Aus der Wörtersammlung: nordpol

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nord­pol : 18.28 UTC — Ges­tern war ein glück­li­cher Tag. L., der in Lis­sa­bon lebt, notier­te, er wer­de mich in der Ret­tung Birdy’s aus unsi­che­rer Flas­hum­ge­bung unter­stüt­zen. Vor den him­mel­blau­en digi­ta­len Bild­schirm­rei­se­kof­fern mei­ner Erzähl­ma­schi­ne sit­zend, plötz­lich die Erin­ne­rung an eine Foto­gra­fie Robert Doisneau’s, die Jac­ques Tati zeigt, wie er als Post­bo­te in einem Zustand lei­ser Ver­wun­de­rung hin­ter Tei­len sei­nes Dienst­fahr­ra­des steht, wel­ches er ver­mut­lich mit eige­nen Hän­den zer­leg­te. Ich stel­le fest: Die Dif­fe­ren­zie­rung eines Gegen­stan­des in not­wen­di­ge oder typi­sche Por­tio­nen könn­te bereits für sich genom­men, als äußerst anspruchs­vol­le Auf­ga­be zu betrach­ten sein. — stop

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regenzeit

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nord­pol : 18.15 UTC — Es ist frü­her Abend und es reg­net in Strö­men. Tat­säch­lich, wenn ich vor dem Fens­ter ste­he und mei­nen Blick der­art in die Luft rich­te, dass ich den Regen wahr­zu­neh­men ver­mag, mei­ne ich für Sekun­den, Schnü­re von Was­ser erken­nen zu kön­nen, deren Ursprung ich nicht sehen kann. Die Beob­ach­tung der Was­ser­schnü­re berei­tet mir Freu­de, ich sehe etwas, das ich nicht wirk­lich sehen, aber mir so gut vor­stel­len kann, dass es tat­säch­lich wirk­lich zu sein scheint. — stop
ping

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kalkutta

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nord­pol : 0.15 UTC – Es ist an die­sem Abend selt­sam mit mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Ich wür­de gern einen Text for­mu­lie­ren, der von mei­ner Erwar­tung der Stadt Kal­kut­ta erzählt, aber es schreibt immer wie­der etwas ande­res auf den Bild­schirm: Make Euro­pe gre­at again! Eigent­lich will ich die­sen Satz nicht notie­ren, weil er mich an einen Satz erin­nert, der aus dem Mund eines Man­nes kommt, über den ich mög­lichst gar kein Wort ver­lie­ren möch­te, wenn er doch nur nicht so gefähr­lich wäre, oder genau­er gesagt, jene Per­so­nen gefähr­lich wären, die ihn umge­ben, die ihm zuflüs­tern, wenn sie Gele­gen­heit haben, ihn doch für eini­ge Minu­ten von sei­nem Fern­seh­welt­ge­rät zu lösen. Alle raten zur Gelas­sen­heit. Gelas­sen­heit ist immer gut. Auf nach Kal­kut­ta. — stop

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zwergseerose bartholomä

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nord­pol : 5.08 — Ich hör­te, irgend­wo ver­steckt auf einem Hoch­pla­teau des stei­ner­nen Mee­res, das sich zwi­schen dem schö­nen, grün­blau­en Ober­see und dem mäch­ti­gen Hoch­kö­nig erstreckt, soll ein Mensch exis­tie­ren, ein Jun­ge von unge­fähr acht Jah­ren, der in sei­nem bis­he­ri­gen Leben kei­ner­lei digi­ta­le Spur hin­ter­ließ, weder in der Welt behörd­li­cher Com­pu­ter­sys­te­me, noch in einer elek­tro­ni­schen Wol­ke. Der Jun­ge, der mög­li­cher­wei­se heim­lich gebo­ren wur­de, soll, von Schul­bü­chern umge­ben, in einer Hüt­te mit Zie­gen und fünf Mur­mel­tie­ren leben, die ihm ver­traut gewor­den sind. Es ist nicht bekannt, wie der Jun­ge heißt, wie sei­ne Mut­ter, wie sein Vater, auch nicht, wer ihm des Wei­te­ren gehol­fen haben könn­te, wäh­rend der ers­ten Lebens­jah­re über stren­ge Berg­win­ter zu kom­men. Ich stel­le mir vor, die­ser Jun­ge könn­te viel­leicht der ein­zi­ge leben­de euro­päi­sche Mensch sein, von dem nie­mals ein Licht­bild genom­men wur­de. Wer nach ihm such­te, kehr­te zurück ohne einen Beweis, ohne eine Spur, er könn­te reins­te Erfin­dung sein, eine vor­sätz­li­che Exis­tenz, eine Ver­mu­tung, oder eine tat­säch­li­che Per­son, die an die­ser Stel­le, in die­sem Text einen ers­ten elek­tri­schen Abdruck in der digi­ta­len Sphä­re hin­ter­lässt, ein Ver­rat, ja, ein Ver­rat. Ich soll­te mei­ne Gedan­ken, mei­ne Hin­wei­se, dem­zu­fol­ge bald wie­der löschen, um ihr Ver­schwin­den und damit das Ver­schwin­den des Jun­gen aus der digi­ta­len Welt beob­ach­ten oder prü­fen zu kön­nen. Signa­tur: Zwerg­see­ro­se Bar­tho­lo­mä. — stop
drohne32

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oft habe man tage lang gewartet

