Aus der Wörtersammlung: kilo

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rootserver charlie

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del­ta : 2.55 – In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich mei­ner per­sön­li­chen Ser­ver­ma­schi­ne, — sie befin­det sich in etwa fünf­hun­dert Kilo­me­ter Ent­fer­nung an einem nicht bekann­ten Ort -, einen Namen gege­ben: Char­lie, Root­ser­ver Char­lie. Das ist so gekom­men, weil ich näm­lich um Mit­ter­nacht an mei­nem Schreib­tisch saß, als mein E‑Mailprogramm mel­de­te, eine Nach­richt sei für mich ein­ge­trof­fen. Ich wuss­te sofort, woher die­se nächt­li­che Mail allein gekom­men sein konn­te. Und ich dach­te in zärt­li­cher Wei­se, als ob ich ins­ge­heim die­sen Namen schon län­ge­re Zeit ver­ge­ben haben wür­de: Char­lie, hi Char­lie! Nacht für Nacht, 0.01.12 MEZ, eine Sekun­den­uhr, die­sel­be Bot­schaft: /et­c/p­sa/­p­lesk-cron/­dai­ly/­com­ple­ted : beru­hi­gend in sei­ner lako­ni­schen Art, mein lie­ber Lou­is, ich bin wach wie du, alle Sys­te­me in Ord­nung, Tag abge­schlos­sen, neu­er Tag beginnt. stop. 12 ° Cel­si­us. stop. Wol­ken­lo­ser Him­mel. stop. Ich ver­fü­ge zu die­sem Zeit­punkt über 1.5 Kilo­gramm Mehl, 800 Gramm Reis, 2 Papri­ka­scho­ten in gel­ber Far­be, 1 Papri­ka­scho­te in roter Far­be, 1 hal­ben Enten­vo­gel, 3 Liter Was­ser in Fla­schen, Salz, Zimt und Pfef­fer, 16 Schei­ben fin­ni­schen Bro­tes, 1 Glas Apri­ko­sen­kon­fi­tü­re, 1 Glas Honig, 5 Ker­zen. – stop

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malta : 81er bus

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echo : 22.05 – Sagen wir das so: Ich bin heu­te, an die­sem son­ni­gen Mon­tag mit dem Bus hin und her übers Land gefah­ren, mit einem 81er-Bus, mit Luca’s Bus, und zwar die Stre­cke von Val­let­ta nach Rabat bis rauf zu den Ding­li Cliffs, von wo man weit aufs Meer hin­aus süd­wärts nach Afri­ka schau­en könn­te, wenn die Erde nicht rund wäre wie wir sie vor­ge­fun­den haben. Luca ist ein Bus­fah­rer aus Lei­den­schaft. Er trägt ein blau­es Hemd, sei­ne Arme sind gebräunt wie sein Gesicht, rechts, von wo die Son­ne kommt, etwas stär­ker als von links. 47 Cent kos­tet eine ein­fa­che Fahrt nach Rabat. Jeder, der her­ein­kommt, wird begrüßt: Wel­co­me, wel­co­me! Dann 15 Kilo­me­ter ste­tig dem Him­mel zu, links und rechts der Stra­ße, Spu­ren von Wei­zen, Toma­ten, Kar­tof­feln, Inseln blü­hen­der Blu­men, Mohn und Mar­ge­ri­ten und Lini­en von Kak­teen­pflan­zen, als sei­en Mee­res­wel­len zu flei­schi­gen Blatt­kör­pern gefro­ren für alle Zeit. Da und dort ein Dorf, Büsche, Oran­gen­bäu­me, Wind­rä­der, Funk­an­ten­nen. Nach einer Stun­de kommt man dann an in Rabat oder Mdi­na, man weiß jetzt, dass man über einen Kno­chen­kör­per ver­fügt, und man ahnt, dass Luca sei­nen Weg noch fin­den wür­de, wenn er ein­mal blind gewor­den sein soll­te. Luca sam­melt Mari­en­bil­der wie ich Über­ra­schun­gen samm­le, Momen­te wie die­sen, da Luca bemerkt, dass ich nicht aus­stei­gen, dass ich wie­der mit ihm zurück­fah­ren wer­de, dass der Bus und er selbst für mich bedeu­ten­der sind, als Orte und Land­schaft, die wir durch­rei­sen. Jetzt darf ich ihn foto­gra­fie­ren und sein Arma­tu­ren­brett, Die­sel, Die­sel! Und ich darf ihm eine Fra­ge stel­len, ich woll­te näm­lich wis­sen, ob es für ihn denk­bar ist, sei­nen Bus ein­mal bis hin unter die Decke mit Was­ser zu fül­len, ob er sich vor­stel­len kön­ne, mit einem Bus voll leben­der Fische über Land zu fah­ren. Luca’s Hupe, eine Luft­trom­pe­te. — stop

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take the “A” train — protokollfaden

