nordpol : 3.55 UTC — Philip Roth, der in einem Gespräch von einem Bildschirm aus erzählt, ein Schriftsteller müsse losschreiben, dürfe sich nicht beschränken, vor allem nicht seine Sprache. — Kurz vor Dämmerung. Sechs Marienkäfer haben in dieser Nacht zu mir gefunden. Wie sie geräuschlos über schneeweiße Wände laufen, immer wieder kurz sitzen, dann weiter, dann wieder sitzen, vielleicht schlafen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: nordpol
eine flasche gin


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nordpol : 0.18 UTC — Weshalb Georg jene seltsame Geschichte, die er mir unlängst erzählte, gerade jetzt in diesen Tagen träumte, da er ängstlich in der Welt herumspaziert wie viele von uns, wird vielleicht niemanden wirklich wundern. Im Traum nämlich war Georg krank geworden vom Virus, vor dem er seit Wochen flüchtet. Er war im Hospital gewesen, konnte kaum noch atmen, saß schweißnass im Bett. Da trat eine Ärztin in sein Zimmer. Sie hielt eine Flasche Gin in der Hand. Sie war wirklich sehr höflich. Sie sagte, er solle die Flasche unverzüglich leeren, das helfe, sagte sie, die amerikanische Methode. Georg antwortete, er flüsterte, dass er seit über zwanzig Jahren keinen Alkohol getrunken habe, das würde ihn nun doch ganz sicher unter die Erde bringen. Er wachte, Gott sei Dank, bald auf. Georg war betrunken. Aber das war nicht wirklich der Fall, es war eine Vermutung, weshalb unverzüglich notwendig geworden war, den aufrechten Gang zu probieren, weshalb Georg in die Küche spazierte, das Fenster öffnete, um nach den Vögeln zu sehen. Dann rief er mich an, um mir seine Geschichte zu erzählen. — stop

15 Uhr 3
taschkent
nordpol : 9.18 UTC — Eine Dame sitzt mit hellrot geschminktem Mund an einem Holztisch in einer Wohnung der Stadt Taschkent. Es ist später Nachmittag. Auf dem Tisch ruht eine Schreibmaschine, ein Notebook, das hat ihr die Tochter geschenkt, die in Amerika wohnt, in Brooklyn genauer, im vierten Stock eines Hauses mit Blick auf den East River. Dort ist jetzt früher Morgen. Die Tochter, die wie ihre Mutter in der Ferne vor einem Notebook, einer Schreibmaschine, sitzt, freut sich, weil sie auf einem Bildschirm das Gesicht ihrer Mutter sehen kann. Endlich hat es funktioniert, das Programm, der ganz Computer überhaupt, ihre Mutter kann ihn jetzt einschalten, und das Programm starten, das eine Verbindung knüpft nach New York, sodass sie ihrerseits auf dem Bildschirm der Mutter sichtbar werden kann. Die Tochter lächelt, gerade hat ihr die Mutter erzählt, sie habe einen leicht amerikanischen Akzent entwickelt nach Jahren ihres Lebens in New York. Aber sie spricht nicht viel in diesen ersten Momenten einer Begegnung auf dem Bildschirm. Sie will ihre alte Mutter nicht überfordern, sie sagt: Jetzt können wir telefonieren sooft wir wollen, es kostet fast nichts. Die Mutter schaut glücklich zu dem Bildschirm hin. Sie könnte das Gesicht ihrer Tochter berühren, aber sie will nichts tun, das seltsam erscheinen könnte, weil sie nicht allein ist. Unsichtbar für die Tochter in Brooklyn zunächst, sitzt in einem sinnvollen Abstand eine junge Frau, eine Studentin, auf einem Stuhl, der knistert, sobald sie sich bewegt. Es ist nämlich so, dass die Studentin der alten Dame half, ihre Schreibmaschine in ein Telefon mit Bildschirm zu verwandeln, eigentlich zunächst nicht sehr schwierig, für eine Studentin der russischen Literatur, ihrer Professorin beizustehen. Das Notebook musste jedoch derart verwandelt werden, dass es sich ohne ihre Hilfe jederzeit erneut in ein Telefon mit Bildschirm zurückverwandeln könnte, deshalb alles ganz langsam, vor und zurück, vor und zurück, Schritt für Schritt, was ein Fingercursor ist, was eine Maus. Die junge Frau kommt nun ins Bild, sie trägt einen Mundschutz, auch die alte Dame ziehen ihren Mundschutz vom Hals herauf. Beide lächeln, das kann die Tochter sehen. Und sie ist sehr beruhigt, dass ihre Mutter auf sich achtet in der Ferne, glücklich ist sie. Und so springt sie auf und eilt zum Fenster. Eine Minute Zeit vergeht. Die Möwe späht ins Zimmer. Da kommt die Tochter zurück zum Tisch, sie trägt jetzt gleichwohl einen Mundschutz in roter Farbe mit weißen Punkten darauf. — stop

