elisabeth

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char­lie : 0.05 UTC – Vor eini­gen Wochen besuchte ich das Haus der alten Men­schen, in dem meine Mut­ter wohnt. Ich spazierte über die Flure des Haus­es mit einem Apfel in der Hand, und wartete, dass ich in das Zim­mer mein­er Mut­ter gerufen würde. Auf einem Sofa am Ende eines der Flure vor einem Fen­ster sass eine alte Frau wie zu ein­er Salzsäule erstar­rt. Als ich zum drit­ten Male an ihr vorüber kam, erin­nerte ich mich an eine Geschichte, die ich ein­mal in Brook­lyn erlebte. Ich hat­te sie vor Jahren notiert. Ich schrieb: Im Win­ter des vergan­genen Jahres, an einem windig kalten Tag, besuchte ich in Brook­lyn einen alten Her­rn, Mr. Tomas­zweska und seine Frau Elisa­beth. Sie wohnen nahe der Clark Street in einem sechs­stö­ckigen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hat­te den alten Mann während ein­er Fahrt auf einem Fähr­schiff zufäl­lig kennen­ge­lernt. Er beob­ach­tete wie ich Fahr­gäste foto­gra­fierte, die ihre Namen heim­lich in die hölz­er­nen Sitz­bänke des Schiffes ritzten. Er sprach mich freund­lich an, wollte mir einen Schriftzug zeigen, den er selb­st drei Jahr­zehnte zuvor an Ort und Stelle in der glei­chen Weise wie die beob­ach­teten Passa­giere einge­tragen hat­te. Wir führten ein kurzes Gespräch über die New York­er Hafen­be­hörde, Eisen­bahnen und Flug­zeuge, weiß der Him­mel, wie wir darauf gekom­men waren. Als wir das Schiff ver­ließen lud Mr. Tomas­zweska mich ein, ein­mal zu ihm zu kom­men. Darum stieg ich nur wenige Tage später in den sech­sten Stock des schmalen Haus­es auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Woh­nung stand offen, warme Luft kam mir ent­ge­gen, die nach süßem Teig duftete, nach Zimt und Frücht­en. Die Räume hin­ter der Tür waren verdun­kelt. Ich hat­te sogle­ich den Ein­druck, dass ich viel­leicht träumte oder ver­rückt gewor­den sein kön­nte, weil in diesem Halb­dunkel an den Wän­den, auch auf dem Boden, Lam­p­en, Dioden­lichter, glüht­en. Modell­ei­sen­bahn­züge fuhren auf schmalen Geleisen herum. Ich höre noch jet­zt das leise Pfeifen ein­er Dampf­lo­ko­mo­tive, das meinen Besuch beglei­tete. Es war eine rasende Zeit, Stun­den des Stau­nens, da in der Woh­nung des alten Her­rn eine sehr beson­dere Modell­an­lage gastierte, ja, ich sollte sagen, dass die Woh­nung selb­st zur Anlage gehörte, wie der Him­mel zur wirk­li­chen Welt. Alle Züge fuhren auto­ma­tisch von einem Com­put­er ges­teuert, die Luft über den Geleisen roch scharf nach Zinn. Wir spra­chen indessen nicht viel, Mr. Tomas­zweska und ich, son­dern schaut­en dem Leben auf dem Boden in aller Stille zu. An einem Fen­ster, dessen Vorhänge zuge­zogen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Elisa­beth. Sie beach­tete mich nicht, star­rte viel­mehr lächel­nd auf eine kleine Klappe, die in die Wand des Haus­es einge­lassen war. Manch­mal öffnete sich die Klappe und ich kon­nte für Momente das Meer erken­nen, das an diesem Tag von grün­grauer Farbe gewe­sen war, wunder­bare Augen­blicke, denn immer dann, wenn das Meer in dem kleinen Fen­ster erschien, lachte die alte Frau mit glocken­heller Stimme auf, um kurz darauf wieder zu erstar­ren. Ein­mal set­zte sich Mr. Tomas­zweska neben seine Frau und füt­terte sie mit warmem Oran­gen­ku­chen, den er selb­st geba­cken hat­te. Und wie wir uns wieder auf den Boden set­zten, um ein Mod­ell des Orient­ex­press durch die Zim­mer der Woh­nung kreisen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemein­sam hier oben sehr glück­lich seien. Er könne mit sein­er Frau zwar nicht mehr spre­chen, er könne sie nur noch strei­cheln, was sie irgend­wie ver­ste­hen würde oder sich erin­nern an die Sprache sein­er Hände. Ver­stehst Du, sagte er, sie ver­gisst immer sofort, alles ver­gisst sie, auch wer ich bin, aber sie ver­gisst niemals nach den kleinen Engeln zu sehen, die uns besu­chen, sie kom­men dort durch die Klappe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wun­der, sagte der alte Mann, wie schön sie lacht, mein junges Mäd­chen, nicht wahr, mein junges Mäd­chen. – stop
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