Aus der Wörtersammlung: nordpol

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nicht atmen

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nord­pol : 18.15 UTC — Heu­te ist ein glück­li­cher Tag. Der Wind rast ums Haus, nur noch weni­ge Stun­den Zeit, April­wind zu sein. Und die­se Blei­stif­te, die heu­te ange­kom­men sind, so spitz und hart, wie ich sie mir kaum vor­zu­stel­len trau­te. Um 17 Uhr und drei Minu­ten erreicht mich die Nach­richt der Biblio­thek, Robert Walsers Mikro­gram­me Aus dem Blei­stift­ge­biet sei­en ein­ge­trof­fen, ich könn­te sie abho­len bis 18 Uhr, also dann am Mitt­woch. Wie bin ich auf Robert Wal­ser gesto­ßen, nach lan­ger Zeit? Nun, weil ich vor weni­gen Tagen einen Mann in der Schnell­bahn beob­ach­te­te, der mit einer Lupe einen Zet­tel stu­dier­te, auf dem Schrift­zei­chen zu erken­nen waren, so klein, dass ich nicht vor­zu­stel­len wag­te, ein mensch­li­ches Wesen könn­te sie von Hand auf das Papier auf­ge­tra­gen haben. Der Mann schien sehr müde gewe­sen zu sein, und ich dach­te: Ein Mensch, der in die­ser Wei­se schreibt, schreibt lei­se, war­um? — stop
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brooklyn : february house

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nord­pol : 23.56 UTC — Weni­ge Wochen vor einer Rei­se nach New York brach ich mir den rech­ten Arm. Das ist jetzt bereits eini­ge Jah­re her, der kom­pli­zier­te Bruch ist gut ver­heilt, ich kann ohne Beschwer­den wie­der mit der Hand notie­ren. Damals aber waren mei­ne Bewe­gun­gen unge­lenk, ich schrieb wie ein Kind mit gro­ßen Buch­sta­ben. Eini­ge die­ser Zei­chen ent­deck­te ich am spä­ten Abend in Carson McCul­lers selt­sa­mer Erzäh­lung Die Bal­la­de vom trau­ri­gen Café. Auf der Sei­te 52 des Buches hat­te ich zwei Wör­ter ver­merkt: Febru­ary House. Ich erin­ner­te mich, dass ich damals den Ent­schluss fass­te, einer Spur der Dich­te­rin in New York zu fol­gen. Ich schrieb um Wochen ver­zö­gert und noch immer unter Schmer­zen: Weil ich nur sehr schwer­fäl­lig mit der Hand in mein Notiz­buch schrei­ben kann, notie­re ich wäh­rend des Lesens, indem ich in Gedan­ken wie­der­ho­le, was zu tun ist in den kom­men­den Stun­den. Nach­for­schen in der digi­ta­len Sphä­re. Wo genau, in wel­cher Stra­ße, in wel­chem Haus wohn­te Carson McCul­lers in Brook­lyn? Ist denk­bar, dass die jun­ge Dich­te­rin tat­säch­lich drei Wochen benö­tig­te, um das Sub­way-Sys­tem der Stadt New York ver­las­sen zu kön­nen? Oder such­te sie in eben­die­sem Raum der Zeit nach ihrer Woh­nung, die sie nicht wie­der fin­den konn­te, weil sie mit­tel­los und ohne genaue­re Orts­kennt­nis in einem U‑Bahnwagon zurück­ge­las­sen wor­den war. Wie vie­le Dol­lar kos­te­te eine Fla­sche Whis­key im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedan­ken notie­re, wie­der­ho­le ich drei­fach, was ich mir zu mer­ken wün­sche. Ver­lo­re­nes, das könn­te sein, bemer­ke ich nicht. Oder nur einen Schat­ten ohne Wör­ter. — stop

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im park

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nord­pol : 0.52 UTC – Im Park hock­te ein jun­ger Mann auf einer Bank. Auf sei­nen Knien ruh­te ein Buch. Ich bemerk­te bald, dass der jun­ge Mann, anstatt zu lesen, das Buch zer­leg­te. Er ging in die­ser Arbeit sehr sorg­fäl­tig vor, leg­te ein Line­al auf eine Sei­te des Buches, fuhr kurz dar­auf mit einem fei­nen Mes­ser die Kan­te des Line­als ent­lang, trenn­te also mit einer vor­sich­ti­gen Hand­be­we­gung eine Sei­te von der Bin­dung des Buches, leg­te die Sei­te neben sich auf die Bank und beschwer­te sie mit einem Stein­chen, dass er zuvor mit eben der Hand, die gera­de noch das Mes­ser führ­te, ange­ho­ben hat­te. Eine Sei­te nach der ande­ren Sei­te lös­te er in die­ser Wei­se aus dem Kör­per des Buches her­aus, gleich­mä­ßi­ge Bewe­gun­gen, als sei ihm die Arbeit der Zer­le­gung eines Buches ver­traut. Es war ein win­di­ger Tag gewe­sen. — stop

