Schlagwort: wölfe

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oulu

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MELDUNG. Wie Wöl­fe im Rudel, laut­los, haben zwölf win­ter­fes­te Sumpf­schild­krö­ten im Hero­seno­ja — Fluss zu Oulu eine Stan­dard­en­te bejagt und so rasch unter Was­ser gezo­gen, dass weder Wehr noch Mel­dung erfolg­te. Nichts blieb, als eine wan­dern­de Spur auf­stei­gen­der Luft. — stop
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schlafwelt

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alpha : 5.02 — Sie ist eine fra­gi­le Welt, die Schlaf­welt der Nacht­men­schen, sobald sie in Städ­ten nahe der Tag­men­schen leben. In die­ser Welt ist es ein wenig so, als wür­de man mit einem Holz­stöck­chen bewaff­net in einem Wald unter rasen­den Wöl­fen leben. — stop
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schildkröte

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nord­pol : 6.55 — Ich hör­te eine Geschich­te, die von einer Frau und einem Haus erzählt, das sich in einer alten nord­grie­chi­schen Stadt befin­det. Es ist ein statt­li­ches, stei­ner­nes Haus, die Böden des Hau­ses sind von Holz wie die Trep­pen und Türen. Ein hoch­be­tag­ter Oli­ven­baum steht unweit des Hau­ses. Manch­mal sit­zen dort Sper­lin­ge und pfei­fen. Im Win­ter kann man Wöl­fe hören, wenn man die Fens­ter des Hau­ses öff­net. Hin und wie­der kom­men Schlan­gen zu Besuch und Eidech­sen und Amei­sen und Schild­krö­ten, ja, es gibt sehr vie­le Schild­krö­ten im Gar­ten des Hau­ses, aber nicht im Win­ter, in kei­nem Win­ter, soweit Men­schen zurück­den­ken kön­nen, hat irgend­je­mand Schild­krö­ten in der Nähe des Hau­ses, im Gar­ten oder in der Stadt gese­hen. In dem stei­ner­nen Haus also wohnt eine Frau. Sie wohnt seit weni­gen Wochen allein, weil ihre Mut­ter gestor­ben ist. Über zehn Jah­re lag die uralte Mut­ter in ihrem Bett und wur­de von ihrer Toch­ter, die gleich­wohl eine älte­re Frau ist, gepflegt. Das ist so üblich in Grie­chen­land, dass sich die jün­ge­ren Men­schen um die älte­ren Men­schen küm­mern, auch wenn sie selbst schon alte Men­schen gewor­den sind. Als nun die Mut­ter der alten Frau starb, war es plötz­lich sehr still im Haus. Es war so still, dass die Frau glaub­te, ihre Mut­ter noch zu hören. Nachts ver­nahm sie den Wind, aber der Wind war drau­ßen gewe­sen hin­ter den Fens­tern, und sie hör­te das Dach, wie es flüs­ter­te. Manch­mal schloss die alte Frau ihre Augen in der Dun­kel­heit und schlief ein. Es war immer das­sel­be, sie hör­te im Schlaf die Stim­me ihrer Mut­ter, wie sie nach ihr rief, und ihren Atmen und wie ein Glas zu Boden stürz­te und wie die Bett­de­cke gewen­det wur­de. Davon wur­de sie immer­zu wach, und sie hör­te schar­ren­de Geräu­sche von der Trep­pe her, und wie­der den Wind. Das ging Wochen so, kaum eine Nacht konn­te die alte Frau schla­fen, weil sie mein­te, ihre Mut­ter zu hören. Ein­mal vor weni­gen Tagen, nach­dem sie wie­der ein­mal wach­ge­wor­den war, ver­ließ die alte Frau nachts ihr Bett. Sie stieg die Trep­pe hin­ab in die Küche. Wie sie das Licht anschal­te­te sah sie inmit­ten der Küche eine sehr klei­ne, jun­ge Schild­krö­te sit­zen. Ges­tern erst soll Schnee gefal­len sein. — stop

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im parc jarry

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MELDUNG. Wie Wöl­fe im Rudel, laut­los, haben zwölf win­ter­fes­te Sumpf­schild­krö­ten im Parc Jar­ry zu Mont­re­al eine Stan­dard­en­te bejagt und so rasch unter Was­ser gezo­gen, dass weder Wehr noch Mel­dung erfolg­te. Nichts blieb, als eine wan­dern­de Spur auf­stei­gen­der Luft. — stop
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flugpanther

