aleppo

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himalaya : 0.02 — Vielle­icht darf ich fol­gen­den Bericht in voller Länge wiedergeben. Der junge Jour­nal­ist Zouhir al Shim­le berichtet via E-Mail für Die Zeit: Seit Alep­po belagert ist, fliegen Assads Trup­pen und seine Ver­bün­de­ten jeden Tag Luftschläge auf die Vier­tel der Rebellen, also auch dort, wo ich lebe. Unun­ter­brochen dröh­nen Kampf­jets über uns hin­weg, Helikopter kreisen über den Häusern. Jeden Tag ster­ben hier fast fün­fzig Zivilis­ten. Wir leben in einem nie enden­den Getöse von Schießereien, Explo­sio­nen, Geschrei. Die meis­ten von uns trauen sich nicht mehr, nach draußen zu gehen. Manch­mal het­zen ein paar Leute die Straßen ent­lang, um Lebens­mit­tel zu besor­gen – und ren­nen sofort nach dem Einkauf zurück in ihre Woh­nun­gen. Dabei ist es zu Hause nicht sicher­er als auf der Straße. Denn die Bomben tre­f­fen auch unsere Häuser. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich das Don­nern der Kampf­flugzeuge, von irgend­wo her dringt Gefecht­slärm. Gott sei Dank habe ich bish­er alle Angriffe über­lebt. Aber vor ein paar Tagen war ich dem Tod so nah wie nie zuvor. Ich war im Vier­tel Al-Mash­had unter­wegs, dort, wo mein Büro ist. Ich stand ger­ade im Laden in unser­er Straße, um mir etwas zu trinken zu kaufen, als die erste Fass­bombe ein­schlug, ger­ade mal fünf Häuser von uns ent­fer­nt. Ich duck­te mich für einige Sekun­den vor den umher­fliegen­den Met­all­teilen. Dann ran­nte ich raus auf die Straße. Nur wenige Sekun­den später schlug in der Straße die zweite Faßbombe ein. Ein Met­all­split­ter bohrte sich in meinen Rück­en, ein ander­er in mein Bein. Ich ran­nte von der Straße wieder zurück zum Laden. Und war vor Schock wie gelähmt: Sieben Men­schen, die dort Schutz vor der zweit­en Bombe gesucht hat­ten, waren tot, zer­quetscht vom Schutt der eingestürzten Decke. Sie star­ben nur, weil sie sich in den Sekun­den der Explo­sion anders entsch­ieden hat­ten: Sie hiel­ten sich zwis­chen den Regalen ver­steckt, während ich auf die Straße lief. Nur deswe­gen habe ich als Einziger von uns über­lebt. Die Helfer hat­ten große Mühe, die ver­dreht­en und durchtren­nten Kör­p­er aus dem Geröll zu ziehen. Ange­hörige der Toten lagen am Boden und schrien, Kinder wein­ten. Aus eini­gen Kör­pern quollen Innereien, über­all lagen abge­tren­nte Hände und Beine. Ins­ge­samt star­ben durch diese Angriffe 15 Men­schen, 25 – mit mir – wur­den ver­let­zt. Ich kann diese Bilder nicht vergessen. Ich hätte ein­er dieser Kör­p­er sein kön­nen. Ich wurde schnell in ein Kranken­haus gebracht, doch helfen kon­nte mir dort nie­mand. Zu viele Men­schen braucht­en Hil­fe, unaufhör­lich bracht­en Män­ner neue Tra­gen mit Schw­erver­let­zten hinein. Während ich auf den Arzt wartete, sah ich so viel Blut, dass ich zu hal­luzinieren begann. Ein Fre­und brachte mich deshalb in ein anderes Kranken­haus, wo sich Schwest­ern um mich küm­merten. Sie ent­fer­n­ten einen Met­all­split­ter, der andere steckt noch in meinem Bein. Sie sagen, er könne erst in einiger Zeit ent­fer­nt wer­den. Doch es sind nicht nur die Bomben und Gefechte, die unser Über­leben immer schw­er­er machen. Das Regime hat nun auch die Castel­lo-Straße ein­genom­men. Sie ist eine Todeszone gewor­den: Ständig wird geschossen, bren­nende Autos liegen am Straßen­rand. Das Regime kämpft dort mit aller Macht – und schnei­det uns damit von der Außen­welt ab. Die Castel­lo-Straße war bis­lang die einzige Verbindung von Alep­po nach draußen, in die Vororte und in die Türkei. Es war die Leben­sad­er der Stadt, von dort haben wir Lebens­mit­tel, Gas, Brennstoff, Trinkwass­er und Medi­zin bekom­men.  Die Belagerung ist für uns drama­tisch. Denn jet­zt gibt es kaum noch Obst und Gemüse zu kaufen, über­haupt sind die Märk­te fast leer. Auch haben wir immer weniger Brennstoff, wir ver­brauchen ger­ade die let­zten Reser­ven der Stadt. Bald schon wer­den wir in kom­plet­ter Dunkel­heit leben. Das ist es, was das Regime und seine Milizen wollen: dass Alep­po langsam stirbt. Sie set­zen dabei allein auf die Zeit. Wir, die noch rund 300.000 Verbliebe­nen, wer­den nicht mehr lange ver­sorgt wer­den kön­nen. Ich fürchte, dass unser Unter­gang schließlich dadurch kommt, dass wir alle um Wass­er und Brot kämpfen. Und dass die, die nicht mehr stark genug sind, darum zu kämpfen, ein­fach ver­hungern wer­den. Fakt ist: Wir sitzen fest. Wir haben keine Chance mehr, aus Ost-Alep­po her­auszukom­men. Ich habe immer mit drei Fre­un­den in ein­er WG zusam­men gewohnt. Jet­zt ist nur noch ein­er von ihnen hier. Malek hat geheiratet und lebt nun mit sein­er Frau zusam­men, sie erwarten ein Baby. Der andere, Jawad, kon­nte in die Türkei entkom­men. Sein Vater wurde bei einem Angriff schw­er ver­let­zt und Jawad kon­nte mit ihm vor ein paar Wochen in die Türkei fahren, damit er dort medi­zinis­che Hil­fe bekommt. Jawad ver­sucht, wieder zu studieren. Er wird nicht mehr nach Alep­po zurück­kom­men. So zynisch es klingt: Er hat Glück gehabt. Denn nur sehr kranke Men­schen dür­fen mit ein­er Begleitung den Gren­züber­gang Bab al-Salameh in die Türkei passieren. Die Türkei ist da sehr strikt. Für mich gilt das also nicht Selb­st wenn ich Alep­po ver­lassen wollte: Ich kann es nicht. Die Bom­bardierun­gen in der Stadt sind zu stark, ich würde nicht mehr weit kom­men. Ich weiß, dass ich hier nicht mehr wegkom­men werde. Die Bomben fall­en weit­er, jeden Tag, jede Stunde. Sie tre­f­fen alles, was sich bewegt. Ich sitze in Alep­po fest. Aber noch bin ich am Leben. — stop
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