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0.27 - Ich greife in die Zeit und ziehe ein Los — eine winzige Inschrift. So entstehen die Texte. Johannes Jansen

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0.27 - Ich greife in die Zeit und ziehe ein Los — eine winzige Inschrift. So entstehen die Texte. Johannes Jansen

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2.18 — Von Zeit zu Zeit, wenn ich in einem botanischen Garten sitze beispielsweise, wenn ich mir wünsche, eine der chinesischen Nachtigallen möge von den Bäumen herunterkommen und sich zu mir setzen, halte ich die Luft so gründlich an, dass ich zu einer lautlosen Erscheinung werde unter scheuen Vögeln. – Stunden des Arbeitens, des Wartens. — Das kaum noch wahrnehmbare Brausen einer Stadt jenseits der Bäume, jenseits der Mauern. – Tropfendes Wasser. — Meine Hände, die die Tastatur der Notiermaschine so behutsam berühren, als würden sie Ameisenrücken beschriften. — Weit nach Mitternacht. Es ist so still, dass ich glaube, von fern meinen Herzschlag zu hören. — stop

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9.59 — Welches Geräusch würde ein Kontrabass von Eis erzeugen? — stop

22.38 — Die Vorstellung, man könnte einmal Käfer in Tüten kaufen, so wie man Popcorn in Tüten kaufen kann. Käfer in grünen Panzern, die nach Pistazien schmecken, und Käfer in roten Panzern, sie schmecken nach Johannisbeeren, und Käfer in gelben Panzern, sie schmecken nach Melisse. Sobald man eine Tüte öffnet, fliegen sie los. Sie sausen ein paar Runden durch die Luft, verdrehen einem den Kopf, um sich unverzüglich in jeden Mund zu stürzen, der sich vor ihnen öffnet. Dort dann zerplatzen sie mit einem zarten Geräusch in einem vollendeten Aromastern. — Wong Kar-Wai’s wunderbarer Nachtvogel ohne Füße, der niemals landet. — stop

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2.25 — Folgendes. Ein Trompetenkäfer ist in der Mitte, zwischen Kopf und Brust auf der einen, und seinem gepanzerten Ende auf der anderen Seite, mehrfach gefaltet. Das sind Falten einer Haut, die sofort an sehr feines Reptilienleder erinnert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeugen wünscht, schreitet er mit Kopf und Brust voran, während er sich mit seinen Hinterbeinen gegen die Laufrichtung stemmt, sodass sich beide Segmente rasch voneinander entfernen und einen Raum eröffnen, der jene Luft mit Leder ummantelt, die durch Mund oder Kiemen in den Käferkörper bereits vorgedrungen ist. Im Moment seiner größten Entfaltung wird der Käfer seine Bewegung kurz unterbrechen, und während sich nun die Beine seines Brustsegmentes in den Boden schlagen, arbeiten sich die hinteren Läufe solange voran, bis wieder alles schön gefaltet ist in der Mitte und alle Luft geräuschvoll am Mundstück wieder ausgetreten. – Milde Luft heut Nacht. — stop

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2.24 — Habe 628 Optionen gezählt, das Wort Nacht fortzusetzen. Zum Beispiel: Nachtigallenaffe Nachtgewölbe Nachtduft Nachtdurchschwärmer Nachteulenton Nachtgefieder Nachtwolf. Oder aber Nachtpapagei : das ist der merkwürdigste aller papageien, der kakapo von neuseeland [ strigops habroptilus ], den man mit demselben rechte, mit welchen man die eulen im gegensatz mit den falken einer besonderen familie unterbringt, als einen vertreter einer eigenen familie betrachten muss. [ nach Grimmsches Wörterbuch N – Q ] — Drei Uhr zwölf. In meinen Zimmern amerikanische Stimmen. Funkgeräusche. Geräusche meiner Kindheit. Weltraumgeräusche. Geräusche, wie sie auch in Guantanamo zu hören sind. Den Schlaf raubende Geräusche. — stop

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0.15 — Ich schreibe diesen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wünsche, wach zu bleiben. Vor den Fenstern: Dunkel. Das Licht einer Straßenlaterne ist ausgefallen und der Himmel bedeckt. Jetzt stehe ich auf. Laufe hin und her und pfeife. Sobald ich am Schreibtisch vorüberkomme, setzte ich mich und schreibe ein paar Wörter und dann stehe ich wieder auf und gehe pfeifend weiter. Nichts weist darauf hin, dass dieser Text tatsächlich von einem laufenden Menschen gedacht und geschrieben wurde, von einer Person, die je nur ein oder zwei Worte notierte, um sogleich weiterzugehen. Alles könnte nur behauptet sein. — Weshalb höre ich auf zu pfeifen, sobald ich schreibe? Ist die Zeit, die ich damit verbringe, auf ein Wort zu warten, als Arbeitszeit anzusehen? Ist der Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit für sich schon eine Leistung? — stop

