Aus der Wörtersammlung: schachtel

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im schneehaus

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whis­key : 0.12 — Man soll­te, sagen wir, sobald man auf Rei­sen geht, Bass­kä­fer in Streich­holz­schach­teln lie­gend in der Jacken­ta­sche mit sich füh­ren. Sie wer­den viel­leicht musi­zie­ren, wäh­rend man in einem Zug oder einem Flug­zeug sitzt, so lei­se spie­len, dass man nichts zu hören ver­mag, nur ein lei­ses Beben spü­ren, das sich als Wel­le aus­brei­tet, wär­mend der Gedan­ke an die Käfer, wie sie in ihren Kof­fern übend lun­gern. — Kurz nach Mit­ter­nacht. Heut ist Mon­tag, selt­sams­ter Tag unter den Tagen. Ich bin west­wärts gewan­dert im Lese­saal der Bücher von Eis. — 52° Cel­si­us, da knis­tert die Luft. Stu­die­ren­de Men­schen sit­zen vor gefro­re­nen Tischen auf gefro­re­nen Stüh­len, Loko­mo­ti­ven gleich sto­ßen sie Dampf aus Mund und Nase, neh­men Fahrt auf in der Lek­tü­re auf­re­gen­der Text­pas­sa­gen, ihr Feu­er­atem, feins­ter Schnee, der über den Büchern nie­der­geht. — stop

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standardminute

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del­ta : 6.05 — Wie ich abends im Waren­haus eine moder­ne Stan­dard­mi­nu­te erleb­te, das will ich rasch noch berich­ten, eh mir die Augen zufal­len, müde vom Wun­dern. Eine gan­ze Minu­te also. In die­ser Minu­te, an ihrem Anfang genau­er, befin­det sich eine Kas­sie­re­rin mitt­le­ren Alters, unru­hig sind Augen und Mund, und ihre flat­tern­den Hän­de, Werk­zeu­ge, die Waren über Licht­tas­ter zie­hen. Eine alte Dame ist da noch, eine Dame mit Hut, die sich sehr lang­sam bewegt, ein wah­res Rep­til, wür­de­voll, bedäch­tig. Ein wenig zer­streut scheint sie zu sein, hebt immer wie­der den Blick, beob­ach­tet scheu die Bewe­gung des Ban­des, die Rei­se ihrer per­sön­li­chen Ware: eine Schach­tel Pra­li­nen, ein Fläsch­chen Jäger­meis­ter, Salz­stan­gen, drei Dosen Kat­zen­fut­ter, ein duzend Scho­ko­la­den­os­ter­ei­er in Grün, in Gelb, in Rot, und ein wei­te­res Fläsch­chen noch hin­ter­her. Das alles muss jetzt in die Tasche, sofort, und doch ist es schon zu spät. Zwei Apri­ko­sen­saft­tü­ten schie­ben sich, einem Eis­bre­cher ähn­lich, in den war­ten­den Bezirk der alten Frau hin­ein, fal­ten Eier, Salz­stan­gen und ande­re Waren­tei­le steil zur Sei­te. Man kann jetzt hören, wie das klingt, wenn eine Dame höf­lich um Geduld bit­tet, um Nach­sicht, eine freund­li­che, eine herz­er­wär­men­de Stim­me, und das Geräusch einer Fla­sche, die zu Boden fällt. Wie sich die alte Dame nun auf­rich­tet, wie ihre hel­len Augen mei­ne Hän­de beob­ach­ten, die ver­su­chen, wei­te­res Unglück abzu­wen­den. Ungläu­big schaut sie mich an, dann das För­der­band ent­lang, das wei­te­re Waren vor­an trans­por­tiert. Ja, bald ste­hen wir und stau­nen zu zweit, und auch die Ver­käu­fe­rin ist zur mit­füh­len­den Beob­ach­te­rin gewor­den. Sie lurt zum Waren­strom hin, der über die Kan­te der Roll­band­the­ke in die Tie­fe stürzt. Ihre Hän­de, die­se selt­sa­men Hän­de, sie arbei­ten wei­ter und wei­ter, schie­ben und schie­ben, als führ­ten sie ein eige­nes Leben oder gehör­ten schon der Maschi­ne mit ihrem Rot­licht­au­gen­ge­hirn. stop. Minu­te zu Ende. stop. Guten Mor­gen. — stop

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kapstadt

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2.26 — Mail von S. aus Kap­stadt. Der jun­ge Arzt berich­tet aus einem klei­nen Hos­pi­tal [ 200 Bet­ten ] nahe einem Town­ship. Er habe, wie immer, wenn Zahl­tag sei, sehr schwie­ri­ge Näch­te hin­ter sich. Zeit der Dro­gen, Zeit der Waf­fen­käu­fe, Zeit offe­ner Rech­nun­gen. Er ste­he von 20.00 bis 8.00 Uhr im OP wie an einem Fließ­band und lege Tho­rax­drai­na­gen, ver­nä­he Stich­wun­den, hole Mes­ser­spit­zen und Pro­jek­ti­le aus den Kör­pern, all die­se übli­chen Din­ge in der Nähe des Krie­ges. Wäh­rend ich sei­ne Nach­richt lese, erin­ne­re ich mich an eine Foto­gra­fie, die einen alten ita­lie­ni­schen Chir­ur­gen zeigt, der im Moment der Auf­nah­me eine Ope­ra­ti­on im eige­nen Bauch­raum unter­nimmt. Unver­züg­lich mache ich mich im Papp­schach­tel­turm auf die Suche.

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Wie­der ein Oszil­lie­ren zwi­schen Stau­nen und Unru­he. Heu­te Nacht damp­fen die Stra­ßen. Leich­ter See­gang. — Viel­leicht ist das Schrei­ben ein Vor­gang des Nähens, eine Arbeit der Repa­ra­tur. — Und Gros­ny? — stop

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harold and maude

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2.05 — Ich habe mir etwas Luxus gestat­tet. Ich habe mich mit einer Schach­tel Pis­ta­zi­en­eis auf mein Sofa gesetzt und einen Film betrach­tet, den ich vor zwan­zig Jah­ren zuletzt gese­hen und seit­her nie wie­der ver­ges­sen habe : Harold and Mau­de. Ein gro­ßes Ver­gnü­gen. Wie weit ent­fernt in der Zeit doch Harold erscheint. Unlängst noch, ist er ver­traut und nah gewe­sen. Aber Mau­de ist in mei­nen Augen sehr viel jün­ger gewor­den. Für einen kur­zen Moment habe ich über­legt, in wel­cher Art und Wei­se ich mein Leben gestal­ten soll­te, um Mau­de ein­mal als jun­ges Mäd­chen wahr­neh­men zu kön­nen. — Zwei Stun­den nach Mit­ter­nacht, also spä­ter Nach­mit­tag. Nichts zu tun in die­ser Nacht, als mit Doro­thy Par­kers New Yor­ker Geschich­ten durch die Zeit zu segeln. — stop

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