nordpol : 6.33 — Ein Eisbriefbote wartete gestern, es war ein Dienstag, vor meiner Wohnungstüre im 22. Stock. Der Mann trug blaue Turnschuhe der Marke Nike, kurze, helle Hosen und ein weißes Hemd, das viel zu groß gewesen war für seinen schmächtigen Körper. Er schwitzte, weil er die Treppe nehmen musste, da in meinem Haus keinerlei Aufzug existiert, weshalb das Haus nicht sehr beliebt ist bei Gästen und Boten. Meistens biete ich den hart arbeitenden Männern über die Funksprechanlage an, ihnen entgegenzukommen. Ich sage: Treffen wir uns im 11. Stock in 10 Minuten! Gestern aber war ich sehr müde gewesen. Ich trank einen Kaffee, telefonierte mit einer Behörde, und wartete dann still in aller Ruhe, bis der Mann bei mir oben unter dem Dach angekommen war. Es sind diese ersten Blicke, die ich nie vergesse. Der erschöpfte Bote öffnete seine Kühltasche und überreichte mir einen weiteren eisgekühlten weichen Behälter, in welchem sich nun unmittelbar ein Brief von Eis befand, den ich zunächst in meinen Gefrierschrank zu weiteren Eisbriefen und Eisbüchern legte. Kurz darauf setzte ich mich ins Treppenhaus und hörte dem jungen Mann bei seinem Abstieg zu. Er war sehr schnell unterwegs gewesen, er schien zu fliegen, stürzte im fünften oder sechsten Stock, Minuten lang war kein Laut zu hören, dann das Wimmern einer Ambulanz. Da saß ich längst in meiner Küche und las, was mir ein Freund notierte, wie er schrieb, mit großer Freude auf dem vergänglichsten Material, das ihm zur Verfügung stehe: Lieber Louis, dieser Brief ist geheim. Er wird sich auflösen, sobald oder bevor Du ihn gelesen haben wirst. Du musst Dich also beeilen oder den Brief immer wieder einmal in den Kühlschrank zurücklegen oder ihn fotografieren, ehe er geschmolzen sein wird. Sei behutsam, mein Lieber. Lies bitte nicht an Tagen, da es warm ist in Deiner Wohnung unter dem Dach, es könnte sein, dass Du in schwüler Luft nicht schnell genug lesen kannst. Ich vermute, ich habe die Wörter an dieser Stelle bereits vergeblich geschrieben. Dein K. – stop

Aus der Wörtersammlung: nordpol
gramm
nordpol : 6.38 — Das Wort Homs in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Homs denke. Wie viel Gramm? — stop

babuschka
echo : 4.12 — Vor einiger Zeit hatte ich einen Text geschrieben, den ich nur deshalb notierte, um ihn mittels eines Verschlüsselungsprogramms in einen Zustand der Unlesbarkeit zu versetzen. Genaugenommen hatte ich den Text mit einer besonderen Haut, mit einer Zeithaut umgeben. Um ihn nämlich lesen zu können, müsste man den Text zunächst decodieren, das heißt, solange mittels einer Computermaschine seine Öffnung probieren, bis der richtige Schlüssel gefunden ist. Gestern, bei großer Hitze, stellte ich mir vor, was geschehen würde, wenn nun nach Tagen, Wochen oder Jahren des Rechnens das suchende Programm melden würde: Ich bin fündig geworden! Wie ein menschlicher Analyst sich in diesem Moment zufrieden seinem Bildschirm nähert, um festzustellen, dass sich hinter den Zeichen eines verschlüsselten Textes weitere verschlüsselte Zeichen befinden. stop – Auf den ersten Blick ist folgendem kodierten Text nicht anzusehen, hinter wie vielen Zeithäuten sein lesbarer Ursprung verborgen liegen könnte: ANFANG === B U C W 0 G c o a G j I B W W f k p h Z L v 0 h 4 Y J j 9 4 4 t m c e K C l x B M b L 4 q T d x Y I w B U v V 3 E b p b X y A z Y B e R 5 C a 9 n b s E B p U I 6 z q 3 Z C 6 a Q A R Q 1 a 8 P I N 1 j T L B b V 9 e O F 0 j 5 G s F f y 5 E M D 3 5 a r / C G 0 j V z 4 v n e u M z p T K W Y t 4 D m s J t e / F E C Y C a j 3 Z L Z / h l x G M W I 4 7 v 8 / B I g H c E / Q 2 F 9 G s W Z i z Q K 0 7 k t O W 7 8 k S k A t q u J Z 5 2 F A u n a J 6 C G B u A 7 R o C u P p D n C m 8 F 7 9 F E e m H / T T 3 K x z S 7 r 3 i 0 y 4 g M Z u m G m x i A q 4 l z d A x i o P m 0 O I b x M i T I x P w X j 5 A I i 1 z c e + T W i i x A + 6 A h k p q h o n a D e M / y s A l y W r i p 4 s Z m m / q X y n 2 o P H R q z g U i + T s H B c z + J v K 3 A a d v j Z F L 9 i R M s C f m W y U d 6S 4 4 O f z l 8 x P z H B W z 1 H 2 6 z Z o z F s C U U D Y v k +Y N F 0 f U t A y k a Y 7 E L j / u N X s s q 1 K 1 V z A C i z K Z Y 7 F N J C q y t x s Q c b W r C 3 k 4 i f V 1 l K u g f b N i P t y O 8 1 7 e l u y x d r o i d 5 d X 3 E D g O V s X i T e e 5 Q q i 0 U 6 E o 3 G 5 y r 2 9 a f a w X M a U U r Q V d b i U A V 8 F e y 4 m k e W b 9 e u b 1 i S W F g m K y 4 P 1 0 m 0 e 3 x 5 V q b N W c v i 3 6 j L h / u O I j K 8 L s t Y B s 9 F 4 l l c Q A h B J s Q h U 6 i b R U 5 B 4 f g 3 f j r 2 C I i k c M q R U C 4 4 F E u o Y i R w A r D x H W u 2 2 P w 9 d 8 f A 1 f A r 3 5 D l V 3 B G p / J m h b h 8 w F n 7 p v x g x z 9 i b / S h F t K M v 6 l 6 W L A 5 r 7 U F R S O k l C f 0 L H B a J h n V y w Q 0 e Y k 9 w 9 y / Z M 4 Y m F W O T m x 4 s s A W 5 w X 2 N z L g 3 + 9 + d x L 7 T 8 U + A Y C U L b T M J y l M + H Q y S F 7 S T D I / 8 O 6 4 K F 0 4 d 7 g v I === ENDE / codewort : babuschka — stop

