ginkgo : 6.55 – Ein schläfriger Mann sitzt in diesen Minuten mit einer Schreibmaschine auf dem hölzernen Boden seines Arbeitszimmers. Habe zuletzt zwei Stunden in Christoph Ransmayrs letzter Welt gelesen, in einem Buch, das ich immer dann zur Hand nehme, wenn mir die Sprache müde zu werden scheint. Der Mai kam blau und stürmisch. Ein warmer, nach Essig und Schneerosen duftender Wind fraß die letzten Eisrinden von den Tümpeln, fegte die Rauchschwaden aus den Gassen und trieb zerrissene Girlanden, Papierblumen und die öligen Fetzen von Lampions über den Strand. (Christoph Ransmayr). Kaum hatte ich das Wort Schneerose zu Ende gelesen, stand ich auf und wartete erhitzt zwei oder drei Minuten vor meinem Aquarium. Dort wohnen seit einigen Monaten Wälder und Fische, die mich im Zwielicht schwebend, Stunde um Stunde beobachten. Einmal, gegen Zwei, entfaltete ich einen Stadtplan New Yorks. Das machte sie wild. Dann wieder Ruhe. Flossenfäden. Flugdrachenschwänze. Und dieser Mann, dieser schläfrige Mann, der sich wieder und wieder nähert. Seine Freude, dass ihn das Wort Schneerose, indem es dem Wort Essig folgte, derart begeisterte, dass ihm warm wurde, feurig und alle diese Dinge. Aber natürlich, aber natürlich erneut die Frage, ob meine Kakaduzwerge mich als einen der ihren, als einen Fisch betrachten. — Guten Morgen!
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Aus der Wörtersammlung: zwerg
atlantisches licht
MELDUNG. Atlantikleuchter Abyss DC-X-71 : mobiles Habitat für 8 Exemplare Anglerprachtfisch melanocetus johnsoni GT-AO9 [ männlich ] : je 0.78 Watt Lumineszenz : 5 Liter Schwimmraum : Vollmantelpanzerverglasung : Gewicht [ ohne Atlantik ] – 15.8 kg : Befeuerung – 5 g Zwerggarnele nathophyllum americanum GT-BC97 [ a 24 h ] : automatischer Druckausgleich [ 105 atm / Tag : 5 atm / Nacht ] : natürlicher Hautschirm zur Abdeckung protoplastischer Strahlung — transparent [ Inid-Code 9788907–86 ] — stop

yanuk : zeitherz
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~ : yanuk le
to : louis
subject : ZEITHERZ
date : nov 24 08 6.32 p.m.
Höhe 310. Beobachte Pflanzen seit drei Tagen. Auch in den Nächten, wenn ich unterm Pfeifen der Moskitos nicht einschlafen kann, warte ich am Rande der Plattform, lasse die Beine baumeln, hoffe, dass der Schwarm schwebender Zwergseerosen sich wieder in Bewegung setzten wird. Lange Stunden der Ruhe, des Stillstandes, stolz zeigen sie ihre weißen, ihre blauen Blüten, schwimmen oder schweben fast reglos auf dem Nebel. Ist dieser Nebel vielleicht schon eine Wolke, bin ich so weit gekommen, dass ich die Wolkendecke durchstoßen habe? Ja, Stunden der Bewegungslosigkeit, nur von einem leichten Windzug gestreichelt, aber dann, sehr plötzlich, schließen sie zur selben Sekunde ihre lockenden Kelche, eine Welle süßen Duftes wandert gegen den Himmel, und es wird so still, als wären all die pfeifenden, singenden, kreischenden Geschöpfe des Waldes betäubt von der schweren Substanz der Pflanzenluft. Habe die Zeit gemessen, habe versucht, einen Rhythmus des Schließens und Öffnens zu finden, vergeblich, vielleicht, weil ich sie Jahre beobachten müsste, um ihre Frequenz zu verstehen. Einmal bin ich zurück in den Nebel getaucht, habe das Wurzelhaar untersucht, filigrane Gefäße, rosafarben, aber keine Verbindung von Pflanze zu Pflanze. Ein Wunder, wie sie das machen, synchron, simultan, als verfügten sie über ein gemeinsames, ein geheimes Herz, das die Zeit zählen kann. – Wieder letzte Minuten vor Dämmerung. Das Rudel der Affen liegt um meine Schreibmaschine herum. Du kannst Dir nicht vorstellen, Mr. Louis, von welch weicher, geschmeidiger Gestalt glückliche Affen sind. Selbst die Knochen ihrer kleinen Köpfe scheinen der Schwerkraft nachzugeben. — Cucurrucu! Yanuk
eingefangen
22.18 UTC
1686 Zeichen

fliegender wal
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kapriole : 3.15 — Das neue Lebensjahr beginnt voller Zuversicht mit Freunden unter gebratenen Vögeln und Fischen. – Mari Boine idjagiedas. – Bewegtes Bild dieser Nacht. Wie ich einem Zimmeraquarium einen Zwergwal entnehme, wie ich das fingerlange Tier durch die Wohnung trage, wie ich ihm vom Fliegen erzähle. — stop

yanuk : zwergseerosen
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~ : yanuk le
to : louis
subject : ZWERGSEEROSEN
date : nov 8 08 10.25 p.m.
Drei lange Stunden geklettert, um Höhe 310 zu erreichen. Kein Regen, aber Nebel, sehr dichter, kühler Nebel. Aufstieg fortgesetzt. Ich konnte die kleinen Affen hören, ihr unentwegtes, leises Knattern, mit dem sie sich verständigen, wenn sie sich nicht sehen können, eine Art Radarsprache, die nichts bedeutet, als: Hier bin ich, hier, am Ende des Geräusches! Sie haben mich begleitet. Nehme an, auch ich war für sie unsichtbar gewesen, aber sie konnten wohl meinen Atem hören, das Kratzen meiner Finger an der Rinde, mein Schuhwerk, mein Ächzen, wenn ich mich weiterziehen musste. Kurz bevor wir Höhe 382 erreichten, wurde es heller, dann eine scharfe Linie zwischen Dampfluft und trockener Luft. Es war ganz so, als hätte ich meinen Kopf aus dem Wasser gestreckt, als hätte ich tagelang getaucht. Die Affen waren schon da, begrüßten mich kreischend. Sie sahen lustig aus, feuchtes Fell, waren über und über mit Blüten bedeckt. Ich sage Dir, Mr. Louis, ein fantastischer Ausblick. Abertausende Zwergseerosen schweben oder schwimmen auf der Oberfläche des Nebels. Ich weiß jetzt, weshalb es in den vergangenen Tagen so düster gewesen ist. Ich werde mich jetzt einrichten hier oben und etwas ausruhen. — Cucurrucu! Yanuk
eingefangen
20.12 UTC
1266 Zeichen
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zwergseerosen
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0.05 — Lebte im Traum mit glühenden Panzerfischen unter einem Dach. Konnte nicht sagen, ob meine Zimmer unter Wasser standen oder gefüllt waren mit Luft. Verfügte ich über Kiemen oder hatten die Fische Lungen? — Noch zu tun: Zwergseerosen erfinden für Unterwasserhimmel. — stop



