yanuk : lichtmaschine

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india

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : FROGS
date : june 1 08 8.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, seit acht Tagen Regen. Ver­brachte zulet­zt sechs Stun­den an den Stamm meines Baumes gefes­selt, um nicht vom Sturm in die Tiefe geris­sen zu wer­den. Gestern, sehr früh in der Mor­gendäm­merung, dann auf Höhe 152 zurück­gekehrt. Das Lager, ram­poniert. Ein paar Affen, Tama­rine, haben sich bre­it gemacht, musste kämpfen, ehe sie die Plat­tform räumten. Habe meine Vor­räte zum Trock­nen aus­ge­bre­it­et, Nüsse, vor allem Nüsse, und ein paar Fleis­chkon­ser­ven sind da noch und etwas Brot, das hof­fentlich nicht schim­meln wird. Bin jet­zt ohne Licht­mas­chine, der Sturm hat sie mit sich fort­geris­sen. Aber die Ameisen sind zurück, du erin­nerst Dich, träge Ameisen­tiere, die nach Lan­gusten schmeck­en. Deshalb ohne Furcht, habe Trinkwass­er im Über­fluss. Werde mor­gen weit­er zu den Fröschen sprechen. Wie selt­sam, meine Stimme aus ihren Schall­beuteln zu vernehmen. So deut­lich flüstern sie mir nach, als ob keine andere, als die men­schliche Sprache, ihnen je zu Ohren gekom­men wäre. Erstaunliche Ent­deck­ung. Welchen Namen, frage ich Dich, soll ich ihrer Gat­tung geben? — Yanuk

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20.57 UTC
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yanuk : frogs

2

sier­ra

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : LIGHT
date : july 12 08 6.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, ich schreib Dir noch rasch, bevor die Dunkel­heit wie ein nass­es Tuch vom Him­mel fall­en wird. Ist Dir bekan­nt, dass ich seit bald zwei­hun­dert Tagen auf Baum No 728XZ sitze, ohne ein­mal den Erd­bo­den berührt zu haben? Viel Zeit habe ich in den ver­gan­genen Wochen damit ver­bracht, mein Zelt gegen das Licht der Sonne abzu­dicht­en. Werde for­t­an ver­suchen, am Tag zu schlafen und nachts meinen Forschungsar­beit­en nachzuge­hen. Bin zufrieden, habe viel neue Wesen ent­deckt, aber die Hitze set­zt mir zu, und das Licht scheint doch eine Flüs­sigkeit zu sein, die durch den kle­in­sten Spalt fließen und mein Zelt auszufüllen ver­mag. Vielle­icht ist das Licht deshalb nicht auszuschal­ten, weil ich weiß, dass es dort draußen, vor meinem Zelt unter dem Man­tel von Blät­tern, hell ist, oder weil Licht in meinem Kopf bren­nt, das ich nicht zu Ende denken kann. Und doch, mein lieber Louis, bin ich glück­lich. Dank Dir her­zlich für den feinen Sim­mons Text. Das erste Buch, das ich per E‑Mail erhal­ten habe. Ich bin natür­lich noch nicht sehr geübt im Lesen vor Bild­schir­men und die Fal­ter set­zen mir zu. Sie haben die Größe mein­er Hände, sind staubig und zu schw­er für die Zun­gen der Frösche, die in mein­er Nähe sitzen und warten, dass ich mit meinen Selb­st­ge­sprächen begin­nen werde. Manch­mal habe ich das Gefühl, bere­its selt­sam gewor­den zu sein. Vielle­icht bin ich ein erfun­denes Geschöpf? Wirst Du schreiben, sobald Du etwas vom Ver­rück­t­sein bei mir find­est? – 6.12 p.m. 32°C. 97 Prozent Luft­feuchte. Posi­tion 1°38’S 61°42’W — Yanuk

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22.05 UTC
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yanuk : kulinarien

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oli­mam­bo

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : MOLLUSKEN
date : aug 23 08 2.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, wir hat­ten hefti­gen Sturm, waren aber gut befes­tigt. Seit gestern funk­tion­iert meine Kurbel­mas­chine wieder und ich kann Strom erzeu­gen, so dass ich schreiben und Nachricht­en emp­fan­gen kann. Habe scheue Zikaden ent­deckt, die Feuer entzün­den, und schlo­hweiße Geck­os, die vorzüglich schmeck­en. Bald meld ich mich wieder. — Yanuk

