PRÄPARIERSAAL : schwärme

2

tan­go : 1.16 — Gestern, Punkt 10 Uhr abends, habe ich meine anatomis­che Ton­band­mas­chine wieder ange­wor­fen. Ich hörte eine Auf­nahme, die ich mit der Beschrif­tung No 87 verse­hen hat­te. Lei­der kon­nte ich mich nicht erin­nern, wo das Doku­ment aufgenom­men wor­den sein kön­nte, weil ich ver­säumte, Zeit und Ort des Gesprächs, sowie den Namen der sprechen­den Per­son zu notieren. Eine Frauen­stimme war zu hören und das Zwitsch­ern von Vögeln. Die Stimme sprach sehr schnell, als ob sie den Vögeln nacheifern wollte. Mehrfach musste ich die Auf­nahme in einem ersten Durch­gang anhal­ten und wieder­holen, um ver­ste­hen oder erah­nen zu kön­nen, was die Stimme gesagt hat­te. Ich habe ihr einen pro­vi­sorischen Namen gegeben. Melanie erzählt: > Es ist eine aufre­gende Zeit. Da sind Schwärme von Gedanken, Geräuschen, Bildern, Gerüchen in meinem Kopf. Ich kann sie jed­erzeit her­vor­holen. Manch­mal kom­men sie von selb­st. Unge­fragt. Vielle­icht darum, weil ich etwas Beson­deres erlebe. Oft habe ich schon den Ver­such unter­nom­men, von meinen Erfahrun­gen zu bericht­en. Ich habe das Gespräch gesucht, Sie ver­ste­hen, ich bin stolz, der Auf­gabe gewach­sen zu sein. Deshalb erzäh­le ich mit Begeis­terung. Ich habe zum Beispiel davon erzählt, dass ich sehr gerne an Muskeln prä­pariere. Ich habe von der luzi­den, perl­mut­t­far­be­nen Haut berichtet, die Muskeln umgibt. Ich habe von der Befriedi­gung erzählt, die ich empfinde, wenn ich einen Muskel voll­ständig freigelegt habe, wenn ich den Muskel begreifen kon­nte, seinen Ursprung und seinen Ansatz erken­nen. Ich habe, während ich erzählte, mit meinen Hän­den voraus­gear­beit­et, habe mit meinen Hän­den auf dem Tisch Bewe­gun­gen aus­ge­führt, als wartete dort eine Struk­tur, die ich noch rasch prä­pari­eren sollte. Han­dar­beit, sagte ich, wenn du eine gute Ärztin sein willst, musst du zunächst eine gute Handw­erk­erin sein. Wenn du nicht Hand anle­gen willst an einen Men­schen, ist alle Mühe nicht wert. Eine Pro­fes­sorin erk­lärte ein­mal: Seien Sie neugierig. Ver­fol­gen Sie die Struk­turen weit­er bis zu ihrem Ende. Glauben Sie nichts, prüfen Sie, ob das, was in den Anatomiebüch­ern ste­ht, wirk­lich stimmt. Sehen Sie nach und sie wer­den mit Struk­turen belohnt. — Ja, es ist aufre­gend. Eine Assis­tentin notierte eine wun­der­bare Geschichte für mich. Das war an dem Tag gewe­sen, als Gehirne ent­nom­men wor­den waren. Da sei eine Kol­le­gin durch den Saal auf sie zugekom­men und habe ihr ein Gehirn in die Hände gelegt. Sie wollte ihr eine erste Erfahrung schenken, und sie wollte in diesem bedeu­ten­den Moment an ihrer Seite sein. Das Gehirn, ihr erstes Gehirn, sei uner­wartet schw­er gewe­sen. Sie erin­nerte sich gut an ihre Sorge, sie kön­nte das Gehirn fall­en lassen. Sie habe in diesem Augen­blick daran gedacht, dass sie eine ganz Welt in Hän­den halte, Träume eines Lebens, Bilder, Sätze, Wörter, Wörter, die nie wieder erre­ich­bar sein wer­den. – stop

ping

ping

ping

Kommentar verfassen

ping
Top