alpha : 20.22 — Nadine Gordimer erzählte vor wenigen Tagen in einem Fernsehgespräch, man habe vor langer Zeit ihren Roman Burger’s Daughter auf geheimen Wegen zu Nelson Mandela ins Gefängnis geschmuggelt. Auf denselben geheimen Wegen sei ihr kurz darauf ein persönlicher Brief Nelson Mandelas übermittelt worden, zeitlebens ein kostbares Dokument. Ich hörte Nadine Gordimer’s helle Stimme zum ersten Mal. Während ich lauschte und ihr anmutiges Gesicht betrachtete, erinnerte ich mich an den ersten Moment, da ich vor Jahren die Lektüre einer ihrer Erzählungen aufgenommen hatte, Something out There. Ich folgte damals nach wenigen Sätzen dem Wunsch, in der digitalen Sphäre eine Fotografie des Karibasees zu suchen, weil Nadine Gordimer vom künstlichen Gewässer in der Savannenlandschaft erzählte, von Elefanten gleichwohl, die sich in seine Fluten stürzten, um uralten Wanderrouten zu folgen. — Was hatten die ertrinkenden Tiere dort unter dem Wasserspiegel gesehen? — Wovon hatten sie gehört in ihrer letzten Lebenssekunde? — Ich las von der Tiefe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sollen, von der Luftfeuchtigkeit und vom Gewicht der Elefantenkörper, von der Biodichte ihrer Körper und von Kulturen in Seenähe siedelnder Menschen. Und während ich so vor mich hin studierte, von Seite zu Seite, von Link zu Link, verging eine Stunde Zeit. Plötzlich erinnerte ich mich an das Buch, das ich neben mir abgelegt hatte, und setzte meine Lektüre fort. — Heute ist Nadine Gordimer gestorben. — stop
Aus der Wörtersammlung: karibasee
tiefseeelefanten
~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : MONTAUK
Lieber Mr. Kekkola, haben Sie vielen Dank für die feine Fotografie, die Sie mir gestern Abend übermittelten. Wie ich mich herzlich freue, dass Sie sich an mich erinnerten, an die Geschichte uralter Elefantenwanderwege, die den Grund des Karibasees durchkreuzen. Und doch glaube ich, ist der See, an den ich vor langer Zeit einmal dachte, viel zu tief und viel zu breit, als dass Elefanten ihn passieren könnten, ohne Schaden zu nehmen. Nun, wir werden sehen. Ich bin beruhigt, weil Sie mir schreiben, dass ich Ihren Namen als Pseudonym weiterhin verwenden darf, auch für unheimliche Geschichten, wie die Geschichte meiner speziellen Käferwesen von Menschenhaut. Schön muss es bei ihnen sein, in Montauk. Ich besuchte Ihre Gegend mit der Google — Earthmaschine, habe ihr Haus beobachtet und am Strand den Schatten einer menschlichen Gestalt. Denkbar, dass Sie das gewesen sind, so klein, so winzig. Habe ich Ihnen berichtet, dass ich ein Wunschbuch für Träume führe seit einigen Tagen? Ich könnte, nein, ich sollte für die kommende Nacht notieren: Schlafen gegen zwei! Erzähl dir Elefantenherden, die den Atlantik durchqueren. Schwebend unter Rüsseln von fantastischer Länge, leicht, wie Menschen auf dem Mond, spazieren sie schnorchelnd über schneeweißen Tiefseesand. Herzlich grüßt Sie Ihr Louis. Ahoi!
gesendet am
12.07.2009
22.58 MEZ
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louis to jonathan
noe kekkola »
nadine gordimer
10.15 — Lektüre der Erzählung Something out There von Nadine Gordimer aufgenommen. Sofort der Wunsch, in der Elektrosphäre nach einer Fotografie des Karibasee zu suchen, weil Mrs. Gordimer vom künstlichen Gewässer in der Savannenlandschaft erzählt, von Elefanten gleichwohl, die sich in seine Fluten stürzten, um uralten Wanderrouten zu folgen. — Was haben die ertrinkenden Tiere dort unter dem Wasserspiegel gesehen? — Wovon haben sie gehört in ihrer letzten Lebenssekunde? — Ich lese von der Tiefe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sollen, von der Luftfeuchtigkeit und vom Gewicht der Elefantenkörper, von der Biodichte ihrer Körper und von Kulturen in Seenähe siedelnder Menschen. Und während ich so vor mich hin lese, von Seite zu Seite, von Link zu Link, vergeht eine Stunde Zeit. Plötzlich erinnere ich mich an Nadine Gordimer und ihr Buch und setzte meine Lektüre fort. — stop