romeo : 18.22 UTC — Bohumil Hrabal notiert in seinen Arbeitsheften, er sei mit allem, was sich vor seinen Augen abspiele, unverzüglich durch einen festen Schlauch verbunden, wie das Kind durch die Nabelschnur mit dem Leib seiner Mutter. — Auch meine Schreibmaschine scheint, während ich notiere, der elektrischen Welt mittels hunderter Ping – Fäden verbunden zu sein. Ihre heimlichen Blicke. Oder heimliche Blicke zu ihr hin. Um 18:15 Uhr MEZ meldet mein Netzwerkmonitor 1180 aktive Verbindungen in alle Welt: nach China, in die Vereinigten Staaten von Amerika, nach Australien, Schweden, Dänemark, Argentinien, Kanada, Irland, Italien, Rumänien, Russland, Japan. stop — Beunruhigende Geschichte. — stop

Aus der Wörtersammlung: rom
ghost biblace
MELDUNG. Automobile, folgende, wurden nach einem Kaufhausbesuch zu London in Martha B., 93, vorgefunden : Magen — 1 Bugatti 57 [ 1936 ], 1 Alfa Romeo Sprint [ 1950 ], Dünndarm – 1 Jaguar Mark Two [ 1963 ], Dickdarm — 1 Rolls-Royce Silver Ghost Biplace [ 1911 ]. Wiederum wurde die Durchsuchung des hochbetagten Bauches von den Royal Courts of Justice zwingend angeordnet. — stop
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schnee
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romeo : 20.05 UTC — Es ist später Nachmittag geworden eines Tages nach einer langen Nacht. Wieder, ich erinnerte mich, liegt ein Buch Julio Llamazares’ vor mir auf dem Schreibtisch. Ich habe das Buch geöffnet, um nach einem zärtlichen Satz zu sehen, ob er noch da ist. Er geht so: Für meine Mutter, die schon Schnee ist. Dieser Satz ist nun auch mein Satz. – stop
schlaf
romeo : 15.08 UTC — Ich könnte vielleicht sagen, dass sich mein Gehirn mittels feiner Muskeln, die meine Augen umringen, selbst zu berühren vermag. Ich könnte weiterhin sagen, dass ich, sobald ich eine Fotografie betrachte, mit meinen Augen mein Gehirn bewege und in meinem Gehirn eine Welt: Das sind meine Augen vor langer Zeit, meine Augen als Kind. Noch immer kann ich sie sehen. Wenn ich sage: meine schlafenden Augen, spreche ich von Augen, die ICH nie gesehen habe. — stop
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nabokovs uhr
romeo : 0.02 UTC — Vor einiger Zeit schrieb Nabokov einen Brief. Er habe mir, so Nabokov, eine ungewöhnliche Uhr geschickt, ich solle ihm notieren, sobald sie angekommen sei. Wenige Tage später meldete sich Nabokov erneut: Lieber Louis, ist die Uhr, die ich Dir sendete, angekommen? Wenige Tage zuvor war Nabokovs Uhr in meinem Briefkasten angekommen, zollamtlicher Vermerk: Zur Prüfung geöffnet. Ich will an dieser Stelle bemerken, von der Öffnung des Päckchens war nicht die mindeste Spur zu erkennen, kein Schnitt, kein Riss, keine Falte. Im Päckchen nun eine Schachtel von hellem Karton, in der Schachtel Seidenpapiere, von Nabokovs eigener Hand vermutlich zerknüllt. In weitere Seidenpapiere eingeschlagen, besagte Uhr, wunderbares Stück, ovales Gehäuse, blechern, vermutlich Trompete, welches schwer in der Hand liegt. Kurioserweise fehlt der Uhr das Zifferblatt, weiterhin keinerlei Zeiger, weder Dioden noch Leuchtzeichen. Ich versuchte, das Gehäuse der Uhr zu öffnen, vergeblich. Erstaunlich ist, dass, wenn ich auf das Gehäuse der Uhr Druck ausübe, sich ein schmaler Schacht seitlich öffnet, dem, wie zum Beweis der Existenz der Zeit, ein Streifen feinsten Papiers entkommt, auf welchem ein Uhrzeitpunkt aufgetragen worden ist. Sechssiebzehnzwölf. Erstaunliche Sache, wirklich erstaunlich! – stop

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romeo : 22.55 UTC — n a s e n k n o p f
