sonar

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2.15 — Manch­mal denke ich mir ein Geräusch aus und dann denke ich das Geräusch solange, bis ich mich an das Geräusch erin­nern kann. — stop

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popcorn

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22.38 — Die Vorstel­lung, man kön­nte ein­mal Käfer in Tüten kaufen, so wie man Pop­corn in Tüten kaufen kann. Käfer in grü­nen Panz­ern, die nach Pis­tazien schmeck­en, und Käfer in roten Panz­ern, sie schmeck­en nach Johan­nis­beeren, und Käfer in gel­ben Panz­ern, sie schmeck­en nach Melisse. Sobald man eine Tüte öffnet, fliegen sie los. Sie sausen ein paar Run­den durch die Luft, ver­drehen einem den Kopf, um sich unverzüglich in jeden Mund zu stürzen, der sich vor ihnen öffnet. Dort dann zer­platzen sie mit einem zarten Geräusch in einem vol­len­de­ten Aro­mas­tern. — Wong Kar War’s wun­der­bar­er Nachtvo­gel ohne Füße, der niemals lan­det. — stop

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trompetenkäfer

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2.25 — Fol­gen­des. Ein Trompe­tenkäfer ist in der Mitte, zwis­chen Kopf und Brust auf der einen, und seinem gepanz­erten Ende auf der anderen Seite, mehrfach gefal­tet. Das sind Fal­ten ein­er Haut, die sofort an sehr feines Rep­tilien­led­er erin­nert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeu­gen wün­scht, schre­it­et er mit Kopf und Brust voran, während er sich mit seinen Hin­ter­beinen gegen die Laufrich­tung stemmt, so dass sich bei­de Seg­mente rasch voneinan­der ent­fer­nen und einen Raum eröff­nen, der jene Luft mit Led­er umman­telt, die durch Mund oder Kiemen in den Käfer­kör­p­er bere­its vorge­drun­gen ist. Im Moment sein­er größten Ent­fal­tung wird der Käfer seine Bewe­gung kurz unter­brechen, und während sich nun die Beine seines Brust­seg­mentes in den Boden schla­gen, arbeit­en sich die hin­teren Läufe solange voran, bis wieder alles schön gefal­tet ist in der Mitte und alle Luft geräuschvoll am Mund­stück wieder aus­ge­treten. – Milde Luft heut Nacht. — stop

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ilse aichinger

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5.38 — Es soll jet­zt Ton­filme geben. — Das war ein rät­sel­hafter Satz. Und es war ein­er von den ganz weni­gen rät­sel­haften Sätzen der Erwach­se­nen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüng­ste Schwest­er mein­er Mut­ter, wenn wir an den Son­nta­gen zu mein­er Groß­mut­ter gin­gen, bei der sie lebte, fast regelmäßig am späten Nach­mit­tag: > Ich glaub, ich geh jet­zt ins Kino. < Sie war Pianistin, unter­richtete für kurze Zeit an der Musikakademie in Wien und übte lang und lei­den­schaftlich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasank­i­no. Es war fast immer das Fasank­i­no, in das sie ging. Sie kam fröstel­nd nach Hause und erk­lärte meis­tens, es hätte gezo­gen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasank­i­no nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemein­sam mit mein­er Groß­mut­ter im Ver­nich­tungslager Min­sk, in das sie deportiert wur­den. Es wäre bess­er gewe­sen, sie hätte ihn sich im Fasank­i­no geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüglich des Todes, son­dern auch bezüglich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine lieb­sten Filme plöt­zlich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich lei­der keine Cineast­in, son­dern gehe sechs oder sieben­mal in densel­ben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaften von Eng­land oder Neueng­land auf­tauchen oder die von Frankre­ich, denen ich fast eben­so zugeneigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift