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tan­go : 0.18 — Vor weni­gen Minu­ten ist etwas Erstaun­li­ches pas­siert. Ich habe das fei­ne Jazz­stück Take the “A” Train in der Inter­pre­ta­ti­on Dave Bru­becks und sei­nes Orches­ters gehört, und zwar in einem Zim­mer hier in Mit­tel­eu­ro­pa bei bes­ter Ton­qua­li­tät. Das sehr Beson­de­re an die­sem Ereig­nis ist gewe­sen, dass die Musik Dave Bru­becks zunächst in einem Städt­chen nahe der Stadt New York auf­ge­legt wor­den war, näm­lich in den Stu­di­os eines Jazz­sen­ders von mei­ner Zeit nur um Sekun­den­bruch­tei­le ent­fernt, sodass ich gern behaup­ten wür­de, dass zu der­sel­ben Zeit, da ich sie­ben­tau­send Kilo­me­ter weit ent­fernt west­wärts die ers­ten Geräu­sche des Orches­ters ver­neh­men konn­te, Dave Bru­beck im Stu­dio von einer digi­ta­len Ton­kon­ser­ve her zu spie­len begann. Unver­züg­lich saus­te das Stück in klei­ne Pake­te zer­legt und auf einen Pro­to­koll­fa­den gereiht im Daten­tun­nel unter dem Atlan­tik hin­durch zu mir hin, jedes ein­zel­ne Paket nur für mei­ne Com­pu­ter­ma­schi­ne und mich bestimmt, wo es rasend schnell zusam­men­ge­setzt und somit hör­bar wur­de. Das Wun­der der Musik. Das Wun­der ihrer Rei­se. Das Wun­der mei­ner Ohren, dass sie exis­tie­ren. — Kurz nach Mit­ter­nacht. Stür­mi­scher Wind pfeift ums Haus. — stop
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sirius

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kili­man­dscha­ro : 0.28 — Gegen Mit­ter­nacht ste­he ich im Arbeits­zim­mer, hebe bei­de Arme, mache Flü­gel, weil ich dar­über nach­den­ke, wie es wäre, gewichts­los zu sein. Ich habe mir vor­ge­stellt, dass man viel­leicht ein­mal auf die Idee kom­men wird, Men­schen zu erfin­den, die ohne Kno­chen sind, weil sie Kno­chen nicht benö­ti­gen, weil sie ohne jede Schwe­re im Welt­raum exis­tie­ren auf gro­ßer Fahrt. Die­se Men­schen wür­den von einer kräf­ti­gen Haut begrenzt, leg­ten sich viel­leicht in waben­för­mi­gen Struk­tu­ren zur Ruhe, wären falt­bar und weich wie Medu­sen. Wenn sich zwei die­ser Medu­sen­men­schen in einem schwe­re­lo­sen Raum begeg­ne­ten, wür­den sie sich in einer Zart­heit umschmei­cheln, die uns Kno­chen­menschen grund­sätz­lich fremd ist, weil wir in der Begeg­nung, auch in der Lie­be, gewohnt sind auf Wider­stän­de sto­ßen zu wol­len, auf Gegen­wehr, auf eine Fes­tig­keit, die wir benö­ti­gen, um sagen zu kön­nen, das bin ich und das bist Du. Ist das nicht ein bezau­bern­der Film, wie sich nahe des Siri­us­ster­nes zwei uralte Medu­sen­we­sen durch einen Tan­go atmen, wie sie ver­liebt ihre pul­sie­ren­den, ihre licht­durch­läs­si­gen Lun­gen betrach­ten? Wie könn­ten die­se Wesen beklei­de­ten sein, wel­che Bücher wür­den sie lesen, wel­che Musik wür­de sie in glück­li­che Schwin­gung ver­set­zen, was wer­den sie essen, was wer­den sie trin­ken, was wer­den sie ein­mal von mir den­ken, wenn sie lesen, was ich heu­te Nacht bereits für sie auf­ge­schrie­ben habe? — stop

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uwe johnson

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3.05 — Ich weiß nicht wes­halb, heu­te Nacht fin­de ich mich mit Zoll­stock vor Uwe John­sons Jah­res­ta­gen wie­der. Ich beob­ach­te mei­ne Hän­de, wie sie das Maß einer Zei­le mes­sen, wie sie mit einem wan­dern­den Fin­ger die Lini­en einer Sei­te zäh­len, wie sie das Buch mit Luft durch­fä­chern, wie sie Zif­fern notie­ren auf ein Blatt Papier. Kurz dar­auf lie­gen lin­ke, als auch rech­te Hand ruhig auf dem Tisch, wäh­rend das Gehirn, das ihnen zuge­ord­net ist, laut­los rech­nend vor sich hin arbei­tet. Ich notie­re: Die gesam­mel­ten Zei­chen der Jah­res­ta­ge in ihrer Frank­fur­ter Son­der­aus­ga­be wür­den eine les­ba­re Ket­te von 6.4 Kilo­me­tern Län­ge bil­den, wenn sie in genau jener Rei­hen­fol­ge dem Buch ent­kom­men wür­den, wie von Uwe John­son ein­mal aus­ge­dacht. — stop

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