daniel pearl

9

nord­pol : 6.22 — In weni­gen Tagen werde ich die Woh­nung, in der ich lange Zeit lebte, ver­lassen, um in eine andere, größere Woh­nung zu ziehen. Es wird eine Woh­nung unter dem Dach sein, ver­mut­lich werde ich Tauben hören, wie sie über mir plaud­ernd spazieren. Ich habe erfahren, dass Tauben­paare auch nachts miteinan­der sprechen, während andere Vögel still oder stumm zu sein scheinen. Aber vielle­icht zwitsch­ern diese Vögel, die nicht Tauben sind, doch, wenn sie träu­men. Es ist selt­sam, wie ein Fremder füh­le ich mich nach und nach, wenn ich mich in mein­er eige­nen Woh­nung bewege. Ich über­legte, wer in weni­gen Wochen hier von einem Zim­mer in ein anderes Zim­mer laufen wird. Dieser Men­sch oder diese Men­schen wer­den zunächst keine Ahnung haben, keine Vorstel­lung, sagen wir, wer vor ihnen in diesen Räu­men wohnte. Es ist denkbar, dass sie vielle­icht meine Nach­barn fra­gen wer­den. Ich kön­nte eine Fotografie mit meinem Namen und ein­er Botschaft hin­ter­lassen: Hal­lo, hier wohnte Louis, hier an dieser Stelle stand mein Schreibtisch, hier habe ich Texte notiert. In einem Win­ter vor langer Zeit, ich ahnte nicht, dass ich diese meine Woh­nung ein­mal aufgeben würde, hat­te ich die Zeit vergessen. Ich schrieb fol­gen­des: Was haben wir heute eigentlich für einen Tag, Son­ntag vielle­icht, oder Mon­tag? Abend jeden­falls, einen schwieri­gen Abend. Würde ich aus mein­er Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen Kör­p­er ver­lassen und etwas in der Zeit zurück­reisen, dann kön­nte ich mich selb­st beobacht­en, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche ste­ht und spricht. Der Mann spricht mit sich selb­st, während er Tee zubere­it­et, er sagt: Heute machen wir das, heut ist es richtig. Ein Bün­del von Melisse zieht durchs heiße, samtig flim­mernde Wass­er. Jet­zt trägt er seine dampfende Tasse durch den Flur ins Arbeit­sz­im­mer, schal­tet den Bild­schirm an, sitzt auf einem Garten­stuhl vor dem Schreibtisch und arbeit­et sich durch elek­trische Ord­ner in die Tiefe. Dann ste­ht der Mann, er ste­ht zwei Meter vom Bild­schirm ent­fer­nt, ein Men­sch kni­et dort auf dem Boden, ein Men­sch, der sich fürchtet. Da ist eine Stimme. Eine schrille Stimme spricht schep­pernd Sätze in ara­bis­ch­er Sprache, unerträglich diese Töne, so dass der Mann vor dem Schreibtisch einen Schritt zurück­tritt. Er scheint sich zur Betra­ch­tung zu zwin­gen. Zwei Fin­ger der recht­en Hand bilden einen Ring. Er hält ihn vor sein linkes Auge, das andre Auge geschlossen, und sieht hin­durch. So ver­har­rt er, leicht vorge­beugt, bewe­gungs­los, zwei Minuten, drei Minuten. Ein­mal ist sein Atmen heftig zu hören. Kurz darauf ste­ht er wieder in der Küche, lehnt mit dem Rück­en am Kühlschrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftigkeit nicht wahrzunehmen gewe­sen war. Ein Men­sch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. – Was machen wir jet­zt? - stop

ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top