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über postkarten
romeo : 15.10 — Postkarten existieren, die einerseits über eine Adresse verfügen, an welche sie gesendet werden könnten, aber über kein weiteres Zeichen, keine Nachricht, keinen Gruß, keine Geschichte. Andere Postkarten, auch sie existieren, erzählen in kleinsten Zeichen von einer Reise, beispielsweise, oder einer besonderen Liebe, mit feinsten Werkzeugen aufgetragene Schrift, doch eine Zustellung kann nicht gelingen, da eine Adresse fehlt, nicht einmal ein Absender ist vorhanden. Es kommt mir vor, als würde diese Gattung zielloser Postkarten Selbstgespräche führen. – stop
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schatten
olimambo : 15.10 — Sind Sammler, die nicht existierende Dinge sammeln, oder nicht existierende Käferwesen, sagen wir, Trompetenkäfer, ja, sind die Sammler der Trompetenkäfer vielleicht Erfinder? – stop
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unter freiem himmel
sierra : 15.08 — Ich spazierte im Park. Und wie ich so spazierte, dachte ich, vielleicht bist Du schon 5105 Male durch diesen Park spaziert, warum nicht. Da entdeckte ich plötzlich, dass jeder der Bäume des Parks zwei Meter über dem Boden ein Schildchen trug an seinem Stamm. Zunächst entdeckte ich ein Schildchen am rauen Stamm einer Spottnuss. Auf dem Schildchen waren zwei Buchstaben und fünf Zahlen verzeichnet, das könnte ein Code sein, dachte ich, dann ging ich weiter, um an dem Stamm einer Eibe ein ähnliches Schildchen zu bemerken. Wieder waren zwei Buchstaben und fünf Zahlen auf grünem Hintergrund aufgetragen. Eine Stunde lang betrachtete ich Stämme der Bäume des Parks, Stämme der Rotbuchen, Birken, Zwergnusskastanien, Erlen, Eichen und eines gewöhnlichen Trompetenbaums, sie alle waren mit einem Schildchen von Metall versehen, Ziffern, einem Schatten demzufolge, einem besonderen Blick. Vermutlich, dachte ich, wird irgendwo ein Buch oder ein digitales Verzeichnis existieren, in dem die Existenz der Bäume festgehalten ist, ihre Namen möglicherweise und ihr Alter, vielleicht auch, wie sich die Bäume benehmen im Winter und im Sommer. Zuletzt dachte ich, dass ich eventuell durch ein Museum spaziere. Das denke ich noch immer. Winter ist geworden. — stop
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st. elena
sierra : 22.12 UTC — Am Bug sitzen bei schwerem Seegang. Das Meerwasser fliegt durchs neblige Licht wie Milch. Menschen, die das Vaporetto betreten, dampfen, dass die Scheiben beschlagen. Eine junge Frau dreht pfeifend einen roten Regenschirm im Wind. Ich denke mir die Geräusche des Regens aus, die unter dem Dröhnen der Vaporettomotoren unhörbar sind. Aber das Quietschen der Gummistiefel. Trug Schwarze oder Gelbe als Kind. Heutzutage existieren sie in allen möglichen Farben. Auch Malerei ist aufgetragen, alte Meister, der Frühling, Punktzeichnungen der Marienkäfer, Muster in allen möglichen Farben. Ein Mann zeigt seiner Geliebten einen fingerlangen Nashornkäfer von Glas, er hält das schimmernde Wesen in die Luft, eine Vorstellung in diesem Moment, da wir uns wieder dem Land nähern, die Vorstellung auch eines Glasbläsers, irgendwo müssen diese wahren Künstler glühenden, schmelzenden Sandes noch heimlich ihre Backen plustern wie Trompetenspieler. Genau dort scheint eine Verbindung zu existieren von der Musik zu den Nashornkäfern, die in Sammlungen weltweit genadelt sitzen. — stop
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