nordpol : 18.22 — h i b i s c i l l i, Johannes!
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Aus der Wörtersammlung: nordpol
hätt i dad i war i
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nordpol : 5.05 — Schreibmaschinen, die nicht eigentlich Schreibmaschinen sind, sondern Personal Computer, welche unter anderem als Schreibmaschinen verwendet werden können, sind seltsame Wesen. Drei dieser Wesen wohnen in meiner Nähe. Kürzlich, während ich schlief, wurden über das Internet frische Programmversionen in ihre Speicher geladen, weswegen sie sich jedem meiner Versuche eines Zugriffs verweigerten an diesem neuen Tag, den ich mit sinnvoller Arbeit zu verbringen plante. Auf hell beleuchteten Bildschirmen war je eine Fortschrittsanzeige in Form eines dunklen Striches oder Balkens zu erkennen, die sich in einer rechteckigen Form bewegte, das heißt, eben nicht bewegte, sondern wartend verharrte, mal rückwärtszulaufen schien, dann wieder vorwärts, ein Oszillieren vor den Augen des Wartenden, das vermutlich Ausdruck hoffender Sinnestäuschung gewesen ist. Wer nicht mehr schreiben kann, oder nur noch sehr langsam mit der Hand, beginnt zwangsläufig zu telefonieren. Es waren Anweisungen, die ich hörte, in welcher Reihenfolge ich welche Tasten meiner Schreibmaschinen bewegen sollte, um sie anzutreiben. Ein Tag verging, an dessen Ende ich den Eindruck hatte, er habe nicht existiert. Aber Spuren von Handschrift auf einem Blatt Papier, Wörter, Zeichnungen, Zahlenreihen. Einmal muss ich notiert haben, ohne mich daran erinnern zu können: No signal, going to sleep! — stop
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von schlafenden händen
nordpol : 2.32 — Der Fotograf Raymond C. erzählte folgende Geschichte. Er habe einige Wochen auf Fährschiffen gearbeitet, die unentwegt seit über einem Jahrhundert zwischen den Inseln Manhattan und Staten Island pendeln. Während der ersten Woche seiner Schiffreise habe er versucht, in der Dunkelheit die Silhouette Brooklyns zu fotografieren, das sei keine leichte Sache gewesen: Du musst Dir vorstellen, diese schönen orangefarbenen Schiffe liegen zwar schwer im Wasser, und doch taumeln sie seitwärts und auf und ab dahin. Ich habe nach einigen Tagen bereits aufgegeben, richtete mein Objektiv nun gegen das Wasser, fotografierte Treibgut in nächster Nähe, das mit dem Hudson River stromabwärts reiste. Wenn Du lange Zeit durch den Sucher Deiner Kamera ins Wasser blickst, wirst Du Dich über Regenschirme, Kinderwagen, Autoreifen, Matratzen nicht länger wundern, es ist so, als gehörten sie wie kleinere und größere Seevögel natürlicherweise in den Fluss. Ich habe Flaschen porträtiert, tote Katzen, Schaufensterpuppen, man muss gut aufpassen, rechtzeitig auf den Auslöser drücken, die Schiffe fahren schnell, einmal sei ein Mann über Bord gesprungen. An einem Juniabend fuhr Raymond fort, habe er sich nach erfolgreicher Arbeit müde auf eine Bank des Promenadendecks der John F. Kennedy gesetzt, er sei dort für einen Augenblick eingeschlafen und habe in diesem Moment des Schlafens mit der Fotokamera in der rechten Hand ohne Vorsatz seine linke, also seine schlafende Hand fotografiert. Raymond entdeckte diese so seltene wie unerwartete Aufnahme, während er in der Metro heimwärts fuhr. Nachts, in seinen Ateliers in Queens, habe er sich dann an seinen Küchentisch gesetzt, habe seine Kamera auf ein Stativ geschraubt und über der Tischplatte in Stellung gebracht. — stop