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nachtsammlung

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2.24 — Habe 628 Optio­nen gezählt, das Wort Nacht fortzuset­zen. Zum Beispiel: Nachti­gal­lenaffe Nacht­gewölbe Nacht­duft Nacht­durch­schwärmer Nach­teu­len­ton Nacht­ge­fieder Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pagei : das ist der merk­würdig­ste aller papageien, der kakapo von neusee­land [ strigops habrop­tilus ], den man mit dem­sel­ben rechte, mit welchen man die eulen im gegen­satz mit den falken ein­er beson­deren fam­i­lie unter­bringt, als einen vertreter ein­er eige­nen fam­i­lie betra­cht­en muss. [ nach Grimm­sches Wörter­buch N – Q ] — Drei Uhr zwölf. In meinen Zim­mern amerikanis­che Stim­men. Funkgeräusche. Geräusche mein­er Kind­heit. Wel­traumgeräusche. Geräusche, wie sie auch in Guan­tanamo zu hören sind. Den Schlaf raubende Geräusche. — stop

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liebeslaute

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1.55 — Seit ich gestern, gegen den Mor­gen zu, erfahren habe, dass Buck­el­wale zur Paarungszeit über eine Sprache ver­fü­gen, die ein­fachen men­schlichen Sprachen ähn­lich ist, immer wieder die Frage, was ich unter ein­er ein­fachen men­schlichen Sprache ver­ste­hen sollte, die atem­lose Sprache der Lust vielle­icht oder die Sprache der Cha­träume? Ob eine dieser men­schlichen Sprachen vielle­icht geeignet wäre, sich mit­tels ein­er Proze­dur der Über­set­zung von Wal zu Men­sch zu ver­ständi­gen? Wir kön­nten uns vom Land und von der Tief­see erzählen. Eine grandiose Vorstel­lung, auf hoher See Luft per­lend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wis­sen, dass er gle­ich, nach ein wenig Denkzeit, zu mir sprechen wird. Etwas also sagen oder sin­gen, das nur für mich bes­timmt ist. Vielle­icht eine Frage: Wie heißt Du, mein Fre­und? Oder : Ich hörte von Bäu­men! - Es ist 2 Uhr 10 und ich bin sehr gut gelaunt, weil ich etwas Licht­en­berg gele­sen habe. Er schreibt um das Jahr 1774 herum: Eine Fle­d­er­maus kön­nte als eine nach Ovids Art ver­wan­delte Maus ange­se­hen wer­den, die, von ein­er unzüchti­gen Maus ver­fol­gt, die Göt­ter um Flügel bit­tet, die ihr auch gewährt wer­den. – Wie aber sollte ich einem Wal­fre­und Abu-Ghraib, Gros­ny, Dar­fur, Sim­bab­we, Tibet und Bur­ma erk­lären, das Foltern, das Okkupieren, das offene und das heim­liche Töten von Men­schen­hand? Und wie den Hunger? Und wie das Schweigen? — stop

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segelspinne

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3.08 — Eine Stunde genau ist ver­gan­gen, seit ein sehr klein­er Gegen­stand den Luftraum über der Tas­tatur mein­er Schreib­mas­chine durch­querte. Er kam von links, also von West­en, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das ger­ing­ste Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Auf­pralls in etwa, war ich zunächst überzeugt, mich geir­rt zu haben. Aber dann kon­nte ich im Licht der Tis­chlampe einen sehr feinen Faden erken­nen, der sich über die Tas­ten gelegt hat­te. Ich erin­nerte mich sofort an eine Spinne, die ich im Früh­jahr zulet­zt auf meinem Schreibtisch gese­hen habe, ein hüb­sches, geräuschlos­es Wesen. — Es ist jet­zt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrieden. Ich habe eine Stunde lang nichts getan, als mit einem feinen Pin­sel bewaffnet auf der Schreibtis­ch­plat­te unter dem Licht des Elek­tromon­des einen Kampf gegen eine Springspinne zu fecht­en, die kaum größer ist als ein Steck­nadelkopf, schwarz und weiß getigert, und so ver­spielt wie eine junge Katze. Hab ich diesen Text nicht bere­its vor langer Zeit schon ein­mal gedacht? — stop

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