nachtameise

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alpha

~ : sam
to : Mr. louis
subject : WANDERAMEISE

Mein lieber Freund Louis, es gibt Neues zu berichten. Ich bin nämlich umge­zogen, von einer Wohnung in eine andere Wohnung, beide befinden sich in demselben Haus. Jahre­lang, wie Du weißt, lebte ich im 3. Stock, jetzt schaue ich vom 25. Stock­werk auf die Straße hinunter. Die Menschen sind noch kleiner geworden, ihre Stimmen nicht länger zu hören. Ich wohne unter dem Dach. Manchmal liege ich rück­lings auf dem Boden und denke, dass es hier ganz wunderbar ist, weil ich nie wieder von Schritten geweckt werde, wenn ich schlafe. Natür­lich ist der Aufstieg beschwer­lich, kein Liftzug nach wie vor, aber die Luft scheint hell zu sein, auch nachts, weil sie so gut riecht, nach Seeluft, ja, nach Seeluft. Vor wenigen Stunden öffnete ich das Fenster nach Süden hin und fütterte Möwen mit Brot, seither umkreisen sie lauernd das Haus. Die Wohnung nebenan scheint leer zu stehen, von unten ist leise Klavier­musik zu hören, nichts weiter. Es ist über­haupt sehr still hier oben. Während ich nachts, eine Wander­ameise, meine Bücher und Papiere nach oben schleppte, war ich keiner Menschen­seele begegnet. Aber ich hörte Stimmen, nicht von den Türen, von irgendwo her, als wären Menschen in den Stufen, dem Holz des Trep­pen­ge­län­ders, den Wänden des alten Hauses gefangen. In den höheren Stock­werken befinden sich Brief­kästen mit schweren, eisernen Deckeln, in welche man Botschaften abwerfen kann. Natür­lich bin ich nicht sicher, ob sie noch funk­tio­nieren. Ich habe zur Probe eine Nach­richt folgenden Inhaltes an mich selbst abge­schickt: Etwas Selt­sames ist geschehen. Bin gestern Abend einge­schlafen, obwohl ich in einem äußerst span­nenden Buch geblät­tert hatte. Viel­leicht war’s die schwere, warme Luft oder eine schlaf­lose Nacht der vergan­genen Jahre, die rasch noch nach­ge­holt werden musste. So oder so schlum­merte ich eine Stunde tief und fest im Gras und wäre vermut­lich bis zum frühen Morgen hin in dieser Weise anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gelegen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­dernden Ameise geweckt worden wäre. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, war ich schon mit einer Frage beschäf­tigt, die ich erst wenige Stunden zuvor entdeckt hatte, mit der Frage nämlich, wie Tief­see­ele­fanten hören, was sie mitein­ander spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasser­ober­fläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmels­rich­tungen verschwinden. Eine diffi­zile Frage, eine Frage, auf die ich bisher viel­leicht deshalb keine Antwort gefunden habe, weil ich eine Antwort nur im Schlaf finden kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Dein Sam. Guten Morgen! – stop

gesendet am
17.03.2013
8.15 pm
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polaroidmusiker

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