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twitter

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nord­pol : 18.55 UTC – In den Echo­kam­mern der Twit­ter­welt üben mensch­li­che Lebe­we­sen inver­se Metho­den, bei­spiels­wei­se die Metho­de, bezüg­lich einer Posi­ti­on grund­sätz­lich das Gegen­teil zu glau­ben, etwas zu glau­ben also, auch dann, wenn es nicht sein kann. Am Abend des 7. April beob­ach­te­te ich, wie ein jun­ger Mann einer jun­gen Frau notier­te: Erhäng Dich. Die jun­ge Frau hat­te zu einem frü­hen Zeit­punkt unter­stellt, ein Anschlag in der Stadt Müns­ter sei von Mit­glie­dern des IS ver­übt wor­den. An ande­rer Stel­le sprach sie von Men­schen, die aus Eri­trea nach Isra­el geflüch­tet sind, die­se Men­schen sei­en VIEHZEUG. Die jun­ge Frau ant­wor­te­te unver­züg­lich: Dein Satz hat das fal­sche Satz­zei­chen. Es müss­te “Erhäng Dich!” hei­ßen. Der jun­ge Mann wie­der­um notier­te, er den­ke, dass der Kon­text ( sie sol­le sich erhän­gen ) auch ohne Satz­zei­chen “rüber” kom­me. Das hier ( Twit­ter ) sei ein Kurz­nach­rich­ten­dienst und kein Dik­tat. — stop

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fernrohr

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nord­pol : 12.28 UTC – Jah­re der Beob­ach­tung. Ich betrach­te­te eine Per­son, wie sie notier­te, ein streit­ba­rer Mensch. Was bedeu­tet prä­zi­se, wenn ich schrei­be: Ich beob­ach­te­te in der digi­ta­len Sphä­re eine Per­son, ihre Spu­ren? Eine gehei­me Ope­ra­ti­on?  — stop

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patagonien

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nord­pol : 22.08 UTC – Schnee liegt sehr fein wie gepu­dert, die Luft klirrt von der Käl­te, Eich­hörn­chen het­zen über die Stra­ße. Das Haus, in dem die alten Men­schen woh­nen, dampft, aus den Schorn­stei­nen wie ein gro­ßes Schiff, das gera­de Anlauf nimmt, um in See zu ste­chen. Der Boden, auf dem ich gehe unter Bäu­men, an deren blatt­lo­sen Ästen sich fros­ti­ge Äpfel hal­ten, zit­tert. Und auch der lan­ge Flur im Haus, über den ich spa­zie­re, scheint unter mei­nen Füßen zu schlin­gern. An einem Tisch sitzt eine alte Leh­re­rin, sie sitzt immer nur so da und schaut zum Fens­ter hin­aus, sie spricht nicht, nie­mals. Eine ande­re alte Dame han­gelt sich in ihrem Roll­stuhl sit­zend durch die Flu­re von mor­gens bis abends, sie lächelt, wenn man ihr begeg­net. Klein ist sie, zier­lich, trai­niert wie eine Tur­ne­rin, mage­re und doch kräf­ti­ge Arme. Bei­na­he mei­ne ich, dass sie sich an mich viel­leicht erin­nert, sie lächelt mich an, ver­mut­lich des­halb, weil ich ihr schon häu­fig begeg­ne­te. Längst könn­te sie eine Stre­cke bis nach Mexi­ko in die­ser han­geln­den Wei­se zurück­ge­legt haben. Oder bis nach Pata­go­ni­en. — stop

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polarlicht

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nord­pol : 0.01 — Irgend­wann ein­mal wür­de ich ger­ne fol­gen­de Mel­dung notie­ren: Zoo­lo­gi­scher Gar­ten auf Grön­land jen­seits des Polar­krei­ses eröff­net. Selbst­ver­ständ­lich wird es sich bei die­sem ark­ti­schen Tier­park nicht um eine gewöhn­li­che Ver­samm­lung leben­der Tie­re han­deln. Im Park dort, frei oder in Gehe­gen, wer­den viel­mehr leuch­ten­de Tie­re woh­nen, schim­mern­de, oder in allen wun­der­ba­ren Far­ben, die man sich aus­zu­den­ken ver­mag, glü­hen­de Wesen, ihre Zel­len näm­lich wer­den glü­hen. So wer­den leuch­ten­de Anti­lo­pen unter der Kup­pel des Afri­ka­hau­ses über künst­li­che Step­pen­grä­ser sprin­gen, und leuch­ten­de Men­schen­af­fen durch das Geäst der Nacht­bäu­me schwin­gen. Und da wer­den leuch­ten­de Vögel sein und eben­so leuch­ten­de Ele­fan­ten in ihren rie­sen­haf­ten Volie­ren. Auch die Eis­bä­ren wer­den leuch­ten und die See­hun­de und Rob­ben und Schnee­füch­se. Es ist des­halb gut, dass in der Polar­nacht immer­zu Dun­kel ist. Der zoo­lo­gi­sche Gar­ten wird rund um die Uhr geöff­net sein, war­um nicht! — stop



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