PRÄPARIERSAAL : nachtarbeit

9

tan­go : 23.15 — Im Regen mit Ton­bandgerät unterm Schirm am See. Sam­stag. Augustkas­tanien fall­en aus den Bäu­men. Auf den Häuptern der Rot­wan­gen­schild­kröten, die sich zu meinen Füßen arg­los ver­sam­meln, als lauscht­en sie wie ich Mag­netkopf­s­tim­men, feuchte Häubchen von Ahorn­samen. Kaum ein Men­sch unter­wegs. Ich dachte für einen Moment, weiß nicht wie das gekom­men ist, dass ich an diesem Ort ohne Zeu­gen sofort den Ver­such unternehmen kön­nte, eine der Schild­kröten an ihrem Hals zu pack­en, sie aus dem Wass­er zu heben, um sie zu Hause in der Küche mit einem Meißel aufzu­machen. Auf Porzel­lan gebet­tet kurz darauf ein Rep­tilien­häufchen, rosa­far­ben, fein­ste Streifen Schild­kröten­bauch­es, dessen eigentliche Gestalt ich mir hin­ter Panz­er­häuten liegend zur Zeit nicht vorstellen kann. — 22 Uhr 58. Janine erzählt: > Ich kann mich noch gut daran erin­nern, dass ich nachts aufwachte und den haar­losen Kopf meines Fre­un­des vor mir gese­hen habe. Ich erschrak fürchter­lich. Ich saß ein paar Minuten senkrecht im Bett, dann bin ich aufge­s­tanden. Wir haben eine sehr schöne Küche. Ich habe von Zeit zu Zeit in der Küche kampiert. Ich habe dort gel­ernt und manch­mal bin ich mit dem Kopf auf dem Anatomieat­las eingeschlafen. Merk­würdig, über wie viel Kraft ich doch ver­füge. Ich war beim Tanzen, zweimal wan­dern in den Bergen, ich habe gepaukt und ich habe mit dem Skalpell gear­beit­et. Ich habe vor­mit­tags und mit­tags und Abend für Abend in der Bib­lio­thek gele­sen. Und wenn ich nachts in der Küche eingeschlafen bin, dann waren da plöt­zlich sehr scharfe Bilder in meinem Kopf. Auf­blitzende Fotografien, die über­fal­lar­tig Angst erzeugten. Der geöffnete Mund eines Toten. Sandi­ge Zun­gen. Ein hoch aufra­gen­der, dunkel­rot­er Penis. Das zerteilte und gehäutete Gesicht ein­er alten Frau. Das war nicht geträumt, ich habe diese Bilder bei vollem Bewusst­sein vor mir gese­hen. Jet­zt kom­men sie mich sel­tener besuchen.

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top