echo : 0.02 — Eine Fotografie, die ich lange Zeit vergeblich wiederzufinden suchte, zeigt die Raumstation MIR in großer Höhe über der Erde schwebend. Ich kann mich noch gut an das farbige Bild erinnern, vielleicht deshalb, weil ich mich die Aufnahme tagelang berührte. Ein Bullauge, dort das Gesicht einer Frau, deren Namen ich vergessen habe, ein ernstes Gesicht, Ahnung, Schatten, Züge einer russischen Kosmonautin, die Monate alleine auf der MIR-Station lebte. Sie beobachtet die äußerst behutsame Annäherung eines Raumschiffes der NASA, in dem sich Menschen befinden, die mittels Funk vermutlich bereits Kontakt aufgenommen haben: Wir sehen Dich! — Da war das tiefe Schwarz des Weltalls im Hintergrund, ein absolut tödlich wirkender Raum, der sich zwischen den beiden Raumkörpern erstreckte. Immer wieder einmal in den vergangenen Jahren habe ich mich an das Gesicht der Kosmonautin erinnert, eine Ikone menschlicher Verlorenheit, und insgeheim weiter gezeichnet. — stop
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Aus der Wörtersammlung: menschen
die privatheit der engel
echo : 0.28 – Wovon ich nicht berichtet habe, am Mittwoch bereits ist mir ein Fieberengel zugeflogen. Jetzt kommen sie schon im Oktober angereist, wollen getröstet, wollen unterhalten werden. Der Engel, von dem ich gerade spreche, lungert seit zwei Tagen in meiner nächsten Nähe auf Kissen herum. Ein Anblick, der mich nicht einschlafen lässt, das Beben seines Gefieders, Herbstlaubfarben, die über einen blassen Körper stürmen. Durch hohe Temperaturen, die in seinem Inneren brennen, ist der kleine Engel so matt geworden, dass ich ihn in eine Hand legen, dass ich ihn wiegen konnte. Eine leichte Person, 80 g, sitzt in diesen Minuten, da ich meinen Text notiere auf meiner Schulter links nicht ohne Grund. Ich hatte meine Particlesarbeit betont und dass ich dort von seiner Gegenwart erzählen würde. Man ahnt nichts von der Wildheit ihres Wesens. Meinen Namen solltest Du nicht erwähnen! Ich warne Dich, flüsterte der Engel. Er saß im Moment seiner Drohung auf dem Stiel eines Löffels in meiner Küche, steckte die Spitze einer Feder in warmen Honig und dozierte von Geheimnissen, die Engel und Menschen umgeben. Du und ich! So sitzt er also und beobachtet, was ich gerade notiere. Ich weiß, ich könnte, ein Wort zu viel, sofort in Flammen aufgehen, also hör ich besser auf. — Eine halbe Stunde nach Mitternacht, der letzte Tag des Oktobers ist angebrochen. – Gute Nacht!
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weitrufend
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : RADAR
Mein lieber Jonathan. Noch immer kein Zeichen. Aber ich weiß, ich spüre, dass Sie am Leben sind. Deshalb schreibe ich weiter, übermittle meine Nachrichten an Sie in der Hoffnung, dass irgendwann einmal eine Antwort eintreffen wird. – Vor zwei Tagen von einer kleinen Reise zurückgekommen, bin ich noch etwas müde, aber froh und voller Zuversicht. Ich habe in einem Saal vor Menschen aus einem Text vorgelesen, den Sie bereits kennen. Ich konnte meine Zuhörer nicht sehen, weil mein Gesicht beleuchtet war. Und weil ich sie so wenig hören wie ich sie sehen konnte, dachte ich für einen Moment, dass sie vielleicht aufgehört haben zu atmen oder ganz verschwunden sind, ohne dass ich ihre Flucht bemerkte. Ich beobachtete meine Stimme, während ich las. Sie war zunächst eine fremde, öffentliche Stimme gewesen, entfernt, aber dann, Wort für Wort, kam sie zu mir zurück. Ja, wie ich langsamer wurde, weil mein Herz sich langsamer, ruhiger bewegte. Wie jene Wörter, in einer weiteren Zeile als der gerade beschallten Zeile, bereits hörbar waren in meinem Kopf. Ihre besänftigende Gegenwart, mein lieber Jonathan! Und nun bin ich also zurück und denke nach und schreibe Ihnen in der Hoffnung, dass Sie lesen werden, was ich für sie notiere. Ich habe von Ihnen erzählt, wissen Sie! Ich habe erzählt, dass ich mich um Sie sorge. Und ich war stolz, von dem ersten Menschen berichten zu können, der sich mit künstlichen Lungen versehen, in die nordamerikanische Wildnis wagte. Ja, mein lieber Kekkola, ich weiß, dass Sie noch am Leben sind. — Ihr Louis
gesendet am
28.10.2009
23.58 MESZ
1161 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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liu xiaobo und liu xia
delta : 0.02 – Mitternacht vorüber. Gleich, in wenigen Minuten, werde ich das Haus verlassen und ein wenig spazieren gehen, rüber zu den Wächtern, die vor dem Frankfurter Messeturm Stände antiquarischer Bücher umsorgen. Vielleicht haben sie schon offenes Feuer in einer Tonne entzündet. — Wie gut die Luft heut riecht! — Gebratene Tauben segeln durch die Nacht und die Straßenbahnen fahren jenseits der Gleise, wie sie wollen. Es schneit, aber es schneit rückwärts, der Schnee fällt zum Himmel hinauf. Eine gute Stunde ist das, Schritt für Schritt im Kreis herumzulaufen und an jene Menschen zu denken, die nicht anwesend sind, weil sie nicht anwesend sein können, weil sie verhaftet oder weil sie in ihren Häusern arretiert worden sind. — stop