tabak
nordpol : 5.52 — Saß am Strand, schleuderte Steine ins Wasser. Für jeden der geschleuderten Steine kletterte ein Mensch aus dem Wasser, es waren ungefähr zwanzig Steine, die ich warf, also zwanzig Menschen. Diese Menschen waren von leichter Gestalt, Menschen, deren Haut aus Pergament zu bestehen schien, sie raschelten, indem sie sich bewegten. In der Nähe eines Waldes, der den Strand zum Landesinneren begrenzte, knieten sie nieder und begannen einander aus der Haut zu helfen. Sie gingen sehr behutsam vor und sie summten und wurden immer leiser, denn unter ihrer trockenen Haut, einer ersten Schicht, lag eine weitere, auch diese Schicht legten sie ab, und immer so fort, bis sie kaum noch zu sehen waren. Zuletzt konnte ich nur noch eine einzelne tabakfarbene Gestalt erkennen, die die Häute der verschwundenen Menschen sorgfältig aufeinanderschichtete und mit Steinen beschwerte. Dann setzte sie sich neben mich. Sie schien zu warten. Ich wachte auf. — stop

=
himalaya : 0.12 — o h r m u s c h e l l ä p p c h e n

=
nordpol : 6.55 — l u n g e n l a p p e n

capote
nordpol : 1.22 — Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Writers Support Services an. Guten Abend, sagte ich, ich benötige dringend einen Capote zum Spazieren am kommenden Samstag. Haben Sie vielleicht einen für mich frei, den Sie mir leihen könnten von 3 Uhr am Nachmittag bis in die Nacht irgendwann? Das Fräulein am anderen Ende der Leitung antwortete: Einen Capote? Bitte warten Sie einen Moment. Also wartete ich. Ich wartete ungefähr fünf Minuten, hörte, wie sie mit irgendwelchen Leuten diskutierte. Ich glaube, sie bedeckte, während sie sprach, mit einer Hand die Mikrofonmuschel ihres Telefonhörers zu. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück: Ja, sagte sie, wir haben einen Capote frei am kommenden Samstag. Wo wollen sie ihn treffen? Ich antwortete, dass ich unbedingt am Strand von Coney Island spazieren müsse, Treibgut sammeln, Sturmzeichen notieren, das Meer betrachten, mit Truman über das Wasser sprechen, über digitale Schreibmaschinen, Funkbücher und alle diese Dinge. Treffpunkt also Brighton Beach Avenue Ecke 3th Street! Wird gemacht, bestätigte das Fräulein, Sie wissen schon, Capotes sind nicht ganz billig? Oh, ja, sagte ich, das will ich gerne glauben. Wie viel, fragte ich, was habe ich zu erwarten? — 150 Dollar die Stunde, antwortete das Fräulein. Sie machte eine kurze Pause, um bald hinzuzusetzen, dass sie etwas weniger berechnen würde, weil jener Capote, der für mich reserviert war, bereits für eine Freitagsparty gebucht worden sei. Er wird nicht ganz frisch am Samstag vor Ihnen erscheinen, sagen wir 120 Dollar, wäre das in Ordnung? — Aber natürlich wäre das in Ordnung, ich jubilierte, ein verkaterter Capote, eventuell leicht betrunken, wundervoll! Ich quittierte 1200 Dollar für zehn Stunden und notierte: Spaziergespräch mit Truman Capote. Samstag, 18. Mai, 15 Uhr. Das war also gestern gewesen. Vor wenigen Minuten wurde mir per Kurier eine Gebrauchsanweisung für Herrn Truman Capote übermittelt. Ein Handbuch. 15 Seiten. — stop
![]()
stehen … schlafen
![]()
nordpol : 3.08 — Wenn man ein Hotel für Stehschläfer betritt, ist das meistens spät in der Nacht, alle weiteren Hotels, welche geeignet wären, im Liegen zu schlafen, sind ausgebucht. Auch mit kleineren Spenden, die man gerne offeriert, weil man müde ist, weil man keinen weiteren Schritt zu tun in der Lage zu sein glaubt, war an den Rezeptionen nichts zu machen. Jetzt ist man also hier, wo man sehr preiswert in Schlafspinden oder ganz einfach an Wänden lehnend schlafen kann. Das Besondere an einem Hotel für Stehschläfer ist, dass sich das Personal