charlie : 12.25 — Bemerkt, dass wir die Stürme, die uns das Wochenende über ein Lied pfeifen werden, schon in diesen Stunden betrachten können, während sie noch über dem Atlantik zirkulieren. Fast alles kann man voraussehen, nah sehen, verzögert oder in der echten, synchronen Zeit. Stellte mir vor, wie Amerikaner und Russen durch je ein Satellitenauge den Untergang eines hölzernen Schiffes 50 Seemeilen vor Lampedusa beobachten. Und beide Augen schweigen. — stop
Aus der Wörtersammlung: schweigen
kirschbaumgarten
echo : 2.08 — Am Ende eines gelungenen Tages schon inmitten der Nacht. Mit Freunden lange durch angenehmen Wind spaziert. Leichter Regen, der noch warm ist vom Sommer. Geräusche der Nachtblüten, die mir von der Arbeit meiner Seele erzählen, vom genauer und immer genauer werdenden Blick auf eine unglückliche Geschichte. Das Rascheln des Regens in den Blättern vor den geöffneten Fenstern. Höre Charles Mingus, während ich einen Traum der vergangenen Nacht notiere. In diesem Traum besuchte ich einen blühenden Kirschbaumgarten. Ein wilder Duft, von dem ich mir träumend erzählte, dass ich ihn eigentlich nicht wahrnehmen könne, also nur erfunden habe, weil ich im Schlaf befindlich, über keinen Geruchssinn verfüge. Da war im Garten ein papierenes Band von Stamm zu Stamm gespannt, darauf eine handschriftliche Zeile, unendlich scheinbar, weil der Anfang und das Ende des Bandes unsichtbar. Ich kann mich nun an den Text, den die Zeile auf dem Papier enthielt, nicht erinnern, wohl aber an einen Mann, auf den ich traf, nachdem ich der Zeichenstrecke eine Weile lesend gefolgt war. Er hielt einen Bleistift in der Hand, arbeitete, schrieb eine zweite Zeile über die bereits vorhandene Zeile, gleichwohl einen Text, den ich nicht erinnere. Für eine längere Zeit sah ich ihm schweigend zu, stand direkt hinter ihm und hörte dann, wie er sagte, ohne den Blick von seiner schreibenden Hand zu nehmen, dass man manchmal eine Variation der eigenen Lebenszeile schreiben müsse, um verstehen zu können. Nichts löschen, sagte der Mann, interpretieren, denken, nachfühlen. — stop
nahgespräch
india : 3.30 — Das schönste Glück in einer Welt, jenseits der virtuellen Welt, wenn es zwei Menschen möglich ist, sich zu sehen, zu berühren, zu umarmen, sobald sie miteinander sprechen und denken und lachen oder trauern oder streiten oder miteinander schweigen. — stop
chatraupe
olimambo : 0.10 – Auf dem Fensterbrett. Schau auf die Straße hinunter und höre seltsamen Schwalben zu, wie sie pfeifend und fressend durch die Nachtluft flitzen. Angenehme Stunde, obwohl mir gerade nichts einfällt, weil befangen von Fernsehbildern, die ich vor einer Stunde noch beobachtet habe. Froh, dass ich das Fernsehgerät endlich ausschalten konnte. Und wenn ich nun vom Fenster aus ins Zimmer schaue, sehe ich einen weiteren Text, als meinen schweigenden Text, zeilenweise auf dem Bildschirm meiner großen Schreibmaschine entstehen, ohne dass ich zur Entstehung dieses Textes etwas beitragen müsste. Der Text schreibt sich langsam, schwingend wie eine Raupe vorwärts. Natürlich ist dieser Text auf dem Bildschirm kein Lebewesen, wie eine Raupe ein Lebewesen ist, das sterben, also aufhören könnte. Dieser Text ist das Ergebnis einer Schreibarbeit, die fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Menschen in diesem Moment in ihren Chatprogrammmasken verrichten. Der Verdacht, der Text schreibt sich auch dann, wenn ich nicht anwesend bin. — Acht Uhr zwölf in Rangen, Burma. — stop
andrej tarkowskij
5.26 — Gestern Abend einen langen Spaziergang durch eisige Luft unternommen. Gegen 1 Uhr im indischen Café eine Tasse Schokolade, dann nach Hause aufs Sofa unter Andrej Tarkowskijs versiegelte Zeit. Das war natürlich ein Fehler gewesen. Sofort eingeschlafen. Gegen halb 3 werd ich wach. Kentaur Billy zupft am Kragen meines Hemdes: Haben Sie, verdammt, endlich die Farbe meiner Augen entschieden? — Eine wunderbare späte Nacht mit Billy vor der Computermaschine. Ich sitze auf einem Stuhl, Billy auf seinen Hinterläufen. Lese dem kleinen Kentaur aus meinen Entwürfen vor. Gelb, sage ich, ein dunkles, goldenes Gelb, und Billy sieht mich an und schweigt, sitzt schweigend zwei weitere Stunden an meiner Seite, aber dann werde ich müde und sage: Ok, Billy! Blau, und Billy lässt etwas Luft aus seinem schönen Mund entweichen, erhebt sich und springt mit einem Satz ins Nachtsofazimmer, und schon ist er weg. – Kurz nach 5 Uhr. Während ich in die Küche gehe, leichter Seegang. Denkbar, dass ich etwas Fieber bekommen habe. — stop
hello
15.12 — Ein Chatraum, in dem seit 200 Jahren eine Person mit sich selbst kommuniziert. Plötzlich erscheint das erste Zeichen einer weiteren Person, dann ein ganzes Wort in diesem Raum. — HELLO! — Langes Schweigen. — Jahre andauerndes, schweigendes Warten. — stop
liebeslaute
1.55 — Seit ich gestern, gegen den Morgen zu, erfahren habe, dass Buckelwale zur Paarungszeit über eine Sprache verfügen, die einfachen menschlichen Sprachen ähnlich ist, immer wieder die Frage, was ich unter einer einfachen menschlichen Sprache verstehen sollte, die atemlose Sprache der Lust vielleicht oder die Sprache der Chaträume? Ob eine dieser menschlichen Sprachen vielleicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Übersetzung von Wal zu Mensch zu verständigen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine grandiose Vorstellung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denkzeit, zu mir sprechen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Vielleicht eine Frage: Wie heißt Du, mein Freund? Oder : Ich hörte von Bäumen! - Es ist 2 Uhr 10 und ich bin sehr gut gelaunt, weil ich etwas Lichtenberg gelesen habe. Er schreibt um das Jahr 1774 herum: Eine Fledermaus könnte als eine nach Ovids Art verwandelte Maus angesehen werden, die, von einer unzüchtigen Maus verfolgt, die Götter um Flügel bittet, die ihr auch gewährt werden. – Wie aber sollte ich einem Walfreund Abu-Ghraib, Grosny, Darfur, Simbabwe, Tibet und Burma erklären, das Foltern, das Okkupieren, das offene und das heimliche Töten von Menschenhand? Und wie den Hunger? Und wie das Schweigen? — stop