peter bichsel : lesen macht arbeitsunfähig
marimba : 3.28 – Ich habe die Filmstimme eines Schweizer Schriftstellers gehört, den ich seit vielen Jahren sehr gerne lese, weil seine Sätze in meinem Kopf ein Gefühl von Klarheit, Freiheit und angenehmer Kühle bewirken. Ich weiß, dass das natürlich Unsinn ist, weil ich mit meinem Gehirn unmittelbar keine Temperaturen wahrzunehmen vermag, und doch immer wieder der Eindruck polarer Luft, ein Knistern. Der Mann, von dem ich spreche, heißt Peter Bichsel. Er fährt gern ziellos in Zügen herum, weil er in Zügen ausgezeichnet notieren kann. Ich stelle mir vor, wie die Menschen des Zuges, Landschaften, Schienen, Schwellen, Abteile, unmerklich zu Teilen einer besonderen Schreibmaschine werden. Als Kind, erzählt Peter Bichsel, habe er sich darauf gefreut, ein alter Mann zu sein. Er habe damals nicht gewusst, dass ein Großvater nicht ewig ein Großvater bleibe, sondern das Leben noch älter wird, und der Großvater dann stirbt. — stop
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oktobermond
marimba : 7.12 – Oktoberlicht, das vom Boden her kommend den Himmel golden bemalt. Spazierende Riesenschatten. Vor einem Kiosk sitzt eine afrikanische Frau am Bordstein, spricht luftwärts in seltsamen Sprachen, als würde sie mit verstorbenen Menschen telefonieren. — Ich werde die Rückseite des Mondes nie mit eigenen Augen sehen. — stop

ante portas
himalaya : 20.07 – n a c h t o h r e n

zwei erfinder
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~ : louis
to : Mr. sami tupavuari
subject : penelope
Sehr geehrter Herr Tupavuari! Guten Abend! Ich heiße Louis. Sie werden mich nicht kennen. Ich hörte, Sie sollen ein Geräuschworterfinder sein. Bis vor Kurzem wusste ich nicht, dass Menschen wie Sie existieren. Umso glücklicher fühlte ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähigkeiten berichtete. Ich wende mich nun mit einer dringenden Bitte an Sie. Es geht darum, dass ich Ihnen von Penelope zu erzählen wünsche, einer sehr besonderen Person, einer Frau, die in der Lage ist, Finger in der Art und Weise der Eidechsen von sich zu werfen. Sie werden sich vielleicht wundern, wie so etwas möglich ist. Glauben Sie mir, auch ich wundere mich von früh bis spät über dieses faszinierende Geschöpf. Reine Erfindung und doch schon ein dringender Fall. Sie müssen wissen, ich komme nicht weiter, weil ich ein Wort entbehre, das mir nicht einfallen will, ein Wort, eine Lautschrift, die ein Geräusch wiedergeben oder darstellen könnte, das in genau jenem Moment entsteht, wenn sich ein Finger Penelopes von ihrem Körper löst. Ein Wort müsste das sein, welches von Haut und Knochen ist, ein leichtes, windiges, sanftes, erstaunliches Wort. Wie unermesslich dankbar wäre ich Ihnen, lieber Herr Tupavuari, wenn Sie mir weiterhelfen, wenn sie sofort Ihre Arbeit aufnehmen könnten. Ich frage Sie nun in aller Eile: Was würde ein Wort, wie das gewünschte Wort, in etwa kosten? Mit besten Grüßen – Ihr Louis
gesendet am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen
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situs inversus / apsis 5
tango : 8.58 – Früher Morgen. Eine Nacht schwerer Arbeit liegt hinter mir. Ich hatte gestern noch einer Freundin, deren Vater gerade gestorben ist, während eines Spazierganges von meiner Suche nach Rheinelefanten erzählt. Wie ich auf und ab fahre, Stunde um Stunde mit dem Zug zwischen Bingen und Koblenz, die Kamera gezückt. Und wie sie in ihrer Trauer doch für einen Moment herzhaft lachte. Dann sitze ich vor dem Schreibtisch und habe partout kein Verlangen nach anatomischen Dingen. Dem entgegen menschenleere Szenen weiter gelesen. Ich lehne an einer Wand des Präpariersaal’s. Irgendwo klappert ein Stück Metall, nichts weiter ist zu hören. Oder doch vielleicht ein schimmerndes Geräusch in meinem Kopf, leise, leise. Jenseits der Fenster hüpfen Vögel in den Bäumen, Bewegung, die anzeigt, dass ich weder vor einem Gemälde noch vor einer Fotografie Platz genommen habe, dass ich mich von der Wand lösen und zu einem der Tische wandern könnte, etwas verändern, den Faltenwurf einer Decke vielleicht, oder eine Seite umblättern in einem anatomischen Atlas, der im Saal zurückgelassen wurde. Ich sollte ein Stück Kreide in die Hand nehmen und auf eine Tafel schreiben: Situs inversus / Apsis 5 Tisch 82
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nachtpeifen
echo : 0.01 – Ich kann nicht denken, wenn ich pfeife. — Warum?
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