um schlafende Gäste auch dann noch bemüht, wenn das Licht längst ausgeschaltet ist. Gurte, welche zur Stabilität um Ober,- und Unterschenkel gewickelt sind, werden straff gehalten, fallende Personen wieder aufgerichtet. Auch für einen tiefen Schlaf wird gesorgt, wie das gemacht wird, davon sollte ich nicht erzählen, nicht das leiseste Wort, niemand will das wirklich wissen, selbst die Schlafenden nicht. Man schläft behütet, man schläft so lange man will, eine Stunde oder eine Nacht oder mehrere Tage. Sobald man nun erwacht, nimmt man seinen Koffer vom Boden auf und geht ganz einfach davon. Es ist schon ein merkwürdiger Anblick, hunderte Menschen, die entlang der Wände eines Saales neben ihren Koffern stehen. Manche sprechen, andere singen leise im Schlaf. Vögel fliegen umher oder sitzen auf den Schlafenden selbst, die sich nicht rühren, obwohl sie noch leben. Irgendwo muss ein Fenster offen stehen. Ein leichter Wind geht. Ich höre das Horn eines Schiffes, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Schiff wirklich existiert. Für einen Moment wird es hell wie am Tag, als ob die Sonne mir direkt ins Auge leuchtet. Eine Hand fährt über meine Stirn, ich höre ein Flüstern, ich meine gehört zu haben, wie jemand sagte: Er ist schon vier Wochen hier, wir müssen ihn wecken oder baden. Ja, irgendwo muss ein Fenster offen stehen. Ein leichter Wind. — stop
kairo
india : 7.00 — Weder darf ich ihren Namen verraten, noch in welcher Stadt sie wohnt oder für wen sie arbeitet. Alles andere darf ich erwähnen, dass sie wirkt, als sei sie einem Fellini-Film entkommen, zum Beispiel. Sie trägt blaue Turnschuhe, helle Seidenstrümpfe und einen grauen, kurzen Mantel mit einem Pelzkragen, der nicht echt ist oder doch, ich kann es nicht sagen. Wenn sie auf ihren langen, äußerst dünnen Beinen vor mir steht, überragt sie mich um einen halben Kopf, kann somit meinen Scheitel betrachten, was nie geschieht, weil sie mir stets auf oder in die Augen schaut, wenn wir miteinander sprechen. Auch dann nämlich schaut sie mir in die Augen, wenn ich ihren Blick nicht erwidere, weil ich gerade irgendeinen anderen Ort ihrer Erscheinung besichtige. An ihrem Hals sitzt ein grüngelber Schmetterling, der zu einem Tattoo gehört, das längst ihren halben Körper bedecken soll. Ich habe einmal einen flüchtigen Eindruck des Hautgemäldes erhalten, als sie mir ihren Bauch zeigte. Ich war begeistert, aber auch ein wenig erschrocken gewesen, ich konnte ihre Rippen sehen, so dünn ist sie, so zerbrechlich, dass man sie als eine Hungerkünstlerin bezeichnen könnte, eine, die gerade so wenig isst, dass sie daran nicht stirbt. Überhaupt, ja, überhaupt das Leben, es ist nicht leicht, das sagt sie mit einer tiefen Stimme. Ihr Mund ist ein kleiner Mund, ihre Augen sind grau, ihr Haar reicht bis fast zu den Kniekehlen herab. Jeder Mann, aber auch alle Frauen drehen sich nach ihr um, wenn sie erscheint und wieder verschwindet. Unlängst hatte sie einen kleinen Koffer gepackt und war mit ihm nach Kairo geflogen. Ich fragte, ob sie sich nicht gefürchtet habe. Nein, antwortete sie, es sei ihr nicht so wichtig am Leben zu bleiben, weil sie eigentlich nicht sehr gerne lebe, das sei schon immer so gewesen, weswegen sie nur ungern trinken und essen würde. Um ein Schälchen Haferflocken zu sich nehmen zu können, muss ein halber Tag vergehen. Das ist für ein Schälchen Haferflocken eine lange Zeit. Sie lacht jetzt. Wenn doch die Männer nicht immer dasselbe wollten, na, Du weißt! Der Künstler, der ihr das Hautgemälde fertigte, habe ihr gesagt, dass er sich fürchtet über ihren blanken Rippen mit der Nadel zu arbeiten. Wieder lacht sie, ein wärmendes Geräusch. — stop




