Aus der Wörtersammlung: gehirn

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ein kind

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marim­ba : 6.16 — In der Schnell­bahn vom Flug­ha­fen wie­der ein merk­wür­di­ges Kind beob­ach­tet. Das Kind saß auf dem Schoß der Mut­ter, hat­te einen Schnul­ler im Mund und betrach­te­te Fahr­gäs­te, die dort in sei­ner nächs­ten Nähe saßen oder stan­den. Alle waren sie müde, ein Lang­stre­cken­flug von New York her über den Atlan­tik lag hin­ter ihnen, das Kind aber schien gut geschla­fen zu haben. Es hat­te blitz­blan­ke Augen von dun­kel­brau­ner Far­be, und mit die­sen Augen nun arbei­te­te es sich von einem Erwach­se­nen­ge­sicht zum nächs­ten. Wenn die Augen des Kin­des ein Gesicht erreich­ten, ver­weil­ten sie eine gewis­se Zeit lang, als ob sie sich das Gesicht für immer ein­prä­gen, oder aber als ob sie in dem Gesicht etwas fin­den woll­ten, nach dem gesucht wer­den muss­te. Wenn das Kind mit der Beob­ach­tung eines Gesichts fer­tig gewor­den war, hüpf­ten sei­ne Augen auf das nächs­te Gesicht, und so wei­ter und so fort. Nie, ich mei­ne, nie, solan­ge ich das Kind und sei­ne Augen beob­ach­te­te, kehr­te sein Blick zu einem Gesicht zurück, das es bereits ein­mal besucht hat­te, sodass ich behaup­ten möch­te, dass sei­ne Augen, das heißt, das Gehirn des Kin­des, den Raum des Zuges sys­te­ma­tisch unter­such­te. Für eine Sekun­de hat­te ich den Gedan­ken, dass das Kind viel­leicht ein uralter Mensch gewe­sen war, der rück­wärts leb­te, für den sich die Zeit umge­kehrt hat­te, der bald den Anfang sei­ner Exis­tenz wie­der errei­chen wür­de, der noch ein­mal alles ansah, mit Kin­der­au­gen, aber viel­leicht einem uralten Gehirn. Wer aber, wenn ich die­ses Gefü­ge wei­ter­den­ke, war die­se müde Frau gewe­sen, auf des­sen Schoss das Kind ruh­te und schau­te? – Weit nach Mit­ter­nacht. Habe den Ver­dacht, die­se Geschich­te schon ein­mal erzählt zu haben. Ein Déjà-vu. Wer­de mir sofort zur Beru­hi­gung eine klei­ne Ente bra­ten. — stop

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tabucchi

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3.18 — Neh­men wir ein­mal an, es wür­de ein Zeit­raum jen­seits des uns bekann­ten Lebens­zeit­rau­mes exis­tie­ren, ein Zeit­ort, an dem wir unbe­grenzt anwe­send sein dürf­ten, ein Ort wei­ter­hin, von dem aus wir in unse­re ver­gan­ge­nen Leben schau­en und zurück füh­len könn­ten, indem wir die Fil­me geleb­ter Tage betrach­te­ten, neh­men wir also an, die­ses Kino exis­tier­te, dann soll­te ich mich bemü­hen, Gedan­ken wie Erleb­nis­se zu ver­zeich­nen, sodass sie spä­ter gleich­wohl als Fil­me zu besich­ti­gen wären. — stop

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uwe johnson

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3.05 — Ich weiß nicht wes­halb, heu­te Nacht fin­de ich mich mit Zoll­stock vor Uwe John­sons Jah­res­ta­gen wie­der. Ich beob­ach­te mei­ne Hän­de, wie sie das Maß einer Zei­le mes­sen, wie sie mit einem wan­dern­den Fin­ger die Lini­en einer Sei­te zäh­len, wie sie das Buch mit Luft durch­fä­chern, wie sie Zif­fern notie­ren auf ein Blatt Papier. Kurz dar­auf lie­gen lin­ke, als auch rech­te Hand ruhig auf dem Tisch, wäh­rend das Gehirn, das ihnen zuge­ord­net ist, laut­los rech­nend vor sich hin arbei­tet. Ich notie­re: Die gesam­mel­ten Zei­chen der Jah­res­ta­ge in ihrer Frank­fur­ter Son­der­aus­ga­be wür­den eine les­ba­re Ket­te von 6.4 Kilo­me­tern Län­ge bil­den, wenn sie in genau jener Rei­hen­fol­ge dem Buch ent­kom­men wür­den, wie von Uwe John­son ein­mal aus­ge­dacht. — stop

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pergament

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0.37 — In ein schüt­zen­des Kor­sett von Schaum­gum­mi gepresst, ruh­te eine Apfel­bir­ne unter wei­te­ren Früch­ten, sie glänz­te, als hät­te sie hohes Fie­ber. Habe sie mit nach Hau­se genom­men und ver­su­che gera­de eben her­aus­zu­fin­den, ob es sich bei die­ser Apfel­bir­ne um eine Bir­ne oder doch eher um einen Apfel han­deln könn­te. Zu die­sem Zeit­punkt, es ist kurz nach zwölf Uhr, mei­ne ich bereits her­aus­ge­fun­den zu haben, dass eine Apfel­bir­ne nach Bir­ne, nicht aber nach Apfel duf­tet, dass sie jedoch in Gestalt und Far­be einem gewöhn­li­chen Apfel ähn­li­cher ist, aller­dings wie­der­um in die Per­ga­ment­haut einer Bir­ne geklei­det. Ein gelun­ge­nes Objekt. Ein Objekt, das in mei­nem Gehirn leich­te Ver­wir­rung zu erzeu­gen ver­mag. Ein wenig ist das so, als wür­de man von einer Frau, die man liebt, eine zärt­lich aus­ge­führ­te Ohr­fei­ge erhal­ten. — stop

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