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16.07 UTC
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yanuk : stille

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, in der ver­gan­genen Nacht sind selt­same Dinge geschehen. Ich hat­te auf Höhe 258 mein Zelt aufgeschla­gen, weil es gereg­net, nein, weil es sehr stark gereg­net hat­te gestern Nach­mit­tag. Die Bäume tropften und ich ahnte, dass nachts noch ein­mal Regen fall­en würde, so feucht war die Luft gewor­den. Ich legte mich also in mein Zelt, hörte dem Sin­gen der Nachtaffen zu und irgend­wann schlief ich ein. Als ich erwachte war es noch immer dunkel. Ich kon­nte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren ver­loren. Ja, für einen Moment dachte ich, dass das Hörver­mö­gen der Lebe­we­sen vielle­icht nur eine Idee gewe­sen war, eine poet­is­che Eigen­schaft ohne die Möglichkeit ein­er Ver­wirk­lichung, und doch hörte ich Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, nichts von Außen her, also Stille von Außen, aber ein rhyth­mis­ches Geräusch von Innen, ver­mut­lich die Bewe­gung meines Blutes. Ich ver­ließ das Zelt und hörte noch immer nichts als mein Herz, das etwas schneller schlug. Eine Wolke kle­in­ster Fliegen tanzte um meine Klet­ter­later­ne, zwei Geck­os saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angel­ten sich die schön­sten Exem­plare her­aus. Ich hat­te ihnen gestern bere­its bei ihrer beque­men Arbeit zuge­se­hen, und ich erin­nerte mich, dass der Dschun­gel um mich herum geknis­tert hat­te und dass die Affen ein unen­twegtes Gespräch führten über große Dis­tanz. Jet­zt, wie zur Prü­fung, berührte ich meine Ohren, sie waren noch da, bei­de Muscheln. Indem ich an der linken Muschel zog, drehte sich etwas herum in meinem Ohr, es krachte und ich hat­te den fes­ten Ein­druck, besucht wor­den zu sein. Und auch rechts drehte man sich in meinem Ohr, sobald ich daran zog, zur Seite, aber dann wieder Stille bei­der­seits. Ich legte mich ins Zelt zurück und über­legte, ob ich vielle­icht in Gefahr sein kön­nte, ob man vielle­icht mein Gehirn betreten wollte, und weil es so schön still war, bin ich eingeschlafen. Ich schlief sehr lange, war schon hell als ich erwachte, und der Dschun­gel knis­terte und wis­perte um mich her, und ich hörte die Affen des Tages und das Rufen der Nashorn­vögel und lag eine Weile so da, froh wieder hören zu kön­nen. Wie jeden Mor­gen saßen prachtvolle Käfer und Fal­ter und Fliegen an den Wän­den meines Zeltes. Und alle tat­en sie so, als hät­ten sie mit meinen Ohren nicht das Min­deste zu tun. stop. Yanuk

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0.52 UTC
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yanuk : medusenfliegen

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echo

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : MEDUSEN
date : oct 4 08 8.55 a.m.

Gegen den Abend zu Höhe 286 erre­icht. Wollte noch weit­er steigen, heftiges Fieber zwang mich zur Ruhe. Zunächst lange Zeit geschlafen, nach­dem ich mein Zelt errichtet hat­te und vertäut mit dem Stamm des Baumes, der noch immer so kräftig ist, dass zwei oder drei Men­schen ihn gemein­sam nicht umar­men kön­nten. Heute ist mir wohler, obwohl ich noch erhitzt bin. Auf Knien bewege ich mich über die Plat­tform, weil meine Schritte unsich­er sind, habe das Gefühl zu schlingern. Ja, Mr. Louis, so schlafe ich und beobachte dann wieder das Steigen und Sinken der Medusen­fliegen, es sind hun­derte, vielle­icht tausende Handteller große Wesen, deren Schirme langsam um sich kreisen. Und weil sie leucht­en, ein zartes, blaues Licht, das pulsiert, das auf die Bewe­gung mein­er Fin­ger reagiert, als wür­den sie zu mir und mit mir sprechen, wird es nachts an dieser Stelle mein­er Reise niemals dunkel. Habe nach langer Beobach­tung fest­gestellt, dass sie miteinan­der ver­bun­den sind, Fäden, sehr feines Werk, vielle­icht freiliegende Neu­ro­nen, so dass ich den Schwarm der Medusen­fliegen, als ein schweben­des Gehirn beschreiben kön­nte. Muss das weit­er unter­suchen. Hast Du schon ein­mal ver­sucht, einen Fis­chschwarm zu zählen? Oder eine Vogel­wolke? stop. Yanuk

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15.58 UTC
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yanuk : cucurrucu!

