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nordpol : 1.38 — w a d e n b e i n h ö h l e

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nordpol : 6.46 — Einmal eine Gebärde erfinden, die das Wort particles vollständig enthält. Eine Berührung der Luft. — stop
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nordpol : 10.32 — Gestern, am späten Abend, von einer Brücke über den Tiber aus einen Mann beobachtet, der am Ufer des Flusses vor einer Inselausbuchtung kauerte. Der Mann fütterte größere und kleinere Tiere mit seiner linken Hand, in der rechten Hand hielt er eine Angel fest. Das war nicht sofort zu erkennen gewesen, weil sich im Fluss und auch in der Luft über dem Fluss nichts bewegte, nicht einmal das Wasser zeigte Strömung. Die Flussoberfläche schimmerte im Mondlicht wie ein See, und das Schilf des Ufers schien von Winden, nicht von wildem Wasser gebeugt. Da waren Schatten im Gras der kleinen Insel, hunderte vorwärts oder rückwärts springende Schemen. Noch nie zuvor habe ich so viele Ratten auf einen Blick gesehen. Wie Eisenspäne einer physikalischen Anordnung zur Untersuchung magnetischer Felder waren sie zu dem Mann hin ausgerichtet, wirbelten durcheinander, sobald der Mann Futterware unter die Tiere schleuderte. Dann wieder stilles Warten. Eine Bisamratte, scheuer Herrscher, enterte das Land. — Am folgenden Tag kehre ich morgens zur Nachtbrücke zurück. Der Mann kauert noch immer vor der kleinen Insel und angelt im Fluss. Möwen haben sich genähert. Ratten sind nur wenige zu sehen, aber Tauben. Wenn der Mann einen Fisch erbeutet, wirft er ihn seinen Freunden vor die Füße. An den steilen Wänden der künstlichen Tiberfassung da und dort blühende Büsche. Eidechsen züngeln gegen die Sonne. — stop

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nordpol : 2.28 — Dämmerung. Die Kuppel der Petersbasilika plötzlich in Sicht, wie ich um eine Häuserecke komme. Seltsam blaues Leuchten, als würde sich das abwandernde Licht des Himmels auf den Kupferblechen des Daches spiegeln. Dann ist’s stockfinster geworden und die Kuppel schimmert noch immer Blautürkise wie zuvor. Winzige Menschen spazieren über Bernini’s Platz, sitzen in der warmen Abendluft auf Brunnenrändern und Treppenstufen, die unter Kolonnaden den Platz umarmen. Ziemliche Stille. Kaum Tauben. Keine Katzen, nicht einmal schläfrige Augenlichter. Ein paar Männer arbeiten sich pfeifend durch Türme von Stühlen. Sobald sie einen Stuhl von einem der Gebäude heben, wird es etwas kleiner, bildet eine Reihe aus wie einen Arm, der sich an einer Schnur entlang ausrichtet, tausende wartende Objekte, auf welchen bald Menschen sitzen werden, die beten oder schreien oder ihre Stühle besteigen, weil auch andere bereits auf Stühlen stehen. Das ist der Moment, da man als Pilger oder Beobachter vielleicht seinen Namen heimlich in einen der Stühle ritzen möchte oder eine Figur zeichnen, die Ähnlichkeit zur eigenen Person aufzeigen wird, sodass man etwas zurücklässt auf dem Platz, ein Antennenbild um späterhin päpstlichen Segen aus der Ferne einfangen zu können. Michelangelo heimlich, eine Vorstellung, die möglich ist in der Nacht im sanften Laternenlicht nahe dem Maderno-Brunnen, wie er sich nach Jahrhunderten wundert über das Blau dieser Kuppel, das er so nicht angeordnet haben mag. — stop

