segelspinne

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3.08 — Eine Stun­de genau ist ver­gan­gen, seit ein sehr klei­ner Gegen­stand den Luft­raum über der Tas­ta­tur mei­ner Schreib­ma­schi­ne durch­quer­te. Er kam von links, also von Wes­ten, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das gerings­te Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Auf­pralls in etwa, war ich zunächst über­zeugt, mich geirrt zu haben. Aber dann konn­te ich im Licht der Tisch­lam­pe einen sehr fei­nen Faden erken­nen, der sich über die Tas­ten gelegt hat­te. Ich erin­ner­te mich sofort an eine Spin­ne, die ich im Früh­jahr zuletzt auf mei­nem Schreib­tisch gese­hen habe, ein hüb­sches, geräusch­lo­ses Wesen. — Es ist jetzt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrie­den. Ich habe eine Stun­de lang nichts getan, als mit einem fei­nen Pin­sel bewaff­net auf der Schreib­tisch­plat­te unter dem Licht des Elek­tro­mon­des einen Kampf gegen eine Spring­spin­ne zu fech­ten, die kaum grö­ßer ist als ein Steck­na­del­kopf, schwarz und weiß geti­gert, und so ver­spielt wie eine jun­ge Kat­ze. Hab ich die­sen Text nicht bereits vor lan­ger Zeit schon ein­mal gedacht? — stop

ping

wartezeit

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0.15 — Ich schrei­be die­sen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wün­sche, wach zu blei­ben. Vor den Fens­tern: Dun­kel. Das Licht einer Stra­ßen­la­ter­ne ist aus­ge­fal­len und der Him­mel bedeckt. Jetzt ste­he ich auf. Lau­fe hin und her und pfei­fe. Sobald ich am Schreib­tisch vor­über­kom­me, setz­te ich mich und schrei­be ein paar Wör­ter und dann ste­he ich wie­der auf und gehe pfei­fend wei­ter. Nichts weist dar­auf hin, dass die­ser Text tat­säch­lich von einem lau­fen­den Men­schen gedacht und geschrie­ben wur­de, von einer Per­son, die je nur ein oder zwei Wor­te notier­te, um sogleich wei­ter­zu­ge­hen. Alles könn­te nur behaup­tet sein. — Wes­halb höre ich auf zu pfei­fen, sobald ich schrei­be?  Ist die Zeit, die ich damit ver­brin­ge, auf ein Wort zu war­ten, als Arbeits­zeit anzu­se­hen? Ist der Zustand kon­zen­trier­ter Auf­merk­sam­keit für sich schon eine Leis­tung? ‑stop

ping

krapp

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Ver­suchs­an­ord­nung > 20.05 – 20.07 Uhr MEZ : Krapp im Chat

[Log­in OK]
[Krapp joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
[82users in chan­nel Wel­co­me!]

RickJ2!!: Bye bye.
Krapp: „Have just eaten I reg­ret to say three bana­nas and only with dif­fi­cul­ty refrai­ned from a fourth.“
Gulli_S2: Hot­mail?
[katsu left chan­nel Wel­co­me!]
UrFixa­ti­on: Omg, stop it with the bana­na sto­ry.
Krapp: „Fatal things for a man with my con­di­ti­on.“
2005Guy!!: Ur…is get­ting visuals..lol
Gulli_S2: Hot­mail
[muff’ joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
Krapp: „Extra­or­di­na­ry silence this evening.“
UrFixa­ti­on: lol
UrFixa­ti­on: I am
RickJ2!!: Some old sto­ries krapp.
[muff’ left chan­nel Wel­co­me!]
Devilish.fr is away from key­board.
UrFixa­ti­on: Flash­backs
UrFixa­ti­on: lol
Gulli_S2: Fuck you!
Krapp: „I strain my ears and do not hear a sound.“
RickJ2!!: lol
[Gulli_S2 left chan­nel Wel­co­me!]
2005Guy!!: I bet…not pret­ty
UrFixa­ti­on grins evil­ly.
RickJ2!!: Watch out gul­li
Krapp: „Just been lis­ten­ing to an old year, pas­sa­ges at ran­dom.“
[2HOT4YOU left chan­nel Wel­co­me!]
AngusYoung: I just found out i have lung can­cer and it sucks!
RickJ2!!: aww
Krapp: „I did not check in the book, but it must be at least ten or twel­ve years ago.“
UrFixa­ti­on: Whe­re did that come from?
[Gui­tarAd­dic­ted left chan­nel Wel­co­me!]
2005Guy!!: Woaw.
[Play­boyl­overs joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
Krapp: „Now the day is over.“
2005Guy!!: Zack­ly.
SlicK­girl: Should i sim­ply mute him?
[Muff joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
RickJ2!!: Same sto­ries krapp, right?
[Kalkan left chan­nel Wel­co­me!]
[Space Mon­key left chan­nel Wel­co­me!]
Muff greets all.
Krapp: „Night is drawing nigh-igh.“
[Por­to-boy joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
2005Guy!!: I thought i just had deza­vu…
RickJ2!!: Get it??
Play­boyl­overs: hi dudes
Play­boyl­overs: lol
Krapp: „Shadows.“
2005Guy!!: Don’t know how to spell it..lol
[AngusYoung left chan­nel Wel­co­me!]
RickJ2!!: Hey baa­by
[Bryan1997_4_you joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
[Desi­ree left chan­nel Wel­co­me!]
Bryan1997_4_you: Hi all
Muff: Chess game any­bo­dy?
Lil­li: Wait an minu­te
Bryan1997_4_you: Anyo­ne wan­na chat
RickJ2!!: Krapp do you know eng­lish?
[Andriy!!!! left chan­nel Wel­co­me!]
[Lana-puma-hoty joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
19-m-Fran­cais: Kein Deutsch hier?
UrFixa­ti­on: Nein
Muff: RickJ2 do you fan­cy me.
Krapp: „Past mid­ni­ght. Never knew such silence. The earth might be unin­ha­bi­ted.“
The­bi­go­ne greets all.
[Black­S­cor­pi­on left chan­nel Wel­co­me!]
[JoeNY left chan­nel Wel­co­me!]
Bryan1997_4_you: hi court­ney
RickJ2!!: what u mean muff
[Coun­try-Boy joi­ned chan­nel Wel­co­me!]
Muff: RickJ2 why do u igno­re me?
Por­to-boy greets all.
Lil­li greets all.
[Krapp left chan­nel]
[Wel­co­me!]