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tan­go

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : RAIN
date : oct 23 08 6.52 p.m.

Lieber Mr. Louis, froh bin ich, lesen zu dür­fen, dass Du wieder Schlaf find­en kannst. 38 Tage mit je nur ein oder zwei Stun­den der Ruhe, das ist eine lange Zeit. Du musst wohl bald Gespen­ster gese­hen haben, ja, das nehme ich an, Geis­ter oder solche Wesen, die eigentlich nicht für Dich anwe­send sind. Ich kann nach­fühlen, wie schw­er diese Tage für Dich gewe­sen sein müssen. Auch ich schlafe nicht gut zur Zeit. Seit acht Tagen Regen ohne Unter­brechung. Ver­lasse kaum das Zelt, ständig Geräusche des Wassers. Kühl ist es gewor­den auf Höhe 286. Ich habe alles so weit vor­bere­it­et, dass ich unverzüglich weit­er klet­tern kann, sobald der Regen nachge­lassen haben wird. Vor zwei Tagen hat­te ich einen Ver­such gewagt und mich auf den Weg gemacht. Aber der Stamm meines Baumes und alle Gewächse, die ich üblicher­weise nütze, um mich festzuhal­ten, sind so feucht, als seien sie Unter­wasserpflanzen. Wun­dere mich, dass ich Deine Nachricht über­haupt emp­fan­gen kon­nte. Vielle­icht kön­ntest Du mir etwas Lit­er­atur über­mit­teln. Wäre das möglich? Solange ich nichts zu lesen habe, vertreibe ich mir die Zeit mit der Ret­tung von Ameisen. Schwimmt eine an meinem Zelt vor­bei, biete ich ein Stöckchen an oder ein Blatt und fis­che sie aus den Sturzbächen her­aus. Sie sind alle sehr ähn­lich in der Art und Weise, wie sie sich trock­nen. Zunächst streifen sie sich das Wass­er von den Augen, dann bebt ihr Hin­ter­leib, eine unglaublich schnelle Bewe­gung. Kaum zufrieden, laufen sie im Zelt herum und kämpfen gegen weit­ere zufriedene Artgenossen. Ja, jed­er kämpft hier gegen jeden, als hät­ten sie alle unter der Erfahrung des Wassers ihr Gedächt­nis ver­loren. – Cucur­ru­cu! Yanuk

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20.58 UTC
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yanuk : monkeys

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papa

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : MONKEYS
date : nov 2 08 8.17 p.m.

Habe zwei Tage und zwei Nächte ohne Unter­brechung geschlafen. Hat­te von einem Blatt gekostet, das mir nicht bekan­nt gewe­sen war. Ich sage Dir, Mr. Louis, eine Müdigkeit, ganz wun­der­bar, sehr plöt­zlich, leicht und warm, unwider­stehlich warm. Es ist jet­zt kurz vor acht Uhr und bere­its dunkel gewor­den. Ich sitze noch immer auf Höhe 286 im Zelt unter 15 kleinen Affen. Sie sind zurück­gekehrt während ich schlief, haben meine Vor­räte an Trock­en­fleisch geplün­dert und toben und kreis­chen herum, dass man uns meilen­weit hören wird. Will noch erwäh­nen, ich sehe sehr selt­sam aus, trage auf der recht­en Seite meines Kopfes kaum noch Haar, weil ein­er der Tama­rine eine Schere im Ruck­sack ent­deck­te. Werde, wenn es wieder hell gewor­den sein wird, eine Fotografie ver­suchen, vielle­icht kann ich sie Dir senden. Hoffe, dass der Regen bald aufhören wird. Seit ich meine kleine Nachricht an Dich zu schreiben begann, ist ein Affe nach dem anderen näher gekom­men. Sie sitzen nun im Kreis um meine Mas­chine herum und beobacht­en meine Hände. Ich ahne, was sie sich bald wün­schen wer­den. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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22.52 UTC
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yanuk : zwergseerosen

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char­lie

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : ZWERGSEEROSEN
date : nov 8 08 10.25 p.m.