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india : 6.02 — Auf das Grab mei­nes Vaters fal­len Früch­te eines Bau­mes, der schon im letz­ten Jahr an Ort und Stel­le gestan­den haben muss. Da war vom Grab mei­nes Vaters weit und breit noch nichts zu sehn, aber es war schon die Rede vom ihm, ganz heim­lich, in Gedan­ken, der Vater könn­te ster­ben. Eich­hörn­chen suchen zwi­schen Astern­bü­schen nach Eicheln, auf­ge­regt, der ers­te Schnee ist gefal­len, es ist ein Schnee, der wie­der an die Zeit den­ken lässt, die ver­gan­gen ist und noch ver­ge­hen wird, wes­halb wir trau­rig wer­den, weil mein Vater den Schnee des letz­ten Jah­res noch mit sei­nen Augen sehen konn­te und jetzt nicht mehr sieht, ein Schnee ohne ihn, was wie­der­um ein selt­sa­mer Gedan­ke ist, weil es ein­mal einen Schnee ohne uns alle geben wird, und das ein oder ande­re Grab, auf dem Eich­hörn­chen nach Eicheln suchen oder wei­te­ren Nüs­sen. Wie sie zit­tern und beben, die Käl­te, aber auch des­halb viel­leicht, weil sie so gespannt sind, so auf­merk­sam, weil Raben in den Bäu­men sit­zen, die hung­rig sind, flie­gen­de Pan­ther. Wie schnell man doch sein Leben ver­lie­ren kann, kaum hun­dert Jah­re ver­ge­hen und schon ist man sehr wahr­schein­lich tot, eine ver­damm­te Sache, das Älter­wer­den bis man zum Ster­ben alt gewor­den ist, wenn man Glück hat, wenn man nicht vor dem Alt­sein stirbt. Wie mein Vater neben mei­ner Mut­ter am Fens­ter steht. Ein frü­her Mor­gen, ein Janu­ar­sonn­tag. Ich zieh mei­nen Kof­fer über den ver­schnei­ten Weg, auf dem noch kei­ne Fuß­spu­ren zu sehen sind. 10 Stun­den spä­ter wer­de ich in Man­hat­tan sein. Mein Vater winkt. Ein Win­ken, ohne die Bewe­gung des Armes, nur sei­ne Fin­ger win­ken, sie klap­pen von oben nach unten, wie damals noch in den Schat­ten­spie­len, Kro­ko­di­le, Wöl­fe, Ele­fan­ten, stumm von den Wän­den. — stop
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siatista

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ulys­ses : 15.02 — Nörd­li­ches Grie­chen­land. Kar­ge Land­schaft. Man erzähl­te mir von Sia­tis­ta, dort sol­len Wöl­fe leben in den Ber­gen, aus wel­chen die Stei­ne der Häu­ser der klei­nen Stadt geschla­gen sind. Im Win­ter fällt Schnee und bleibt lie­gen. Dann kom­men die Wöl­fe näher her­an, sind zu hören in den Näch­ten, ihr heu­len­des Gespräch. Alt sind sie, uralt wie die Men­schen in die­ser Gegend, die sich wider­set­zen, wenn ihre letz­te Stun­de gekom­men ist, leben sie ein­fach wei­ter. Sobald ein Win­ter endet und die Ber­ge blü­hen für eine kur­ze Zeit in allen Far­ben, die man sich nur vor­stel­len kann, liegt eine jun­ge Frau auf einer Wie­se her­um. Die­se Wie­se ist weiß von den Kör­ben der Kamil­le, eine Wie­se, die die Gestalt der jun­gen Frau erin­nert, wie sie auf dem Rücken liegt, immer an der­sel­ben Stel­le in den Him­mel schaut und glaubt über ein Eis­meer zu flie­gen. Wenn man sie besu­chen, wenn man sich neben sie legen wür­de, könn­te man Geschich­ten hören, die sie mit tie­fer Stim­me sogleich erzäh­len wird. Dass sie blau war zum Bei­spiel, ein blau­häu­ti­ges Kind, dass sie nicht atmen konn­te in der ers­ten Stun­de ihres Lebens, dass man sie mit Luft, anstatt mit Was­ser tauf­te, weil man glaub­te, sie wer­de ihre zwei­te Lebens­stun­de nicht betre­ten. Dass sie sich im Alter von vier Jah­ren im Schnee ver­irr­te, dass zwei Wöl­fin­nen sie wärm­ten für eine Nacht, bis man sie fand. Dass sie eine Par­ti­sa­nen­toch­ter sei, dass sie mit den Schild­krö­ten spre­chen kön­ne und den Schlan­gen, den Fal­tern, den Flie­gen. Dann wird sie ein wenig schwei­gen und eine Hand voll Aka­zi­en­blü­ten rei­chen, sie schmeck­ten vor­züg­lich, man müs­se sie sich auf die Zun­ge legen und war­ten, bis sie schmel­zen. Jetzt liegt die jun­ge Frau wie­der auf dem Rücken zum Eis­meer hin, erzählt wei­ter, erzählt von den lan­gen Wegen im Win­ter zur Schu­le und dass sie ein Jahr zurück das ers­te Mal das Meer gese­hen habe. Ein gro­ßer Frie­den. Ihre Stim­me, die so selt­sam tief ist. Das Brum­men drei­hun­dert Jah­re alter Insek­ten. Auch Wöl­fe fres­sen wei­ße Blüten.

für v.s.
siatista