ping

libelle

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17.57 — Eine Libel­le, die dicht über der Was­ser­ober­flä­che nach Flie­gen jagt. Höre das Brum­men ihrer Flü­gel. Ein kraft­vol­les Geräusch. Eines die­ser Geräu­sche, die man mit dem Bauch zu hören meint, als wären dort gehei­me Ohren für Libel­len­ge­räu­sche ange­bracht. In die­sem Moment nun, die Libel­le schwebt fast bewe­gungs­los vor mir in der Luft, der Gedan­ke, man soll­te win­zi­ge Gene­ra­to­ren auf den Rücken der Libel­len ver­schal­ten, genau dort, wo die Mecha­nik des Flu­ges aus ihrer Brust ent­steht. — Das schö­ne Licht der Dioden über den Som­mer­se­en. — Exis­tie­ren viel­leicht heim­li­che Struk­tu­ren in mei­nem Kör­per, die nicht bereits mit einem grie­chi­schen oder latei­ni­schen Namen bezeich­net sind? — stop

ping

ein kaiser und sein ohr

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8.15 — Ich hör­te, vor sehr lan­ger Zeit ein­mal habe der Kai­ser von Chi­na in der ver­bo­te­nen Stadt ein Ohr auf den Boden gelegt, um her­aus­zu­fin­den, was in der Welt vor den ver­schlos­se­nen Toren geschieht. Was wird er ver­nom­men haben? — stop

ping

ham

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2.02 — Seit Tagen sit­ze ich immer wie­der ein­mal vor einer Foto­gra­fie, die den Schim­pan­sen Ham zeigt. Zu einer Zeit, als ich noch nicht gebo­ren war, wur­de die­ser berühm­te, nord­ame­ri­ka­ni­sche Affe durch den Welt­raum geschos­sen. Sein merk­wür­di­ger Aus­druck kurz nach der Lan­dung, ein Blick nach Innen, viel­leicht der nach­träu­men­de Blick aller Raum­fah­rer die­ser Welt. — stop

ping

medusenzimmer

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4.37 — Man stel­le sich ein­mal ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von aller­feins­ter Qual­len­haut, ein Zim­mer von Was­ser, ein Zim­mer von Salz, ein Zim­mer von Licht. Man könn­te die­ses Zim­mer, und alles was sich im Zim­mer befin­det, das Qual­len­bett, die Qual­len­uhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche ste­cken. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spa­zie­ren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaf­fee­haus und war­tet. Man sitzt also ganz still und zufrie­den unter einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne an einem Tisch, trinkt eine Tas­se Kakao und lächelt und ist gedul­dig und sehr zufrie­den, weil nie­mand weiß, dass man ein Zim­mer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zim­mer, das man jeder­zeit aus­pa­cken und mit etwas Was­ser, Salz und Licht, zur schöns­ten Ent­fal­tung brin­gen könn­te. – Null Uhr acht : Haben wir noch alle Tas­sen im Schrank? — stop

ping

hrabal

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0.32 — Bohu­mil Hrabal notiert in sei­nen Arbeits­hef­ten, dass er mit allem, was sich vor sei­nen Augen abspie­le, unver­züg­lich durch einen fes­ten Schlauch ver­bun­den sei, wie das Kind durch die Nabel­schnur mit dem Leib sei­ner Mut­ter. — Die Ohn­macht vor Bil­dern, Geräu­schen und Zei­chen aus gro­ßer Ent­fer­nung. > ai - stop

