MELDUNG. Alesund, 36 Gisgekata, 3. Etage, steinernes Zimmer : Kirsche No 8355 [ Marmor, Carrara : 1.55 Gramm ] vollendet. — stop
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india : 15.03 UTC — Vor wenigen Stunden war ich im Stadtwald spazieren. Ich ging um einen Teich herum, in dem Schildkröten unter der Wasseroberfläche gegeneinander kämpften. Plötzlich hörte ich das Geräusch einer hellen, scheppernden Glocke, ein Klingeln oder metallenes Hupen. Ich dachte, jemand möchte Dich wecken. Und ich dachte, Du kennst diese Geschichte, das hast Du schon einmal geträumt. Du musst zunächst versuchen, wach zu werden, dachte ich. Also versuchte ich, wach zu werden. Ich wanderte zunächst in die Küche. Das Geräusch wanderte mit mir, und ich bemerkte, die Küche ist kein guter Ort, um wach werden zu können. Plötzlich erinnerte ich mich, woher ich das Geräusch kannte. Es war das Glöckchen, das am Weihnachtsabend hinter einer Tür von meinem Vater durch heftige Bewegung zum Klingen gebracht wurde, ein vertrautes, jährlich wiederkehrendes Geräusch. Einmal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das erste Radio meines Lebens gewesen, ein Transistorempfänger, handlich und doch schwer. Ich weiß nicht weshalb, ich öffnete das Radio mithilfe eines Schraubenziehers, ich zerlegte die kleine Apparatur in ihre Einzelteile und wunderte mich. Ein Jahr darauf bekam ich einen Fotoapparat, den ich am darauffolgenden Tag wie zuvor das Radio öffnete und auf das genaueste untersuchte, im Frühling zählte ich Vögel, im Sommer durchsuchte ich das Unterholz nach Knochen von Hasen und Rehen, um sie in meinem Zimmer auf dem Schreibtisch so zu konfigurieren, dass ich sie mir vorstellen konnte. Es ist merkwürdig, wie Geräusche über große Zeiträume hinweg wiederkehren, als wären sie gerade erst in der Wirklichkeit abgespielt worden. Es lässt sich nicht überprüfen, aber sie scheinen sich tatsächlich nicht verändert zu haben, sind unteilbare Wesen. — stop
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himalaya : 0.05 UTC — Das Schreiben mit Schreibmaschinen ist leiser geworden, man kann nicht sagen, ob jemand schreibt im Nebenzimmer oder nicht schreibt, das Schreiben wird vielleicht bald lautlos sein, ob mit einem Kugelkopfstift oder Tastaturen, die hinter Glas erscheinen, man muss näherkommen, um noch hören zu können, ob jemand schreibt oder nicht schreibt, man muss das Schreiben mit den eigenen Augen sehen, die Bewegung der Hände, dann kann man sagen, ob jemand schreibt oder nicht schreibt. — stop

nordpol : 4.15 — Noch immer: Jede der Schreibmaschinen, die ich besitze, jene in der Küche, jene im Arbeitszimmer, jene in meinem Rucksack, jene in meiner Hosentasche, könnte ein sensibles Hör- oder Sehrohr sein. Wie viele Hör- und Sehrohre existieren in dieser Stadt? Was präzise ist zu erkennen, was zu vernehmen? — stop

echo : 22.06 — Der Vordämmerungsschein der Schneekirschbäume im Halbdunkel eines Zimmers im Haus der alten Menschen, indem sie ihre Nachtpapiere entfalten. Klagender Atem. — stop

delta : 22.02 UTC — Wie viele Tage schon sitze ich an Deinem Bett, liebe schlafende Mutter, Stunde um Stunde. Immer wieder denke ich, wie schwer es doch ist, zu einem Menschen zu sprechen, der schläft. Ob Du mich hören kannst? Hör zu, ich werde Dir eine Geschichte vorlesen, die ich Dir schon einmal las vor über einem Jahr. Einen Winter und einen Frühling und einen Sommer lang warst Du aufgewacht, um nun wieder zu schlafen. Ich ahne, dass Du meine Stimme hören kannst, ich habe gelernt. Erinnerst Du Dich an meine Geschichte, die von Deinen Brillen erzählt: Es war noch dunkel im Haus. Ich hörte ein sirrendes Geräusch. Das Geräusch näherte sich, es kam über die Treppe abwärts heran. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine Deiner drei Brillen, liebe Mutter, die über zarte Rotoren verfügen, welche in der Lage sind, Brillenkonstruktionen durch die Luft zu bewegen, durch Räume oder den Garten. Deine Brille kam näher, durchquerte das Wohnzimmer, kreiste einmal um meinen Kopf, landete schließlich sanft auf dem Esstisch in der Nähe des Stuhles, auf dem Du, wie ich vergeblich hoffte, einmal wieder Platz nehmen würdest. Über drei Brillen verfügtest Du, liebe Mutter, und jede dieser Brillen konnte fliegen. Eine Brille stationierte im Dachgeschoss, eine weitere Brille im Erdgeschoss, die dritte Deiner Brillen, liebe Mutter, zu ebener Erde. Wie sie blinkten, Dioden in gelber Farbe, Zeichen, dass sie sich mittels unhörbarer Funksignale orientierten. Jetzt liegen sie auf dem Tischchen reglos neben Deinem Bett, als würden sie schlafen wie Du, liebe Mutter. – stop
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tango : 22.22 UTC — Da sind Bilder und Fotografien an den Wänden, eine Katze und noch eine Katze, ein Mann unter einem Schneekirschbaum, der die Arme in die Luft wirft. Hände, die sich in ihren Fingern umarmen. Und zwei Lampen. Eine Lampe zum Knipsen und eine zum Streicheln, Licht an, Licht aus. Ein Hase von Bronze mit langen Ohren von Bronze. Ein hölzernes Kreuz auf einem Tisch. Ein weiteres hölzernes Kreuz an einer Wand. Und ein gusseiserner, bemalter Baum. Zwei blühende Orchideen, weiß. Ein Christstern, rot. Und ein Strauß geschnittener Blumen, wild. Ein Stern von Papier und eine Zeichnung von Kinderhand, dies und das. Pflegeschaumdosen. Cremetuben. Tücher. Tupfer. Klingen. Ein Radio. Vinylhandschuhe. Und eine Nahrungsmittelpumpe. Ein Bett. Eine Matratze, die sich bewegt. Ein Bündel getrockneter Blumen. Kompressen. Ein Messgerät. Ein Pillenzerstäuber. Fünf Bücher. Auch Proust, Briefe zum Leben. Ein kleines Schaf und ein Teddybär. Ein Engel von Porzellan. Ein Duftwasserflacon, Ohrstäbchen, Handvollmenge. Ein Rosenkranz und ein Tannenzapfen. Holzlöffel für Zunge und Hals. Eine Schere. Eine Pinzette. Eine Spritze. Ein Mundschaumstäbchen. Eine Windel. Terminplan für Logopädie gegen verlorenes Sprechen. Lavendelduftkissen. Keine Uhr, nur die eine, die mit mir ins Zimmer gekommen ist. — stop