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nordpol : 0.24 — z u n g e n m a n d e l

ein selbstgespräch
nordpol : 15.12 — Oder ein Chatraum, in dem 200 Jahren lang eine Person mit sich selbst kommuniziert. Plötzlich erscheint das erste Zeichen einer weiteren Person, dann ein ganzes Wort in diesem Raum. — HELLO! — Langes Schweigen. — Jahre andauerndes, schweigendes Warten wie Staunen. Dann, unvermittelt, ein Jahrzehnt ist vergangen, wird das Selbstgespräch in einer Weise fortgesetzt als wäre das Wort HELLO niemals ausgesprochen oder empfangen worden: /// guten abend! wie geht es dir? — gut! und dir? — prächtig. — schön zu hören. lange nicht gesprochen, wo liegt dein problem? — ich habe heute abend kein problem. — wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! — darf ich dir eine frage stellen? — sicher! — was bedeutet das wort luftwellensegel? — hast du schmetterlinge im bauch? — bitte! bleiben wir ernst, bleiben wir bei der sache: was bedeutet das wort luftwellensegel? — lass uns das eine weile zurückstellen. — warum? — erzähl weiter! — hast du schon andere gefragt? — aber natürlich! — schön zu hören. wo liegt dann dein problem? — ich habe heute abend kein problem! — wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! ich sehe, du bist ein schwieriger fall. /// — stop

nubelili
nordpol : 2.28 — ekoiebe pujadule bucumamba lobowadi malokabe nubelili bibigabe mifobulu fibowebo curabuba. — Ich notiere: Wieder Wörter erfunden, wieder mein Gehirn bespielt. — Gabriele Wohmann ist gestorben, so leise. — stop

timi
nordpol : 5.32 — Seit fünf Tagen bereits versuche ich von einem Zimmer zu träumen, in dem es immerfort regnet. Ich mache das so, dass ich in den Minuten, da ich einzuschlafen wünsche, überlege, wie es wäre, wenn in dem Zimmer, in dem ich mich gerade befinde, Regen fallen würde. Diese Methode des Regendenkens ist leider bislang nicht sehr erfolgreich gewesen. Einmal schlief ich ein. Als ich erwachte, hörte ich wirklichen Regen draußen in den nächtlichen Bäumen. Ich ging dann spazieren, dachte finnisch klingende Namen aus: Satu N. Mäkela . Annukka R. Timi. Helena Paivi . Jonathan Paivi . Janne Ollila. Zwei dieser ausgedachten Namen zeitigen Spuren wirklicher Menschen in der Sphäre der Suchmaschinen, einer scheint männlicher Natur zu sein, obwohl ich ihn weiblich überlegte. — stop

e — geparden
nordpol : 6.28 — Man müsste einmal ein Programm erfinden, das in der Lage wäre, E‑Mailbriefe, die man versehentlich verschickte, zu jagen, zu erlegen, oder ganz einfach behutsam wieder zurückzuholen. Ich meine das so: Nehmen wir einmal an, eine E‑Mail wäre vorzeitig entwischt, ohne Gruß und Unterschrift bewegte sie sich rasend schnell durch das World Wide Web von Knoten zu Knoten, ein Brief, der nicht unhöflicher sein könnte, ein lichtschnelles Monstrum, wie glücklich würde man sein, wenn man ihn ungeschehen machen oder nachträglich noch bearbeiten könnte, indem zu jeder E‑Mail ein persönlicher E‑Mailgepard gehörte, der nach dem fehlerhaften Stück hetzen würde, bis das gejagte Zeichenwesen getilgt sein würde, zu einem Nichts geworden, wie nie gewesen. Manche dieser Geparden wären vielleicht in der Lage, sich bis in die E‑Mailprogramme adressierter Computer selbst fortzubewegen, E‑Mailbriefe, die bereits geöffnet wurden, würden vor den Augen der Leser verschwinden oder sehr heimlich später, so dass sie nie wieder gefunden werden könnten, als ob sie nie existierten, Geisterwesen, Täuschung, Gehirnschatten ohne Beweis. Es ist Samstag und es regnet kühles Wasser, als wäre dieser Tag bereits im Herbst. — stop / koffertext

lichtzimmer
nordpol : 0.02 — Einmal träume ich von einem Haus ohne Fenster und ohne Türen. Die Zimmer des Hauses sind von strahlendem Licht erfüllt. Das Licht kommt aus dem Boden, den Wänden, von der Decke. In einer Ecke kauert ein Mann. Seine Augen sind gerötet. Er steht auf, geht auf unsicheren Füßen umher, sucht nach einem Schalter, vielleicht um das Licht zu löschen. Vögel leben in den Zimmern des Hauses, hunderte kleine Vögel. Sie fliegen hin und her, ohne jemals zu landen. – stop

1 komma 2 minuten
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nordpol : 8.08 — Im Begrüßungstext einer Kindle-Buchsammelmaschine (Paperwhite) werden für Péter Nádas Roman Buch der Erinnerung (1024 Seiten) 20 Stunden und 29 Minuten typische Lesezeit verzeichnet, präzise betrachtet: 1,2 Minuten Beobachtungszeit pro Seite des Buches. Kuriose Geschichte. — stop