Drei lange Stun­den gek­let­tert, um Höhe 310 zu erre­ichen. Kein Regen, aber Nebel, sehr dichter, küh­ler Nebel. Auf­stieg fort­ge­set­zt. Ich kon­nte die kleinen Affen hören, ihr unen­twegtes, leis­es Knat­tern, mit dem sie sich ver­ständi­gen, wenn sie sich nicht sehen kön­nen, eine Art Radar­sprache, die nichts bedeutet, als: Hier bin ich, hier, am Ende des Geräusches! Sie haben mich begleit­et. Nehme an, auch ich war für sie unsicht­bar gewe­sen, aber sie kon­nten wohl meinen Atem hören, das Kratzen mein­er Fin­ger an der Rinde, mein Schuh­w­erk, mein Ächzen, wenn ich mich weit­erziehen musste. Kurz bevor wir Höhe 382 erre­icht­en, wurde es heller, dann eine scharfe Lin­ie zwis­chen Dampfluft und trock­en­er Luft. Es war ganz so, als hätte ich meinen Kopf aus dem Wass­er gestreckt, als hätte ich Tage lang getaucht. Die Affen war schon da, begrüßten mich kreis­chend. Sie sahen lustig aus, feucht­es Fell, waren über und über mit Blüten bedeckt. Ich sage Dir, Mr. Louis, ein phan­tastis­ch­er Aus­blick. Aber­tausende Zwergseerosen schweben oder schwim­men auf der Ober­fläche des Nebels. Ich weiß jet­zt, weshalb es in den ver­gan­genen Tagen so düster gewe­sen ist. Werde mich jet­zt ein­richt­en hier oben und etwas aus­ruhen. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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20.12 UTC
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yanuk : zeitherz

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : ZEITHERZ
date : nov 24 08 6.32 p.m.

Höhe 310. Beobachte Pflanzen seit drei Tagen. Auch in den Nächt­en, wenn ich unterm Pfeifen der Moski­tos nicht ein­schlafen kann, warte ich am Rande der Plat­tform, lasse die Beine baumeln, hoffe, dass der Schwarm schweben­der Zwergseerosen sich wieder in Bewe­gung set­zten wird. Lange Stun­den der Ruhe, des Still­standes, stolz zeigen sie ihre weißen, ihre blauen Blüten, schwim­men oder schweben fast reg­los auf dem Nebel. Ist dieser Nebel vielle­icht schon eine Wolke, bin ich so weit gekom­men, dass ich die Wolk­endecke durch­stoßen habe? Ja, Stun­den der Bewe­gungslosigkeit, nur von einem leicht­en Windzug gestre­ichelt, aber dann, sehr plöt­zlich, schließen sie zur sel­ben Sekunde ihre lock­enden Kelche, eine Welle süßen Duftes wan­dert gegen den Him­mel, und es wird so still, als wären all die pfeifend­en, sin­gen­den, kreis­chen­den Geschöpfe des Waldes betäubt von der schw­eren Sub­stanz der Pflanzen­luft. Habe die Zeit gemessen, habe ver­sucht einen Rhyth­mus des Schließens und Öff­nens zu find­en, verge­blich, vielle­icht, weil ich sie Jahre beobacht­en müsste, um ihre Fre­quenz zu ver­ste­hen. Ein­mal bin ich zurück in den Nebel getaucht, habe das Wurzel­haar unter­sucht, fil­igrane Gefäße, rosa­far­ben, aber keine Verbindung von Pflanze zu Pflanze. Ein Wun­der, wie sie das machen, syn­chron, simul­tan, als ver­fügten sie über ein gemein­sames, ein geheimes Herz, das die Zeit zählen kann. – Wieder let­zte Minuten vor Däm­merung. Das Rudel der Affen liegt um meine Schreib­mas­chine herum. Du kannst Dir nicht vorstellen, Mr. Louis, von welch weich­er, geschmei­di­ger Gestalt glück­liche Affen sind. Selb­st die Knochen ihrer kleinen Köpfe scheinen der Schw­erkraft nachzugeben. — Cucur­ru­cu! Yanuk

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22.18 UTC
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yanuk : fröhliche weihnachten

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delta

~ : yanuk le to : louis
sub­ject : FRÖHLICHE WEIHNACHTEN
date : dez 23 08 6.55 a.m.

