. Es ist fast still, nur das Geräusch des Pad­dels, ein paar Fliegen brum­men durch die Luft. Ein­mal nähert sich ein Hub­schrauber der Küstenwache, dreht wieder ab. Und plöt­zlich ist sie zu sehen, eine Fata Mor­gana in der Land­schaft, das aus­rang­ierte gewaltige Fährschiff der Stat­en Island Flotte, die MS Mary Mur­ray. Schlag­seite steuer­bor­ds ruht sie in einem Bett von Schilf, Libellen schießen hin und her, blaue und grüne riesige Tiere. Wie sich Josephine und der junge Mann dem Schiff­swrack vor­sichtig näh­ern. Wie der junge Mann eine Leit­er am Rumpf des Schiffes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vor­sichtig Sprosse um Sprosse erk­limmt. Ihr behut­samer Gang über das Deck, das sich neigt. Jet­zt, da die Far­ben vom Schiff­skör­p­er fall­en, von Stür­men und Regen gepeitscht, von der Sonne gebran­nt, kann man das hölz­erne Herz der alten Flot­ten­dame erken­nen, Käfer und Ameisen spazieren über die Sitzbänke der Prom­e­nade. Josephine muss nicht lange suchen, im Schat­ten ein­er Ulme, die sich über das Schiff zu beu­gen scheint, eine Sitzbank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwest­er Geral­dine zu ent­deck­en sein, ein Satz nur, den das kleine Mäd­chen im Jahr 1952 an einem Som­mer­nach­mit­tag auf dem Weg von Man­hat­tan nach Stat­en Island in das Holz der Bank ger­itzt hat­te, während ihre Zwill­ingss­chwest­er Char­lotte sie vor Ent­deck­ung schützte. Wie Josephines zit­ternde Fin­ger in diesem Augen­blick über die Ver­tiefung der Zeichen fahren. — stop

josephine

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