Schlagwort: mandarine

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im verborgenen

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del­ta : 0.55 — In Peter Bich­sels Erzäh­lung Die Erde ist rund war­tet ein wun­der­ba­rer ers­ter Satz. Der Satz geht so: Ein Mann, der wei­ter nichts zu tun hat­te, nicht mehr ver­hei­ra­tet war, kei­ne Kin­der mehr hat­te und kei­ne Arbeit mehr, ver­brach­te sei­ne Zeit damit, dass er sich alles, was er wuss­te, noch ein­mal über­leg­te. — Wie wür­de ich an Stel­le des Man­nes zunächst vor­ge­hen. Wür­de ich viel­leicht ein Ver­zeich­nis mei­ner Erin­ne­run­gen anle­gen, oder wür­de ich mich still in mei­ne Küche set­zen und mich umse­hen und über­le­gen, was ich von mei­ner Küche weiß? Da war vor­hin noch eine Schüs­sel vol­ler Äpfel, Man­da­ri­nen, Bana­nen gewe­sen, und der Wunsch, Gegen­stän­de, auch erfun­de­ne Din­ge und Wesen, unver­züg­lich zu öff­nen, um nach­zu­se­hen, was in ihrem Inne­ren zu ver­mer­ken ist. Vor­wärts suchen und erfin­den in die Tie­fe. Vor­wärts bis hin zur letz­ten ein­sa­men Haut, die jedes ver­blei­ben­de Geheim­nis umwi­ckelt, eine Beru­hi­gung. Aber dann, sobald ich bei­spiels­wei­se ein Fern­seh­ge­rät betrach­te, wenn es acht Uhr abends gewor­den ist, weiß ich, dass ich kaum noch etwas von da drau­ßen wis­sen kann, weil je nur hal­be Äpfel oder noch klei­ne­re Tei­le zu erken­nen sind, oder Äpfel, die nur vor­ge­ben oder behaup­ten, Äpfel zu sein, oder Äpfel, die zu schnell gewor­den sind. Ein­mal beob­ach­te­te ich dort auf dem Bild­schirm eine Kampf­ma­schi­ne, die von einem Flug­zeug­trä­ger aus star­te­te. Im Ver­bor­ge­nen, außer­halb mei­ner Bild­schirm­licht­zeit flog die Kampf­ma­schi­ne ver­mut­lich wei­ter. Was ist gesche­hen? — stop
giraffe

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lamelleniris

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char­lie : 3.12 — Ich stell­te mir eine Ver­suchs­an­ord­nung vor. Ich soll­te für die Ver­wirk­li­chung die­ser Ver­suchs­an­ord­nung Nah­rungs­mit­tel hor­ten, zwei oder drei Enten ( je 1 kg), Maro­nen ( 1 kg ) , Was­ser ( 10 l ), Man­da­ri­nen ( 2 kg ), dunk­les Brot ( 2 kg ), hel­les Brot ( 1 kg ), Mar­me­la­de ( 0,5 kg ), Kaf­fee ( 3 Pfund ) und But­ter ( 0,5 kg ). Ich wür­de mei­ne Com­pu­ter­ma­schi­nen einer Nach­ba­rin über­ge­ben, mein Fest­netz­te­le­fon zer­trüm­mern ( ich brau­che ohne­hin ein Neu­es ), mein Han­dy ins Eis­fach legen und dort ver­ges­sen, wei­ter­hin Film­ab­spiel­ma­schi­nen jeder Art aus der Woh­nung tra­gen, auch alle Bücher, aber im Gegen­zug eini­ge tau­send Kar­tei­kar­ten auf mei­nem Küchen­tisch sta­peln. Dann lan­ge Zeit von Stil­le, Tage der Ruhe und Kon­zen­tra­ti­on, ich sit­ze oder gehe in der Woh­nung unter dem Dach auf und ab, und notie­re Wör­ter. Es geht näm­lich dar­um, alle Wör­ter mei­ner Spra­che, die ich erin­nern kann, auf­zu­schrei­ben, je ein Wort auf eine Kar­te, um her­aus­zu­fin­den, über wie vie­le Wör­ter ich ver­fü­ge. Mit wel­chem Wort wer­de ich begin­nen? — stop