In diesen Minuten, Mr. Louis, will ich sehr leise und behut­sam von ein­er aufre­gen­den Beobach­tung bericht­en. Du musst wis­sen, heute Mor­gen, als ich auf Höhe 385 schlaftrunk­en mein Zelt ver­ließ, hat­te ich sofort bemerkt, dass während der Nacht irgen­det­was geschehen sein musste, etwas Selt­sames, etwas, das meine kleinen Affen­fre­unde beun­ruhigte. Sie lagen nicht, wie üblich, vor sich hin däm­mernd lose auf dem hölz­er­nen Boden herum, son­dern dicht aneinan­der gedrängt und bebten, als wür­den sie frieren. Alle sahen sie mit ihren zitro­nen­gel­ben Augen in ein und dieselbe Rich­tung, star­rten zum Stamm eines benach­barten Baumes hin, ein Bün­del furcht­samer oder vielle­icht staunen­der Blicke, das den schmalen, völ­lig unbek­lei­de­ten Kör­p­er eines Mäd­chens betastete, der nur wenige Meter von uns ent­fer­nt über der Tiefe hing. Ich hat­te natür­lich zunächst den Gedanken, dass das vor mir baumel­nde Mäd­chen nur eine Erschei­n­ung gewe­sen war, vielle­icht ein Traum oder die Spur eines Traumes, die in einen wirk­lichen Tag hinüber­re­ichte. Beun­ruhigt wie meine Fre­unde, begann ich deshalb zunächst mit ein­er Kurbel Strom für meine Schreib­mas­chine zu erzeu­gen. Eine kon­tem­pla­tive Bewe­gung, eine, die ich auch im Schlaf ver­richt­en kön­nte. Während ich so arbeit­ete, hörte ich bald ein men­schlich­es Lachen. Ja, Sie lesen ganz richtig, Mr. Louis, das Mäd­chen lachte, ein feines, helles Lachen war zu hören, und die Affen faucht­en und wur­den so flach, als woll­ten sie spur­los ver­schwinden im war­men Holz oder son­st wohin ganz unsicht­bar wer­den. Wie sich doch alle ver­traut­en Geräusche verän­dern, sobald uner­wartete Dinge geschehen. Ich hörte meine eigene Stimme, wie sie sagte, das ist unglaublich, das ist ganz unglaublich, und ich hörte auf zu kurbeln und sah dem Mäd­chen in die Augen, und sofort klappte sie ihre Augen zu. Ich glaube, sie schläft jet­zt während ich diese Sätze so behut­sam schreibe wie ich nur kann, um das Mäd­chen nicht zu weck­en. Ja, stellen Sie sich vor, Mr. Louis, sie scheint tat­säch­lich tief und fest zu schlafen, während sie den Ast, der sie trägt, mit ihrer linken Hand umfasst. Die rechte Hand liegt flach auf ihrem Bauch, einem muskulösen Bauch von hellem Schein, opak, als würde ein Teil des Son­nen­lichts sich im Kör­p­er des Mäd­chen ver­fan­gen und weit­er­leucht­en, von Innen her­aus weit­er­leucht­en. Wenn sie nur nicht loslassen wird in dieser Höhe! Kein Haar auf dem Kör­p­er des Mäd­chens zu sehen. Das ist natür­lich selt­sam und ich weiß noch nicht genau, warum das so ist. Ich will Dir, Mr. Louis, an dieser Stelle meine her­zlichen Wei­h­nachts­grüße über­mit­teln aus meinen tro­pis­chen Räu­men. Und so mache ich das jet­zt, ehe ich einen ersten Ver­such unternehmen werde, mit dem Mäd­chen ein Gespräch zu führen. Vielle­icht werde ich ihr meine Blüten­ze­ich­nun­gen zeigen, die ich während der ver­gan­genen Tage sam­melte. Fröh­liche Wei­h­nacht­en! Cucur­ru­cu — Yanuk

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yanuk : hört zupfende geigen

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : GEIGEN
date : jan 12 09 6.52 a.m.