kreisgang
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lima : 2.52 — In Genf, nahe einer Straßenkreuzung von der Rue de Rhone zur Rue d’Italie, waren seltsame Dinge zu bemerken. Männer und Frauen nämlich, die sich kreisend oder auf und ab über das Pflaster bewegten, während sie das Grünlicht der Ampeln erwarteten. Bei genauerer Betrachtung mochte man meinen, sie könnten vielleicht nicht in der Lage sein, stillzustehen. Sie trugen Damenkostüme, Herrenanzüge, feine Schuhe, waren vermutlich gerade aus dem Büro gekommen, befanden sich auf dem Weg vielleicht nach Hause, zur Busstation nach Ferney oder ins Kino, ins Theater, zum Jazz. Die Sonne schien, erste warme Stunden. Aber, so dachte ich, auch an einem eiskalten Tag im Winter würden sie sich genau so bewegt haben, in Kreisen oder auf und ab. Eine neue Zeit ist angebrochen. Man nimmt jetzt nur noch selten den Aufzug, man nimmt die Treppe, stets der Blick hin zum Handgelenk, zur Apparatur, die Pulse, Temperaturen, und auch den Schlaf auszumessen vermag. Und noch einen Kreis gleich hinterher und über die Straße, wie viele Schritte, wie viele Schritte heute, wie viele Schritte mehr als gestern, wie weit bin ich gekommen in diesem Monat, vielleicht bis nach Chambéry, vor dem Sommer noch könnte ich Montpellier erreichen, im Winter Valencia, am Ende des kommenden Jahres werde ich in Essaouira sein. – Einmal war 2 Uhr und 44 Minuten in der Nacht gewesen. Ich beobachtete meinen Kaktus, wie er blühte. Wenn mein Kaktus blüht, hält er seine Blüte auch bei Nacht geöffnet, als ob er ahnte oder wüsste, dass in meinen Zimmern Nachtbienen und Nachtwinde wohnen. — stop

gewebe
lima : 2.26 — Gedanken, Atem, Minuten, Gefühle, Texturen, Bewegungen, Träume, Geräusche, Gespräche, Telefonhörer, Mattscheiben, Radiowellen, auch Eichhörnchenfelle, Blicke, Licht und Dunkelheit, die Stäube der Bäume, Parkbankflechtenwälder, Schuhwerk und Handläufe, alles vom Virustextschatten durchwirkt. — stop
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1 Uhr 28
ein film


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nordpol : 22.07 UTC — Wie ein Gespenst in einem Nachthemd kletterte eine Frau in der Stadt Wuhan von Balkon zu Balkon. Es ist irgendwann in der Nacht. Es ist vielleicht der 15. Stock. Über der kletternden Frau weitere Stockwerke. Kaum Licht, etwas Mondlicht. Da und dort Lampen in den Fenstern. Irgendjemand in einem Haus jenseits der Tiefe filmt die kletternde Frau, ein Bild von Verzweiflung. Ich habe diesen Film auf einem Handybildschirm aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen. Menschen, die im Zug neben mir saßen, betrachteten die Aufnahme. Sie waren vermutlich auf dem Weg zum Flughafen. Atem blähte ihren Mundschutz wie ein Segel. — stop

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india : 8.55 UTC — l u n g e n b l ü t e

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nordpol : 8.32 UTC — t r ä n e n b e i n h ö h l e