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lima : 1.38 — Frühmorgens, sobald ich den anatomischen Präpariersaal betrete, immer wieder der Eindruck, an einem nicht wirklichen Ort zu sein, an einem geträumten Ort, obwohl ich der festen Überzeugung bin, längst wach geworden zu sein. Ich schlendere, unwirklich selbst und wirklich zugleich, an jungen Menschen vorüber, die Herzen oder Gehirne oder Muskelgruppen studieren, und ich höre, wie sie von einer Dampferfahrt erzählen, die sie am Abend zuvor unternommen haben, höre, wie sie sich verabreden, höre, wie sie mich grüßen. Manchmal reiche ich eine Hand und ich spüre eine weitere Hand in meiner Hand, ihre Bewegung, und doch der Gedanke, beide Hände und jede der Stimmen um mich her könnten nicht wirklich existieren. — Alles, was ich sehe und höre, sehe und höre ich in meinem Kopf. — stop

alpha : 0.22 — Die Entdeckung des Wortes mikobeli ereignete sich am 20. Dezember des Jahres 2007. Ich machte das so: Zunächst schloss ich die Augen. Dann versuchte ich lauthals Wörter auszusprechen, die ich nie zuvor hörte. Eine nicht ganz einfache Aufgabe. Kurz darauf notierte ich das Wort mikobeli auf ein Blatt Papier und prüfte, ob das Wort in den Verzeichnissen der Googlemaschine bereits enthalten sein könnte. Das war nicht der Fall, ich war zufrieden. Einige Zeit, zwei oder drei Wochen lang, versuchte ich weitere unbekannte und zugleich wohlklingende Wörter zu entdecken, dann hörte ich damit auf. Heute, Dienstag, 4. September 2012, um kurz nach 17 Uhr MESZ, wurde mir das Wort mikobeli wieder in Erinnerung gerufen, in dem ich bemerkte, dass nahe Tiblisi (Georgien) nach genau diesem erfundenen Wort in den Googleverzeichnissen gesucht worden war. Und weil nun das Wort mikobeli in meinem digitalen Schatten zu finden war, durfte ich für wenige Minuten einen Besucher aus dem Kaukasus auf meiner Particles – Seite verzeichnen. Erstaunlich ist, dass das Wort mikobeli von meiner Analysemaschine mittels georgischer Schriftzeichen wiedergegeben wird, fein und weich und vollständig fremd. Irgendein Mensch, stellte ich mir vor, könnte in derselben Art und Weise wie ich das Wort mikobeli erfunden haben und hatte kurz darauf nach Spuren seiner Existenz im Internet gesucht. Eine aufregende Geschichte, die sich tatsächlich genauso ereignete. Bitte melden! — stop
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nordpol : 8.27 — Xiang, 24, notiert in einer E‑Mail über Musik und Anatomie – zwei Begriffe, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher erkenne ich eine mögliche Verbindung. Sicher ist es das Thema des Todes, dass die Musik dort dominieren würde, sodass mir spontan Besetzungen wie Orgel (allmächtiger Charakter), Xylofon (Kälte, Leblosigkeit) oder Chor (Totenklage) einfallen. Ich kann mir entweder sehr alte Musikstile, wie Gregorianik und Frühbarock, oder Musik des 20./21. Jahrhunderts vorstellen, z. B. John Cage oder George Crumb, deren Intention immerhin gerade in einer gewissen Absurdität, Grenzüberschreitung, bzw. in gewollter Entfernung von der Ästhetik der Wirklichkeit zu finden ist. Gerade dieses Moment prägt die Atmosphäre des Präpariersaales: eine zwar artifizielle, jedoch nicht primär ästhetische Arbeit an menschlichen Körpern, die durch den Tod und den Vorgang des Haltbar-Machens von einem Individuum zu einem Präparat verwandelt wurden, sodass Zeitlosigkeit an die Stelle dynamischen Lebens getreten ist. Es ist nicht leicht an Musik in diesem Zusammenhang zu denken, da sich Musik gerade durch ihren ewigen Fluss, ihre im Inneren geborgene Lebendigkeit auszeichnet, ihre Seele, die niemals sterben kann, selbst dann nicht, wenn noch so viele Versuche unternommen werden, sie in Momentaufnahmen zu konservieren. — stop