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nord­pol : 2.58 — Von ihrer Zeit, die sie als Flücht­lings­kind auf dem Land ver­brach­te, erzählt Mut­ter immer wie­der gern. Sie hat­ten genug zu essen, weil sie und ihre Schwes­tern bei einer Bau­ern­fa­mi­lie wohn­ten. Wenn der Vater am Wochen­en­de zu Besuch kam, ahn­te sie nichts von Tief­flie­ger­an­grif­fen auf Züge, mit wel­chen der Vater reis­te, aber an sei­ne stau­bi­gen Anzü­ge, weil er sich auf den Boden wer­fen muss­te. Die bren­nen­de Stadt Mün­chen, obwohl in gro­ßer Ent­fer­nung lie­gend, war im Schein der Feu­er damals am Hori­zont zu erah­nen gewe­sen, wie Abend­rot inmit­ten der Näch­te. Dann das War­ten auf eine Nach­richt am nächs­ten Mor­gen. Oft habe man tage­lang gewar­tet. Sie selbst habe zwei­mal einen Bom­ben­an­griff auf Mün­chen erlebt, das war zu Beginn des Luft­krie­ges. Sie habe sich nicht gefürch­tet, es sei viel­mehr span­nend gewe­sen, mit ihren Nach­barn und ande­ren Leu­ten so eng in einem Kel­ler zu sit­zen. Es gab Pra­li­nen für die Kin­der und einen Geschich­ten­er­zäh­ler. Ein Jahr spä­ter sei ihre gro­ße Schwes­ter nach einem Angriff lan­ge Zeit ver­schüt­tet gewe­sen und des­halb für Wochen ver­stummt. In die­ser Zeit habe sie gehört, dass die Scholl­wöcks abge­holt wor­den sei­en, sie kön­ne nicht sagen, wes­halb sie als Kind schon wuss­te, dass das Abho­len etwas Schreck­li­ches gewe­sen sein muss­te für die, die abge­holt wur­den. Sie habe beob­ach­tet, dass die Abge­hol­ten nie­mals wie­der­ge­kom­men sei­en, und dass von ihnen bald nicht mehr gespro­chen wur­de. Das alles habe sie als Kind schon so bemerkt, weil Kin­der sehr viel mehr bemerkt haben, als die Erwach­se­nen viel­leicht glaub­ten. Dass die Eltern in der Woh­nung vor dem Krieg das Hit­ler­bild immer umge­dreht haben, davon durf­te sie nicht erzäh­len, in der Schu­le nicht und auch anders­wo nicht. Ein­mal sei sie vom Land her wie­der in die zer­stör­te Stadt zurück­ge­kom­men, es war ein neb­li­ger Tag gewe­sen, sie habe zunächst gedacht, es sei der Nebel, aber das Haus, in dem sie und ihre Schwes­tern auf­ge­wach­sen waren, exis­tier­te nicht mehr. Damals wür­den sie Bisam­rat­ten geges­sen haben, die schmeck­ten sehr gut, und der Vater sei gelb gewor­den im Gesicht, weil sei­ne letz­te Nie­re lang­sam ver­sag­te. In die­ser Zeit habe der Vater ihr viel von der Welt erzählt, wie sie funk­tio­niert, er sei ver­stört gewe­sen, dann sei er gestor­ben. — stop

paula

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von turku nach kalkutta

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nord­pol : 5.38 — In der vor­letz­ten Nacht habe ich ein Ver­spre­chen ein­ge­löst, das ich mir selbst vor eini­gen Mona­ten gege­ben habe: Du soll­test jeden Text, den Du an die­ser oder ande­rer Stel­le ver­öf­fent­li­chen wirst, lesen, Wort für Wort. Das ist, möch­te man mei­nen, eigent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, nicht aber, wenn man Text­pas­sa­gen von erheb­li­chen Aus­ma­ßen publi­zie­ren möch­te, die von einer wei­te­ren Per­son oder von einem Com­pu­ter­pro­gramm auf­ge­schrie­ben wor­den sind. Es han­delt sich in die­sem Fall um eine Weg­be­schrei­bung, die Stre­cke führt uns von Tur­ku nach Kal­kut­ta über Land, und zwar zu Fuß. Um kurz nach Mit­ter­nacht nahm ich die Lek­tü­re auf, ver­folg­te mei­ne vir­tu­el­le Bewe­gung mit einem Fin­ger auf mei­nem Glo­bus, den Tau­ben nachts in aller Ruhe gern betrach­ten, wenn sie vor dem Fens­ter sit­zen. Ich neh­me an, sie wer­den die leuch­ten­de Erd­ku­gel für den Mond hal­ten oder für die Son­ne. Es war kurz vor Son­nen­auf­gang, als ich mit mei­ner Lek­tü­re fer­tig wur­de. Ich weiß nun, dass jene von der Com­pu­ter­ma­schi­ne vor­ge­schla­ge­ne Stre­cke, nicht nur beschwer­lich wer­den könn­te, viel­mehr auch gefähr­lich sein wür­de. Lesen Sie selbst: zu Fuß 7.960 km, 1.599 Std.Turku, Finn­land nach Kal­kut­ta, West­ben­ga­len, Indi­en /// Tur­ku Finn­land: > Nach Süd­wes­ten Rich­tung Uni­ver­si­tets­gatan / Ylio­pis­ton­ka­tu 61 Links abbie­gen auf Uni­ver­si­tets­gatan  / Ylio­pis­ton­kat 18 m links abbie­gen auf Aura­ga­tan  / Aura­ka­tu 400 m Wei­ter auf Aurabron/ Auran­sil­ta 110 m Wei­ter auf Kas­ken­ka­tu / Kas­kis­gatan 800 m Wei­ter auf Kas­ken­tie / Kas­kis­vä­gen 1,0 km Wei­ter auf Nylands­gatan  / Nylands­vä­gen / Uuden­ma­an­tie / Rou­te 110 Wei­ter auf Rou­te 110 10,2 km step by step >

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