von der stille

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hima­laya : 20.12 UTC – Einmal spazierte ich durch New York an einem warmen Tag im April. Ich ging einige Stunden lang ohne ein Ziel nur so herum, manchmal blieb ich stehen und beob­ach­tete dies oder das. Ich dachte, New York ist ein ausge­zeich­neter Ort, um unter­zu­tau­chen, um zu verschwinden, sagen wir, ohne aufzu­hören. Ich stellte mir vor, wie ich in dieser Stadt Jahre spazieren würde und schauen, mit der Subway fahren, auf Schiffen, im Central Park liegen, in Cafés sitzen, durch Brooklyn wandern, ins Theater gehen, ins Kino, Jazz hören, sein, anwe­send sein, gegen­wärtig, ohne aufzu­fallen. Ich könnte exis­tieren, ohne je ein Wort zu spre­chen, oder viel­leicht nur den ein oder anderen höfli­chen Satz. Ich könnte Nacht­mensch oder Tagmensch sein, nie würde mich ein weiterer Mensch für eine längere Zeit als für eine Sekunde bemerken. Sehen und vergessen. Wenn ich also einmal verschwinden wollte, dann würde ich in New York verschwinden, vorsichtig über Treppen steigen, jeden Rumor meiden, den sensi­blen New Yorker Blick erlernen, eine kleine Wohnung suchen in einer Gegend, die nicht allzu anstren­gend ist. In Green­wich Village viel­leicht in einer höheren Etage sollte sie liegen, damit es schön hell werden kann über Schreib­tisch und Schreib­ma­schine. Ich könnte dann von Zeit zu Zeit ein Tonband­gerät in meine Hosen­ta­sche stecken und für einen oder zwei meiner Tage verzeichnen, was Menschen, die mir begeg­neten, erzählten. So ging ich damals dahin, ich glaube, ich spazierte im Kreis herum, berührte da und dort die Küste eines Flusses, und als es Abend wurde, besuchte ich Marina Abra­movic, die seit Monaten bereits in einem Saal des Museums für moderne Kunst auf einem Stuhl saß. Wie sie Menschen erwar­tete, um mit ihnen gemeinsam zu schweigen, berüh­rende Stunden, und ich dachte und notierte, wie ich heute wieder notiere, es geht darum, in der Begeg­nung mit Menschen Zeit zu teilen, es geht darum, die Zeit zu synchro­ni­sieren, in meinem Falle geht es darum, lang­samer zu werden, um Menschen in der Wirk­lich­keit nahe­kommen zu können, es geht darum in dieser rasenden Welt von Still­stand, so langsam zu werden, und wenn es nur für wenige Stunden ist, dass ein Gespräch, eine Berüh­rung, über­haupt möglich sein kann. Daran wieder erin­nern, Tag für Tag. – Heute bin ich nicht in New York. Wo ich bin, schwebt ein dunkler, schla­fender Zeppelin am Hori­zont, der mögli­cher­weise bald aufwa­chen und blitzen wird. Ein schöner, nach­denk­li­cher Tag, weitere schöne Tage werden folgen. Ich werde langsam lesen und langsam spre­chen, und denken werde ich so langsam wie nie zuvor. Ich werde die Empfin­dung der Zeit zur Geschmei­dig­keit über­reden, ja, das ist vorstellbar, weiche, warme Stunden. – stop

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