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2.02 — Seit Tagen sitze ich immer wieder einmal vor einer Fotografie, die den Schimpansen Ham zeigt. Zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war, wurde dieser berühmte, nordamerikanische Affe durch den Weltraum geschossen. Sein merkwürdiger Ausdruck kurz nach der Landung, ein Blick nach innen, vielleicht der nachträumende Blick aller Raumfahrer dieser Welt. — stop
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0.20 — Im Winter nach Berlin, immer im Winter, immer nachts, im Westen ein langsam fahrender Zug hinter Bebra. Dann Grenze. Ein Posten. Türme. Metall. Und Licht. Gelbes Licht, demoliertes Licht. Und Hunde, jawohl, Hunde. Dann Osten. Von Stadt zu Stadt durchs unbekannte Land. Auf Bahnsteigen : Volkspolizei, Rücken zum Zug, Wachen oder so etwas, in den Abteilen mit Stempel, mal freundlich, mal finster, mal kühl. Dann wieder Grenze. Warten. Rangieren. Demoliertes Licht. Irgendjemand schlägt von unten her mit Metall gegen den Boden des Zuges. Hunde. Dann Westen. Herrn in Zivil, Staatsschutz, von Abteil zu Abteil. Dann Zoo. Wenn man so, immer nachts, reist, kaum Kenntnis vom Land, durch das man kommt, sagt man, das riecht hier anders, das riecht hier nach Kohle. Man steht an einem Fenster in diesem Zug, der wartet in Halle. Es ist gegen fünf in der Früh und man weiß, man darf nicht aussteigen, man weiß, die Anderen auf den Bahnsteigen jenseits der Posten, jenseits der Geleise, dürfen nicht einsteigen, man weiß, Schüsse könnten fallen. Die da draußen herumstehen, die aus dem Mund dampfen, die von der Morgenschicht in Halle, wissen das besser als die, die im Zug stehen und mit Westaugen einen Kontakt suchen für Sekunden. Schüsse könnten fallen, jawohl, Schüsse. Und deutsche Sprache, — Halt! Stehen bleiben!
Ich erinnere mich an eine Textpassage. Malcolm Lowry an Bord des Schlachtkreuzers, H.M.S.Proteus. Man liegt vor chinesischer Küste, man spielt Cricket an Deck. Nicht weit, jenseits des Wassers an Land, war ein schrecklicher Krieg im Gange. „Dum! Dum! Dum!, aber die ganze Sache fegte über unsere Köpfe hinweg, ohne uns zu berühren.“ — „Sie können sagen, dass ich dem Mann gleiche, von dem sie vielleicht gelesen haben, der sein Leben auf einem Schiff verbrachte, das regelmäßig zwischen Liverpool und Lissabon hin — und herfuhr, und bei seiner Entlassung über Lissabon nur sagen konnte : die Straßenbahnen fahren dort schneller als in Liverpool.“ Ich erinnere mich an eine Notiz des russischen Dichters Wenedikt Jerofejew : „Alle sagen, — der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brummendem Schädel Moskau durchquert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Geratewohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“
Einmal, wieder Winter in Berlin, Berlin-West, 1987, ein Fest. Geräumige Wohnung. Auf den Tischen Schnapsflaschen und Erdbeergläser. Man sagt, das sei so üblich, — Gäste aus dem Osten, Schnaps auf dem Tisch. Da ist ein kleiner Mann, schütteres Haar. Sitzt die Nacht über an einem der Tische, trinkt und schlägt irre Rhythmen mittels Messern und Gabeln auf Teller, an Gläser. Man sagt, der Mann sei gerade rüber gekauft, man sagt, er habe in Bautzen II gesessen, man sagt, einmal, frostige Luft, habe man den Mann ausgezogen, man habe ihn ausgezogen und in eine Schleuse gestellt, man habe ihn dort vergessen unter freiem Himmel, dann habe man sich seiner erinnert, dann habe man ihn warm geprügelt. — Irre Rhythmen. — Hab ich also Land betreten. — stop

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9.55 — Ich hatte ein Kinderbuch, das ich zufällig in einer Kiste entdeckte, vor mir auf den Schreibtisch gelegt, illustrierte Erzählungen aus Tausend und einer Nacht. Ich konnte mich an beinahe jedes Detail der Zeichnungen, die sich in dem Buch befanden, erinnern, das heißt, ich erkannte die Zeichnungen wieder, auch den Geruch des Papiers, einen Tintenfleck, meine kindliche Schrift, die eine der Erzählungen kommentierte. Heute, angesichts zweier Buben, — sie kämpften in einer U‑Bahn mittels handlicher Konsolen verbissen gegeneinander -, die Vorstellung, wie in Zukunft uralte Menschen nicht Büchern, sondern ihren Spielzeugmaschinen aus Kindertagen begegnen, virtuellen Welten von ungeheurer Rechenleistung. — stop