drohne14

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fliege nachts

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tan­go : 2.15 — Ich saß in der war­men Nacht am Tisch, leg­te ein­mal die lin­ke, dann die rech­te Hand in eine Schüs­sel, die ich mit kal­tem Was­ser füll­te. Auf dem Tisch spa­zier­te eine Flie­ge. Weil ich in die­sem Moment nichts zu tun hat­te, als die­se Flie­ge zu beob­ach­ten, ent­deck­te ich, dass sie ihre Flü­gel ver­lo­ren oder ver­ges­sen zu haben schien, die Flie­ge flog nicht her­um, auch wenn ich mich mit einem Fin­ger näher­te, flog sie nicht davon, son­dern flüch­te­te zu Fuß. Es war eine sehr klei­ne Flie­ge, sie war so klein, dass ich sie mit blo­ßem Auge kaum noch wahr­neh­men konn­te. Nach einer hal­ben Stun­de stand ich auf, such­te nach mei­ner Lese­bril­le und kehr­te an den Tisch zurück. Die Flie­ge lun­ger­te nun unmit­tel­bar neben mei­ner Schreib­ma­schi­ne, ich konn­te sie von mei­ner Posi­ti­on aus sehr gut sehen, sie kam sogar noch näher her­an, als ich mich mit mei­nen Augen hin­ter den Glä­sern der Bril­le über dem Tisch ver­beug­te. In die­sem Augen­blick erleb­te ich den ers­ten Blick­kon­takt mei­nes Lebens mit einer Flie­ge, ich war mir sicher, die­se Flie­ge mus­ter­te mich eben­so wie ich sie mus­ter­te, es war ihre Hal­tung, die mich über­zeug­te, wie sie unmit­tel­bar vor mir auf dem Tisch hock­te, den Kopf ange­ho­ben und sich nicht beweg­te. Nach eini­gen Minu­ten dreh­te sie sich her­um und über­quer­te den Tisch wie­der­um zu Fuß hin zu einem Tel­ler und bestieg eine Man­da­ri­ne. Es war kurz nach zwei Uhr. — stop

ping

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dos passos

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india : 0.28 — Der Mann im Traum könn­te John Dos Pas­sos gewe­sen sein. Er trug einen Kit­tel wie ihn Ärz­te tra­gen. Ich kam gera­de sehr vor­sich­tig eine stei­le Trep­pe her­un­ter, als ich ihn ent­de­cke. Er stand breit­bei­nig unter einer Lam­pe, die sich lang­sam hin und her beweg­te, weil wir uns auf einem Schiff befan­den. Leich­ter See­gang. Um die Lam­pe her­um schweb­te ein Kind. Es muss­te gera­de erst gebo­ren wor­den sein, ein Stück der Nabel­schnur bau­mel­te noch von sei­nem Bauch, außer­dem schien das Wesen feucht zu sein, es war so groß wie eine Man­da­ri­ne, anstatt Armen und Hän­den ver­füg­te es über Flü­gel, damit schweb­te das Kind, und John Dos Pas­sos schau­te ihm zu. Er schien sich nicht zu wun­dern, ich hat­te viel­mehr den Ein­druck, als wür­de er das Kind­we­sen prü­fen. Eine Mut­ter war nicht zuge­gen. — stop

ping

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ryūnosuke akutagawa

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char­lie : 5.05 — Nach der mög­li­chen Exis­tenz von Droh­nen im New Yor­ker Luft­raum gefragt, soll der Bür­ger­meis­ter der Stadt geant­wor­tet haben, dass man sol­che Ent­wick­lun­gen nicht auf­hal­ten kön­ne. „Wir wer­den mehr Sicht­bar­keit und weni­ger Pri­vat­sphä­re haben”. Es sei kei­ne Fra­ge, ob er selbst das gut oder schlecht fin­de. Das sei beängs­ti­gend, aber er sehe letzt­lich kaum einen Unter­schied zwi­schen einer Droh­ne in der Luft und einer Kame­ra auf einem Gebäu­de. — In die­sem Moment, es ist kurz nach drei Uhr, ver­lässt die Vor­stel­lung eines Posau­nis­ten, der früh­mor­gens an Bord der Fäh­re MS John F. Ken­ne­dy spie­lend einen neu­en Mor­gen begrüßt, wäh­rend er von einem sum­men­den Flug­ob­jekt in der Grö­ße einer Man­da­ri­ne umrun­det wird, ihren poe­ti­schen Raum. — stop. — Minus 5 Grad Cel­si­us. — stop. — Weit unter mir, auf einer Stra­ßen­la­ter­ne sitzt eine Amsel. Ich neh­me an, dass sie mich sehen kann. Aber es ist noch zu kalt oder zu früh, um zu sin­gen. Ich habe eine hal­be Stun­de lang in der Beob­ach­tung des klei­nen dunk­len Vogel­schat­tens mein Gedächt­nis trai­niert, indem ich ver­such­te, den Namen eines japa­ni­schen Dich­ters zu ler­nen, der seit dem 24. Juli 1927 nicht mehr am Leben ist. Er heißt Ryū­no­suke Aku­taga­wa. Jetzt ist es kurz vor vier. Nichts wei­ter. — stop

ping