china

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0.20 — Im Win­ter nach Ber­lin, immer im Win­ter, immer nachts, im Wes­ten ein lang­sam fah­ren­der Zug hin­ter Bebra. Dann Gren­ze. Ein Pos­ten. Tür­me. Metall. Und Licht. Gel­bes Licht, demo­lier­tes Licht. Und Hun­de, jawohl, Hun­de. Dann Osten. Von Stadt zu Stadt durchs unbe­kann­te Land. Auf Bahn­stei­gen : Volks­po­li­zei, Rücken zum Zug, Wachen, oder so etwas, in den Abtei­len mit Stem­pel, mal freund­lich, mal fins­ter, mal kühl. Dann wie­der Gren­ze. War­ten. Ran­gie­ren. Demo­lier­tes Licht. Irgend­je­mand schlägt von unten her mit Metall gegen den Boden des Zuges. Hun­de. Dann Wes­ten. Herrn in Zivil, Staats­schutz, von Abteil zu Abteil. Dann Zoo. Wenn man so, immer nachts, reist, kaum Kennt­nis vom Land, durch das man kommt, sagt man, das riecht hier anders, das riecht hier nach Koh­le. Man steht an einem Fens­ter in die­sem Zug, der war­tet in Hal­le. Es ist gegen fünf in der Früh und man weiß, man darf nicht aus­stei­gen, man weiß, die Ande­ren auf den Bahn­stei­gen jen­seits der Pos­ten, jen­seits der Gelei­se, dür­fen nicht ein­stei­gen, man weiß, Schüs­se könn­ten fal­len. Die da drau­ßen her­um­ste­hen, die aus dem Mund damp­fen, die von der Mor­gen­schicht in Hal­le, wis­sen das bes­ser, als die, die im Zug ste­hen und mit West­au­gen einen Kon­takt suchen für Sekun­den. Schüs­se könn­ten fal­len, jawohl, Schüs­se. Und deut­sche Spra­che, — Halt! Ste­hen blei­ben!

Ich erin­ne­re mich an eine Text­pas­sa­ge. Mal­colm Lowry an Bord des Schlacht­kreu­zers, H.M.S.Proteus. Man liegt vor chi­ne­si­scher Küs­te, man spielt Cri­cket an Deck. Nicht weit, jen­seits des Was­sers an Land, war ein schreck­li­cher Krieg im Gan­ge. „Dum! Dum! Dum!, aber die gan­ze Sache feg­te über unse­re Köp­fe hin­weg, ohne uns zu berüh­ren.“ — „Sie kön­nen sagen, dass ich dem Mann glei­che, von dem sie viel­leicht gele­sen haben, der sein Leben auf einem Schiff ver­brach­te, das regel­mä­ßig zwi­schen Liver­pool und Lis­sa­bon hin — und her­fuhr, und bei sei­ner Ent­las­sung über Lis­sa­bon nur sagen konn­te : die Stra­ßen­bah­nen fah­ren dort schnel­ler als in Liver­pool.“ Ich erin­ne­re mich an eine Notiz des rus­si­schen Dich­ters Wene­dikt Jer­ofe­jew : „Alle sagen, — der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein ein­zi­ges Mal gese­hen. Wie vie­le Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brum­men­dem Schä­del Mos­kau durch­quert, von Nor­den nach Süden, von Wes­ten nach Osten, aufs Gera­te­wohl, von einem Ende zum ande­ren, aber den Kreml habe ich kein ein­zi­ges Mal gese­hen.“

Ein­mal, wie­der Win­ter in Ber­lin, Ber­lin-West, 1987, ein Fest. Geräu­mi­ge Woh­nung. Auf den Tischen Schnaps­fla­schen und Erd­beer­glä­ser. Man sagt, das sei so üblich, — Gäs­te aus dem Osten, Schnaps auf dem Tisch. Da ist ein klei­ner Mann, schüt­te­res Haar. Sitzt die Nacht über an einem der Tische, trinkt und schlägt irre Rhyth­men mit Mes­sern, mit Gabeln, auf Tel­ler, an Glä­ser. Man sagt, der Mann sei gera­de rüber­ge­kauft, man sagt, er habe in Baut­zen II geses­sen, man sagt, ein­mal, fros­ti­ge Luft, habe man den Mann aus­ge­zo­gen, man habe ihn aus­ge­zo­gen und in eine Schleu­se gestellt, man habe ihn dort ver­ges­sen unter frei­em Him­mel, dann habe man sich sei­ner erin­nert, dann habe man ihn warm geprü­gelt. — Irre Rhyth­men. — Hab ich also Land betre­ten. — stop

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