Däm­merung. Und doch schon warme, weiche, ja schme­ichel­nde Luft. Werde einige Wochen hier auf Höhe 51O ver­weilen. Bin glück­lich. Mehrfach während eines Tages passiert das Mäd­chen, von dem ich berichtete mit einem ras­sel­nden Geräusch, das vielle­icht eine Sprache darstellen sollte, unser Habi­tat. Eine fabel­hafte Klet­terin! Entwed­er ist sie leicht wie eine Fed­er, oder aber sie ver­fügt über außeror­dentliche Muskelkräfte. Kein Tag, seit sie auf uns gestoßen ist, an dem sie nicht aus den Schat­ten der Blät­ter und Blüten tauchte, um bewe­gungs­los für lange Zeit­en mit­tels eines Armes an einem Ast befes­tigt vor uns über dem Abgrund zu schweben. Sie scheint in dieser Hal­tung doch zu schlafen. Ein selt­sames Wesen! Gesprochen haben wir bis­lang noch nicht, kein ver­ständlich­es Wort kam über ihre Lip­pen, aber sie lauscht mein­er Stimme, indem sie den Kopf zu Seite neigt, wenn ich etwas sage, wenn ich erzäh­le, zum Beispiel, von Dir erzäh­le, und dass ich für Dich Gedanken und Beobach­tun­gen notiere aus dem Gebi­et der Riesen­bäume. Auch in diesen Sekun­den, lieber Mr. Louis, ist sie hier bei uns. Sie muss vor kurzem noch, während eines Jag­daus­fluges, den Erd­bo­den betreten haben. Der leblose Kör­p­er eines Kan­inchens baumelt über ihrer linken Schul­ter. Denkbar, dass wir bald ein Geschenk erhal­ten wer­den. Cucur­ru­cu — Yanuk

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yanuk : xin

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sier­ra

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : XIN
date : mar 18 09 10.52 a.m.

Seit gestern Abend ist es wieder möglich, zu notieren, weil ich meine Schreib­mas­chine zurück­er­hal­ten habe. Mein lieber Louis, so verge­hen nun die Tage wieder schneller, als die Tage zuvor noch ohne Schreib­mas­chine, da ich auf mein­er Plat­tform Höhe 510 wartete, dass Xin, — so nenne ich das Mäd­chen, das mich meines Schreibgerätes beraubte -, sie mir zurück­geben würde, auch Bleis­tifte, Hefte und meinen Fotoap­pa­rat, die sie eines Nachts, während ich schlief, mit sich genom­men hat­te. Es ist selt­sam, wenn man so sitzt und denkt und doch über keine Werkzeuge ver­fügt, aufzuschreiben, was man dachte, wird man müde. Natür­lich habe ich in erprobter Weise, Zeichen in den Baum­stamm hin­ter mir ger­itzt, aber während ich an ihnen arbeit­ete, wusste ich doch in jed­er Sekunde, dass ich sie zurück­lassen, dass ich sie vielle­icht nie wieder­se­hen würde. Ja, man wird müde, wenn man denkt, ohne notieren zu kön­nen, als würde man in lauwarmem Wass­er liegen, im Halb­schlaf alle diese feinen, verge­blichen Stim­men im Kopf. — Ich nehme an, Du hast Dich um mich gesorgt, weil ich keine Nachricht sendete. Vor weni­gen Stun­den noch hörte ich das Geräusch eines Flugzeuges, das sehr langsam den Him­mel irgend­wo dort oben durchkreuzte. Natür­lich bin ich mir nicht sich­er, ob ich nicht doch nur ein Wun­schgeräusch hörte. Das fliegen­le­ichte Mäd­chen Xin jeden­falls schien nichts gehört zu haben. Sie ver­har­rt wieder in mein­er Nähe, hängt an einem Arm über dem Abgrund, schläft und spricht träu­mend in ihrer merk­würdi­gen Sprache leise vor sich hin. Ich wün­schte, ich kön­nte sie ver­ste­hen. Mor­gen wer­den wir auf­brechen, wer­den weit­er aufwärts steigen. Nach wie vor ist nicht zu erken­nen, woher das Licht kom­men mag, das uns so angenehm flat­ternd bestrahlt. Cucur­ru­cu — Yanuk

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MELDUNGEN : YANUK LE TO LOUIS / ENDE

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